UNESCO Chair "Hochschulbildung für nachhaltige Entwicklung"

Welche Rolle spielt nachhaltige Entwicklung in der Hochschulbildung? Wie kann Studierenden – zusätzlich zu den Inhalten ihres jeweiligen Fachstudiums – ein ganzheitliches und verantwortungsbewusstes Verständnis von Wissenschaft vermittelt werden, das Nachhaltigkeitsaspekte einbezieht? Welche Kompetenzen benötigen sie, um die Auswirkungen ihres Handelns auf künftige Generationen und andere Weltregionen abschätzen und so verantwortungsvolle Entscheidungen für die Zukunft treffen zu können? Und wie können entsprechende Lehr- und Lernformate in die Curricula von Hochschulen integriert werden? Mit diesen Fragen befasst sich der UNESCO Chair „Hochschulbildung für nachhaltige Entwicklung“.

  • Hintergrund und Entstehungsgeschichte
  • Ziele und Aktivitäten
  • Selbstverpflichtung der deutschen UNESCO Chairs
  • Modul „Wissenschaft trägt Verantwortung“

Hintergrund und Entstehungsgeschichte

Der UNESCO Chair wurde 2005 an Prof. Dr. Gerd Michelsen verliehen. Der Lehrstuhl ist der einzige der insgesamt elf in Deutschland existierenden UNESCO Lehrstühle, der auf das Thema „Nachhaltigkeit“ fokussiert. Die UNESCO würdigte mit ihrer Verleihung Professor Michelsens herausragenden Forschungs- und Lehraktivitäten zu nachhaltiger Entwicklung im Kontext von Kommunikation und Hochschulbildung. Hervorgegangen ist der Chair aus dem Arbeitsbereich „Kommunikation und Nachhaltige Entwicklung“ des Instituts für Umweltkommunikation (INFU), mit dem er nach wie vor assoziiert ist. Die Arbeitsgruppe um Professor Michelsen trägt seit über 15 Jahren in entscheidender Weise zur Theoriebildung und Professionalisierung in der Nachhaltigkeitskommunikation und zur Förderung individueller, institutioneller und kollektiver Kompetenzen für eine nachhaltigkeitsorientierte Zukunftsgestaltung bei.

UNESCO-Lehrstühle verpflichten sich, durch internationale Zusammenarbeit, interkulturellen Dialog und interdisziplinäre Lehre und Forschung zu den Zielen der UNESCO beizutragen. Die Verleihung eines UNESCO Chair ist daher nicht nur eine Auszeichnung für vergangene Aktivitäten, sondern ein Auftrag für die Zukunft. Die Vergabe des Chair an Professor Michelsen erfolgte vor dem Hintergrund der UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“, die die Vereinten Nationen für die Jahre 2005 bis 2014 ausriefen. Ziel des Programms war es, das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung in allen Bereichen der Bildung zu verankern. Als Mitglied des Nationalkomitees der Deutschen UNESCO-Kommission begleitete Professor Michelsen die Umsetzung der Dekade in Deutschland. Auch an der Weiterführung der Aktivitäten im Rahmen des 2014 von der UNESCO-Generalkonferenz verabschiedeten Weltaktionsprogramms „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ ist Professor Michelsen beteiligt.

Mit seiner internationalen Vernetzung und seiner weit über die enge Fachcommunity hinausreichenden Strahlkraft ist der UNESCO Chair „Hochschulbildung für nachhaltige Entwicklung“ auch für die Leuphana insgesamt von großer Bedeutung. Auf hervorragende Weise spiegelt er das Leitbild der Universität wider, das sich an den Prinzipien Nachhaltigkeit, Handlungsorientierung und Humanismus orientiert.

Ziele und Aktivitäten

Nachhaltigkeit als Handlungsmaxime mit ökologischen, ökonomischen, sozialen, kulturellen und politischen Dimensionen fand bislang in der Hochschulbildung nur wenig Berücksichtigung. Den künftigen Herausforderungen ist jedoch nur dann erfolgreich zu begegnen, wenn bereits an Universitäten und Hochschulen ein Bewusstsein für die Bedeutung und Komplexität nachhaltiger Entwicklung in allen ihren Facetten vermittelt wird. Studierende benötigen – zusätzlich zu ihrem jeweiligen Fachstudium – methodische und soziale Kompetenzen, die sie befähigen, Probleme nachhaltig und zukunftsorientiert zu lösen. Ziel des UNESCO Chair ist es daher, nachhaltige Entwicklung als integralen Bestandteil von Forschung und Lehre zu verankern und durch internationale Kooperationen mit Universitäten weltweit voranzubringen.

Der UNESCO Lehrstuhl entfaltet eine Vielzahl von Aktivitäten, um sein Ziel zu erreichen. Die am Lehrstuhl durchgeführten Forschungsarbeiten leisten wichtige Beiträge zur wissenschaftlichen Theoriebildung und zum Transfer von Forschungsergebnissen in den Bereichen Universitätsentwicklung, Hochschulbildung, Kompetenzentwicklung und –messung sowie zu aktuellen Themen nachhaltiger Entwicklung. Die gewonnenen Erkenntnisse werden in verschiedenen Lehr-Lernformaten u.a. im Rahmen des Leuphana-Semesters in die Praxis umgesetzt. Zudem kooperiert der UNESCO Chair mit zahlreichen internationalen Universitäten. So führte die Leuphana beispielsweise mit sechs südamerikanischen und drei europäischen Partnerhochschulen ein Projekt zur Hochschullehre durch. Zudem wurden verschiedene bilaterale Verbindungen geknüpft, aus denen stabile Hochschulkooperationen hervorgegangen sind, etwa mit der Pontificia Universidad Católica del Perú in Lima/Peru.

Selbstverpflichtung der deutschen UNESCO Chairs

verabschiedet anlässlich eines Chair-Treffens an der Leuphana Universität Lüneburg am 30. September 2016

Weltweit über 700 UNESCO Chairs fördern die Prinzipien der UNESCO in Wissenschaft und Bildung und die internationale Hochschulkooperation. In Deutschland bekennen sich derzeit 12 UNESCO Chairs in verschiedenen Themenbereichen zu diesen Prinzipien Menschenrechte, nachhaltige Entwicklung, kulturelle Vielfalt in Forschung und Lehre.

Charakteristisch für die Arbeit der UNESCO Chairs sind die Vernetzung und die interuniversitäre Kooperation auf internationaler Ebene, insbesondere mit Ländern des globalen Südens. Sie streben nach einem inter- und transdisziplinären Profil und kooperieren eng mit gesellschaftlichen Akteuren.

Die Sustainable Development Goals (SDGs) sind ein grundlegender Orientierungsrahmen. Für die Erreichung der Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 betonen sie die besondere Bedeutung von Wissenschaft, Bildung, Kultur und Kommunikation für nachhaltige Entwicklung.

Vor dem Hintergrund unserer gesellschaftlichen Verantwortung unterstreichen wir, die deutschen UNESCO Chairs, unsere individuelle und kollektive Verpflichtung, die Ziele des UNESCO Chair-Programms, insbesondere mit Blick auf die Zusammenarbeit in Deutschland, unter anderem mit Hilfe folgender Maßnahmen zu unterstützen:

  • gemeinsame Projekte zu initiieren, die die jeweilige wissenschaftliche Exzellenz mit der für UNESCO Chairs spezifischen, fachübergreifenden Perspektive zusammenbringen,
  • die Diskurse in den eigenen Fachgebieten im Sinne der SDGs mitzugestalten,
  • eine Open Educational Ressource (OER) zu einem UNESCO-Modul zu erarbeiten, das von allen UNESCO Chairs in Deutschland an den jeweiligen Hoch-schulen realisiert werden kann,
  • den Austausch von Erfahrungen und Wissen online und in jährlichen Tagungen zu pflegen,
  • die besondere Expertise der UNESCO Chairs gegenüber der UNESCO, in Zusammenarbeit mit der Deutschen UNESCO-Kommission und mit anderen UNESCO Chairs in aller Welt einzusetzen,
  • diese besondere Expertise auch bei einschlägigen Institutionen und Verbänden in Deutschland sichtbar zu machen,
  • die Unterstützung für UNESCO Chairs und ihre Ausstattung in den jeweiligen Hochschulen, gemeinsam mit der Deutschen UNESCO-Kommission, zu verbessern (z.B. rechtliche Rahmenbedingungen),
  • aktiv die Zusammenarbeit mit anderen UNESCO-Netzwerken und UNESCO Chairs in anderen Ländern zu suchen.

Auf dieses Selbstverständnis haben sich die deutschen UNESCO Chairs am 30. September 2016 im Rahmen ihrer Tagung in Lüneburg gemeinsam verständigt.

Nachfolgend können Sie die vollständige Selbstverpflichtung herunterladen:

Modul „Wissenschaft trägt Verantwortung“

Anwendung finden die am UNESCO Chair „Hochschulbildung für nachhaltige Entwicklung“ gewonnenen Erkenntnisse insbesondere im Modul "Wissenschaft trägt Verantwortung" des Leuphana-Semesters. Erstsemester-Studierende werden hier in fachübergreifende Perspektive an das Thema Nachhaltige Entwicklung herangeführt. Eine Ringvorlesung und begleitende Tutorien geben den Studierenden einen Überblick über das vielschichtige Thema. Hier erhalten sie das erste Rüstzeug, um sich in der interdisziplinären Nachhaltigkeitsforschung orientieren zu können. In parallel dazu stattfindenden Projektseminaren haben die Studierenden Gelegenheit, das erworbene Wissen im Sinne des Forschenden Lernens in einem ersten eigenen kleinen Forschungsprojekt anzuwenden. Die Ergebnisse ihrer Arbeiten präsentieren die Studierenden am Ende des Semesters im Rahmen einer studentischen Konferenz.