Tagung: Tribunalismus - Kunst als Prozess

07. Okt - 08. Okt

Tagung am 7. und 8. Oktober 2021, 10:00 – 19:00 Uhr, Leuphana Universität Lüneburg (genauer Veranstaltungsort wird noch bekanntgegeben)

Im Theater, im Kino, in der Literatur, vor allem aber im Bereich der Performancekunst wurde in den letzten Jahrzehnten das historische Format des politischen Tribunals zu einer immer einflussreicheren künstlerischen Kommunikationsstruktur über gesellschaftliche Konflikte. In inszenierten oder live aufgezeichneten (Wieder-)Aufführungen rechtlicher und sozialer Verständigungen, die sich bis zur Identifikation in gesellschaftliche Wahrheitsfindungs- und Versöhnungsprozesse hineinversetzen können, bilden sich im Künstlerischen völlig neue performativ sprechende und zuhörende Rechtssubjekte heraus, es entstehen neuartige Sichtbarkeiten und Sprecher*innenpositionen. Das sich potentiell ausdifferenzierende Spektrum subjektiver Wahrnehmungen und Beurteilungen artikuliert in seiner öffentlichen Aufführung zuvor nicht miteinander konfrontierbare Haltungen und Standpunkte, grenzt an Erscheinungsformen des Protests und der Aufklärung. Im Wechselspiel von Anklage und Bekenntnis, im Erscheinen des Geheimen und bis dahin Ungehörten, in der verunsichernden Erfahrung der Veränderlichkeit vormals fester Positionen begegnen Teilnehmenden und Betrachter*innen im „Tribunalismus“ der Kunst zentrale Eigenschaften des historischen Tribunals.

Das Russell-Tribunal gegen den Vietnam-Krieg wurde mit Peter Weiss’ Theaterstück „Viet Nam Diskurs“ und dessen Wanderungen zwischen Tribunal, Theater und Protest (aus dem und am Theater) in jüngerer Zeit zu einer wichtigen Referenz für künstlerische wie aktivistische Grenzerfahrungen zwischen Recht und Kunst. Filme wie „Das Weltgericht von Bamako” (Abderrahmane Sissako, 2006) oder „Landscape as evidence. Artist as witness“ (Zuleikha Chaudhari, 2017), das Aktionsbündnis „Tribunal: NSU-Komplex auflösen“, teilweise  in Zusammenarbeit mit der Gruppe „Forensic Architecture“, Aufführungen wie „Die Moskauer Prozesse“ oder „Das Kongo-Tribunal“ (Milo Rau, 2013 bzw. 2015), das „Kapitalismustribunal“ (2016) – dies sind nur einige Tribunale, die im künstlerischen Bereich stattgefunden haben.

Die Tagung „Tribunalismus. Kunst als Prozess“ versammelt Künstler*innen, Rechtstheoretiker*innen, Theater-und Kunstwissenschaftler*innen und Aktivist*innen, um zu diskutieren, welche Freiräume künstlerische Tribunale eröffnen, was zur Sprache gebracht werden kann, was andernorts und auf andere Weise nicht gesagt werden kann, wie sich die Anrufung einer juridischen Form zur Rechtsskepsis oder Rechtskritik verhält, wie die Urteilslosigkeit der Tribunale sich sowohl zu anderen Protestformen als auch zu möglichen Folgen verhält, und nicht zuletzt, welche neuen Rechtssubjekte imaginiert und inszeniert werden.

Tagungs- und Ausstellungsteilnehmer*innen: Zuleikha Chaudhari, Tyler Coburn, Alice Creischer, Radha d’Souza, Rajkamal Kahlon, Helen Knowles, Daniel Loick, Sven Lütticken, Sylvia Sasse, Madlyn Sauer, Ronald Searle, Abderrahmane Sissako, Peter Spillmann, René Talbot, Mirjam Thomann.

Weitere Informationen

Organisation: Susanne Leeb und Clemens Krümmel.

Hier finden Sie ab Mitte September 2021 detailliertes Tagungsprogramm.

Zur Anmeldung für die Tagung wenden Sie sich bitte an Manuel Clancett.

Für die Teilnahme an der Tagung sowie für den Besuch der Ausstellung ist der Nachweis eines der 3 Gs (genesen, getestet, geimpft) erforderlich.