LIAS Lecture: »›I am Toussaint Louverture‹: Who is the Subject of Radical Enlightment?«

28. Mai

Nick Nesbitt, Professor, Department of French & Italian, Princeton University | Maud Meyzaud, Professor für Neuere deutsche und Vergleichende Literaturwissenschaft, Leuphana (Moderation)

Datum: Mittwoch, 28. Mai 2026, 18–20 Uhr
Ort: Campus | Hörsaal 5

Die Radikalaufklärung fand ihren Ursprung vermutlich in der malischen Mande-Charta von 1222, die bereits Jahrhunderte vor der englischen, amerikanischen und französischen Revolution das universelle Recht aller Menschen auf Freiheit von der Versklavung geltend machte. In einem zweiten Schritt setzte Spinozas Ethik von 1677 dem aufkommenden Konzept des Naturrechts eine Ethik der menschlichen Glückseligkeit und der sozialen Existenz entgegen, die jenseits von jeglichem Moralismus von Gut und Böse stand. Diese spinozistische Radikalaufklärung fand erstmals – wenn auch nur allzu kurz – in der Jakobinerrevolution von 1793 und ihrer nie verabschiedeten Verfassung ihren Ausdruck. Ich möchte in diesem Vortrag jedoch darlegen, dass erst mit dem Auftreten von Toussaint Louverture und der Haitianischen Revolution (1791–1804) das Versprechen der mande-spinozistisch-jakobinischen Radikalenaufklärung als universelle Emanzipation erfüllt wurde. 
Denn erst 1793 verkündete Toussaint Louverture in Saint-Domingue im Anschluss an den Sklavenaufstand vom August 1791 in seiner berühmten Rede, dass es in dem politischen Kampf der ehemaligen Sklaven, in deren Namen er sprach, nicht um die besonderen Rechte einiger weniger, um eine Fortsetzung der Politik der Kasten und Privilegien gehe, sondern um die allgemeine, sogar universelle Abschaffung der Sklaverei, ein Versprechen, das erstmals mit der Gründung des haitianischen Staates am 1. Januar 1804 verwirklicht wurde.
Bei aller Kraft und Originalität blieb dieser radikale Aufstand jedoch zu jeder Zeit den Anforderungen des globalen Kapitalismus unterworfen, was sich zunächst in den Arbeitsverordnungen von Sonthonax und Louverture und anschließend in Henri Christophes Code Henry manifestierte. Vor dem Hintergrund einer fortbestehenden und sogar verstärkten atlantischen Sklaverei und eines expandierenden globalen Kapitalismus erforderte die Aufrechterhaltung echter Freiheit von der Versklavung – die weltgeschichtliche Errungenschaft der haitianischen Revolution – unmittelbar den Anbau von cash crops (d. h. Zucker), um einen fragilen Nach-Sklaverei-Staat zu finanzieren. Die Freiheit der haitianischen Radikalaufklärung scheiterte somit unmittelbar an der Neosklaverei des globalen Kapitalismus und dem Antagonismus der umliegenden Sklavenstaaten, in einer haitianischen Dialektik der Radikalaufklärung, die bis in die Gegenwart hineinreicht.

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  • Dr. Christine Kramer