Vorlesungsverzeichnis

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Veranstaltungen von Prof. (apl.) Dr. habil. Ulf Wuggenig


Lehrveranstaltungen

Zugzwang: Kants umstrittenes Erbe (Seminar)

Dozent/in: Ulf Wuggenig, Cheryce von Xylander

Termin:
wöchentlich | Montag | 14:15 - 15:45 | 02.04.2024 - 05.07.2024 | C 5.325 Seminarraum

Inhalt: Unlängst gab der Gouverneur von Kaliningrad dem deutschsprachigen Philosophen Kant die Schuld am Ukraine Krieg. Dieser Vorwurf fiel nicht als beiläufige Floskel, sondern wurde in einem ausgearbeiteten Vortrag auf einer wissenschaftlichen Tagung vorgetragen. Der gesamte Wertekanon des Westens – welcher Ukraine und die NATO einer verwerflichen Freiheitsideologie unterworfen habe – gehe von diesem Aufklärungsdenker aus. Zu allem Überfluss stammte und wirkte besagter Bösewicht, zeitlebens, auch noch in besagtem Kaliningrad, ehemals Königsberg, der Hauptstadt Ostpreußens. Interessanterweise trifft Kant auf der Gegenseite auf ebenso erbitterte Gegner*innen: Freiheitsverfechter*innen, die zu Recht die Unterdrückung kolonialisierter Bevölkerungen ebenso wie von Frauen verurteilen, sehen in Kant den Urheber des "scientific racism" (siehe englischen Wikipedia Eintrag zu Kant). Dieser habe die Unterdrückung für legitim und rechtmäßig erklärt sowie maßgebliche Denkmuster des nationalsozialistischen Vernichtungsprograms mitgeprägt. Zudem hat Kant noch falsche Freunde unter glühenden AfD-Anhänger*innen, die in ihm einen strammen Preußen erkennen, der das Herz vereidigter Reichsbürger*innen höher schlagen lässt. Es gibt eine kleine aber inbrünstige Gefolgschaft von Kant Getreuen, die in ihm die Vollendung einer verloren gegangenen Hochkultur hochhalten, das Ostpreußen der Kaiserkrönungen und Trakehner Gestüte, die das deutsche Militär mit Kampfpferden bestückten. Und dann kommt noch der hegemoniale Konsens hinzu – sämtliche staatstragende Organe und die Garde hiesiger Berufspolitiker*innen, die alle wie selbstverständlich diesen Weltweisen zitieren als bedürfe die Behauptung seiner unanfechtbaren Größe keiner weiteren Rechtfertigung. Ein seltsames Erbe. Warum also in Gottes Namen sollte sich irgendjemand noch für Kant interessieren, geschweige denn sich mit Kant näher befassen? Die Gründe dafür werden wir in dem Seminar eruieren. Aber ein erster Hinweis ergibt sich schon aus den widersprüchlichen Auf- und Anrufungen dieses Denkers -- warum wird gerade er heute in so plakativer Weise im Munde geführt? Und wie können sich derart radikal unvereinbare Auslegungen ergeben? Zugzwang heißt das Seminar, weil der politisch denkende Mensch in der gegenwärtigen weltpolitischen Lage es sich nicht leisten kann in Sachen Kant unbedarft, unbelesen und indifferent zu bleiben. Es steht zu viel auf dem Spiel. Womöglich hat der historische Kant mit seinen einseitigen Aneignungen wenig gemein? Warum wird sein Erbe dann für propagandistische Zwecke missbraucht? Handelt es sich um machtstrategische Spielzüge im Feld politischer Positionierungen? Das wirklich Bemerkenswerte daran ist dabei der außerordentlich hohe Stellenwert des Schachspiels in Kants eigener Theoriebildung. Eine frappierende Wiederkehr taktischer Tiefengrammatik. Ein weiterer Grund, dieses Seminar an der Leuphana anzubieten, ist darin zu sehen, dass die Hansestadt Lüneburg am Anfang der Kant-Dekade, verkündet anlässlich des bevorstehenden 300. Geburtsjahrs des Philosophen, zur Kant-Stadt erkoren wurde. In diesem Jahr erreichen die Feierlichkeiten ihren Gipfel: Kant wurde am 22. April 1724 geboren. Um zu erfahren, wie Lüneburg (928,5 km von Kaliningrad entfernt) zu dieser Ehre gelangte, sind Sie herzlich zur Teilnahme an diesem Seminar eingeladen.

ENTFÄLLT! Vertreibung aus dem »Walled Garden«: Datentheoretische Überlegungen zu den europäischen Digitalstrategien (Seminar)

Dozent/in: Ulf Wuggenig, Cheryce von Xylander

Inhalt: KI und Big Data gehen Hand in Hand. Das eine ermöglicht das andere. In diesem Seminar, das in das Forschungsprojekt »Commodified Agency« eingebunden ist, welches sich den mit der Digitalisierung einhergehenden gesellschaftlichen Transformationen widmet, denken wir diese zwei Vektoren des digitalen Wandels zusammen. Ihre vereinte Reichweite ist global, doch ihr Wirken bleibt auch immer in einem beträchtlichen Ausmaß lokal. Eines der großen Versprechen von Brexit war die sich mit dem Austritt aus der EU ergebende Aussicht, die digitalen Regulierungsgesetze nach britischen »common sense« Vorstellungen anzupassen. Während die Vereinheitlichungstendenzen der digitalen Dienstleistungen und die Abwehr von Monopolbildungen am digitalen Markt viele Schlagzeilen machen, bleiben das national Spezifische, Idiosynkratische, Partikularistische der Infrastrukturen, IT-Ausstattungen, Vertragsausgestaltungen, Datenverwaltungsmodi und Vorstellungen von Intelligenz als solche meist unkommentiert. Dabei prägt diese Divergenz im Kleinen die Entwicklung der Weltvernetzung im Großen. In diesem Seminar werden wir die von der EU Kommission und dem EU Parlament konzipierten bzw. beschlossenen Regulierungsmaßnahmen – Digital Markets Act, Digital Services Act und Artificial Intelligence Act – betrachten und dabei auch ein Augenmerk auf das Zusammenspiel zwischen supranationaler und nationaler Ebene (nationale Digitalstrategien) richten. Wir wollen die in Gang gesetzten und noch geplanten Maßnahmen erfassen – einschließlich ihrer auf sozialwissenschaftliche Forschung gestützten Vorbereitung und Begleitung (z.B. spezielle, Technologie- bzw. KI-Akzeptanz erfassende Eurobarometer-Studien) – sowie ihre zu erwartenden Auswirkungen untersuchen. Welche bzw. wessen Interessen werden hier primär berücksichtigt? Die Anliegen der großen Tech-Firmen stehen etwa den Belangen der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) entgegen. Der Schutz der Nutzer*innen steht wieder auf einem anderen Blatt. Regulierungsforderungen (seitens der EU-Kommission und der Regierungen sowie der Verbraucherorganisationen) kollidieren mit Deregulierungsansprüchen (seitens der Industrie), Risikoaversion steht Disruptions-Bereitschaft entgegen. Mit dem Cultural Theory Ansatz von Mary Douglas – berühmt für ihre Studie »Risk and Culture« (gemeinsam mit Politikwissenschaftler Aaron Vildavsky) – möchten wir dieser Vielfalt der Positionierungen im Feld digitalen Handelns eine strukturelle Logik entnehmen. So soll, z.B., die Sängerin Grimes als Grenzgängerin zwischen Hipster Chic, einerseits, und Muttertier (im Frauengestüt) für den »Tech-Monarchen« Elon Musk, andererseits, in ihrem Handeln besser zu verstehen und einzuordnen sein. Auch die kürzlich verhängte Milliarden-Strafe gegen Apple und die Google auferlegte Geldbuße werden vor dem Hintergrund der Digitalstrategie der Europäischen Kommission untersucht. Ein weiterer theoretischer Bezugspunkt für das Seminar sind die aktuellen Diskurse um die adäquate Einordnung der zu beobachtenden gesellschaftlichen Dynamiken. Haben wir es zu tun mit Online-Kapitalismus, digitalem Kapitalismus oder gar einer Refeudalisierung des Kapitalismus? Eine besondere Qualität dieses Seminars besteht in der Intermedialität der Forschung. Im Rahmen des von der VW-Stiftung geförderten zukunft.niedersachen Projekts »Commodified Agency: Social Space and the Digital Data Value Chain« entsteht derzeit ein Film, der mit einschlägigen Philosophen und Sozialwissenschaftler*innen 2023 auf der Insel von La Palma gedreht wurde und sich mit den Fragen des Seminars beschäftigt. Sie werden die einmalige Gelegenheit erhalten, an den Diskussionen um die Gestaltung dieses Films insgesamt und des Rohschnitts im Besonderen mitzuwirken. Die praktische Prüfungsleistung wird darin bestehen, dass Sie Film-Segmente bearbeiten und das Wesentliche für die Fragestellungen des Seminars nach Ihrem Ermessen markieren. Die Film-Segmente zeigen Interviews in zwei Kamera Ansichten, das laufende Gespräch der Film-Protagonist*innen in Echtzeit und die vollständig transkribierten Dialoge. Am Fließtext können Sie an der editorische Filmbearbeitung mitwirken. Sie sind herzlich eingeladen, die Vermittlung von Ergebnissen der Forschung möglichst publikumsfreundlich und generationsübergreifend aufzubereiten.

Einführung in die Kunstgeschichte als Kulturwissenschaft (Vorlesung)

Dozent/in: Max Koß, Susanne Leeb, Sandra Neugärtner, Lynn Rother, Vera Schulz, Beate Söntgen, Jordan Troeller, Ulf Wuggenig

Termin:
wöchentlich | Donnerstag | 14:15 - 15:45 | 04.04.2024 - 02.05.2024 | C 40.256 Seminarraum
wöchentlich | Donnerstag | 14:15 - 15:45 | 16.05.2024 - 04.07.2024 | C 40.256 Seminarraum

Inhalt: Die Vorlesung vermittelt Grundlagen einer kulturwissenschaftlich ausgerichteten Kunstgeschichte der Moderne und der zeitgenössischen Kunst. Studierende werden vertraut gemacht mit Kunstwerken und Fragen, Themenfeldern und Diskussionen, die die Kunst seit der Moderne bis heute bestimmen. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie Kunst an gesellschaftlichen Problemlagen beteiligt ist. Einerseits greift Kunst in gesellschaftliche Zusammenhänge ein oder verhält sich dazu. Wir verstehen Kunstwerke als materiell-intellektuelle Artikulationen und Einlassungen in eine zeithistorische wie künstlerische Problemstellung. Anderseits wird sie von einer jeweiligen historischen Situiertheit und einem sozialen Kontext mitbestimmt. In der Vorlesung tragen wir daher in der Diskussion einzelner Arbeiten nicht nur ihrer spezifischen Materialtiät, Ikonographie, möglichen Aussagen und der (Post-)Medialität Rechnung, sondern immer auch den Kontexten, in denen Kunstwerke stehen. Insofern sind die institutionellen Rahmenbedingungen ebenfalls Teil von Kunst und visueller Kultur. Diese Herangehensweise hat Einfluss auf die kunsthistorische Methodik. Der gesellschaftliche (institutionelle, soziale, geschlechtsspezifische, politische) Umgang mit Kunst und visueller Kultur wird ebenso thematisiert, wie die Fragen, die ein Kunstwerk oder ein Artefakt der visuellen Kultur aufwerfen. Die Vorlesung ist entsprechend eher nach Themen und Fragestellungen gegliedert, u.a. Genderfragen, ökonomische Rahmenbedingungen und Mechanismen des Kunstmarktes, Ausbildungsformen der Kunst, Raub und Restitution, Ökologie, Kunst und Arbeit u.v.a. Insgesamt richtet sich die Vorlesung aus an einer transkulturellen Kunstwissenschaft, die der Tatsache Rechnung trägt, dass gerade Kunst und visuelle Kultur auch Dokumente und Künstler*innen und Kulturproduzent*innen auch Akteure einer reichhaltigen Verflechtungsgeschichte sind, die sowohl emanzipatorisch (etwa der Internationalismus der 1920er Jahre, Migrationsgeschichten) als auch gewaltförmig sein kann (Kolonialismus, Weltkriege etc.).