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Startwoche 2026: Wenn Krieg digital wird

12.10.2026 Wie verändert Künstliche Intelligenz moderne Konflikte? Und wie kann eine demokratische Gesellschaft damit umgehen? Oberst i.G. Sönke Marahrens, Abteilungsleiter im Zentrum Digitalisierung der Bundeswehr, diskutierte mit Studierenden über Desinformation, militärische Abschreckung und die Bedeutung gesellschaftlicher Resilienz.

Sönke Marahrens ©Justus Kastenschmidt
Krieg finde längst nicht mehr nur auf dem Schlachtfeld statt. Er könne sich in sozialen Netzwerken, auf Smartphones und in den Köpfen der Menschen abspielen. Genau darin sieht Sönke Marahrens eine der größten Herausforderungen moderner hybrider Kriegsführung.

Es ist ein Thema, das bewegt; eines, das Raum und Zeit braucht. Die Diskussion dauert mehr als eine Stunde länger als geplant. Rund 40 Studierende sind nach der Veranstaltung geblieben. Sie wollen weiterreden, haben Fragen, viele davon kritisch. Oberst Sönke Marahrens lädt sie ein, sich zu ihm zu setzen. Er selbst hockt sich auf den Rand der Bühne, auf der er wenige Minuten zuvor noch mit Ricardo Usbeck über hybride Kriegsführung diskutiert hat. Der Professor für Wirtschaftsinformatik mit Schwerpunkt Künstliche Intelligenz und Erklärbarkeit moderiert den Nachmittag.

Krieg finde längst nicht mehr nur auf dem Schlachtfeld statt. Er könne sich in sozialen Netzwerken, auf Smartphones und in den Köpfen der Menschen abspielen. Genau darin sieht Marahrens eine der größten Herausforderungen moderner hybrider Kriegsführung. „Es geht immer um Emotionen, Hate, Rage.“ Künstliche Intelligenz verschärfe das Problem, weil Desinformation heute in wesentlich größerem Umfang produziert werden könne. Was früher in sogenannten „Trollfabriken“ von vielen Menschen erstellt wurde, könne zunehmend mithilfe von KI automatisiert werden. Marahrens ruft die Studierenden deshalb auf, „robust und kritisch“ zu sein.

Die zentrale Gefahr sieht der Sicherheitsexperte nicht nur in falschen Informationen, sondern auch im Verlust von Vertrauen: „Man muss verstehen, dass ein Gegner sich nicht darum kümmert, ob du für etwas oder gegen etwas bist.“

Genau diesen Vertrauensverlust fühlen auch einige Studierende. Marahrens verweist darauf auf die Macht des Volkes in einer Demokratie: „Geht wählen!“ Nicht zu wählen, sei für ihn keine neutrale Entscheidung: „Wenn ihr wählt, dann werden andere nicht gewählt.“

Die Angst vor Krieg ist im Raum. „Ich empfinde großen Widerstand gegen Krieg“, sagt eine Studentin. „Ich auch“, unterstrich Marahrens. Er hat selbst Kriegsschauplätze erlebt, war in Afghanistan und im Kosovo. Seine Antwort: Abschreckung und militärische Fähigkeiten. „Wir müssen kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen.“

Die aktuelle Krise sei nur gemeinsam zu lösen, betont Ricardo Usbeck. Verschiedene wissenschaftliche Disziplinen könnten mit ihrer Forschung zur Bewältigung der Krise beitragen: „Deswegen haben wir als Leuphana das Leuphana Center for Cooperative Security (LCCS) gegründet.“ 

Marahrens nimmt sich Zeit für die Fragen der Studierenden und beantwortet sie ausführlich, häufig mit historischen Bezügen. Ein Student spricht den Zusammenhang zwischen KI und Entmenschlichung an. Marahrens erinnert an einen Heiligabend im Ersten Weltkrieg. Deutsche Soldaten sangen an der Front ‚Stille Nacht, Heilige Nacht‘. Franzosen und Engländer stimmten ein: „Menschen töten einander nur, wenn sie auf der anderen Seite keinen Menschen sehen.“ 

„Wofür würden wir in einem Krieg überhaupt kämpfen?“, will eine Studentin wissen. Marahrens antwortet, dass er diese Frage nicht für andere beantworten könne. Für ihn seien aber auch solche Momente der Freiheit, unterschiedliche Positionen vertreten und kontroverse Fragen offen diskutieren zu können, wert, sie zu verteidigen: „Wir können hier zusammenbleiben, wir können diese Art von Diskussion haben.“

Es ist kein leichtes Thema, aber ein Gespräch auf Augenhöhe. „Danke, dass ihr da wart“, sagt Marahrens zum Abschluss. Warmer Applaus.