Vorlesungsverzeichnis

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Veranstaltungen von Prof. Dr. Maud Meyzaud


Lehrveranstaltungen

Aufklärung und Orient (Seminar)

Dozent/in: Maud Meyzaud

Termin:
wöchentlich | Donnerstag | 10:15 - 11:45 | 13.10.2025 - 30.01.2026 | C 40.152 Seminarraum

Inhalt: Ausgehend von Edward Saids Klassiker Orientalism (1978) wäre bei ‚Aufklärung‘ und ‚Orient‘ zunächst an die Konstruktion des Orients durch Europa, d.h. im engeren Sinne an den Orientalismus der europäischen Aufklärung zu denken. Mit Said ließe sich zeigen, wie die nordeuropäische Orientalistik im 17. Jahrhundert ein Wissen über andere Völker und über den Islam produziert, das in der europäischen Aufklärung zentral für das Selbstverständnis und die Vormachtstellung Europas wird. Diese – wichtige – Auffassung verengt jedoch die Fragestellung. ‚Aufklärung‘ und ‚Orient‘ lassen sich nämlich anders auf einander beziehen: Erstens ist ‚Aufklärung‘ nicht nur ein auf den (nord-)europäischen Kontext bezogener Epochenbegriff, sondern das Konzept ‚Aufklärung‘ erhebt den Anspruch, weit über eine spezifische historische Konstellation hinauszugehen. Davon ausgehend wurde zweitens der Epochenbegriff im Sinne eines Epochenrecyclings aufgefächert und nicht zuletzt die heuristische Annahme einer islamischen Aufklärung im Mittelalter zur Geltung gebracht (H.-M. Enzensberger, K. Flasch, M.-R. Hayoun, E. Marion). Letztere Annahme wirft drittens viele Fragen. Denn ‚islamische‘ und ‚europäische‘ Aufklärung lassen sich womöglich nicht nur mit einander vergleichen, sondern auch verflechten. Nach demselben Muster ist die europäische Aufklärung ebenfalls ohne den unerhörten Kulturtransfer aus dem Orient im 17. Jahrhundert nicht zu denken: Ist die ‚europäische Aufklärung‘ wirklich so autochthon, wie wir es uns gerne erzählen? Denkt man ‚Aufklärung‘ und ‚Orient‘ von der Literatur aus, so erweisen sich Bestseller und Klassiker der Aufklärung als der beste Weg, diese komplexe Gemengelage auszuloten. Im Seminar setzen wir uns mit der Rezeption der philosophischen Erzählung von Ibn Tufail Der autodidaktische Philosoph (circa 1185) in der Zeit der europäischen Aufklärung auseinander, wir versuchen, der Leidenschaft des nordeuropäischen Publikums für die Märchensammlung Tausend und eine Nacht auf die Spur zu kommen, wir analysieren, wie ein solcher Briefroman wie L’espion turc/The Turkish Spy die Kritik von politischer Herrschaft, Kirche und Sitten Europas in Montesquieus Persische Briefe vorwegnahm, wir fragen uns, wie Lessing zu Nathan der Weise und Goethe zum West-östliche[n] Divan kamen.

Aufklärung als Kritik / Kritik an der Aufklärung (Vorlesung)

Dozent/in: Maud Meyzaud

Termin:
wöchentlich | Donnerstag | 12:15 - 13:45 | 13.10.2025 - 30.01.2026 | C HS 4

Inhalt: Zum Format dieser Ringvorlesung: Die Vorlesung Kontroversen der Kulturwissenschaften ist der Erschließung aktueller Diskussionen aus der historischen Breite und Tiefe der Kulturwissenschaften gewidmet. Die Vorlesung ist als Ringvorlesung konzipiert und von Dozierenden der Fakultät Kulturwissenschaften und Gästen gestaltet, die sich aus jeweils unterschiedlichen fachlichen, methodischen und thematischen Perspektiven einem gesellschaftlichen Problemfeld widmen (zuletzt: "Nach 1968", "Konflikt", "Klimakatastrophe. Kulturwissenschaftliche Perspektiven", „Transkulturalität und Migration“). Im Wintersemester 2025/26 soll sich die Ringvorlesung der Spannbreite von Aufklärung und Kritik widmen. Zum vorgeschlagenen Problemfeld „Aufklärung als Kritik / Kritik an der Aufklärung“ (WS 2025/26): „Aufklärung“ nennt im Deutschen historisch sowohl einen methodologischen, kritischen Anspruch (Aufklärung im Sinne von Klarlegung, Klärung eines Sachverhalts) als auch eine spezifische, in Nordeuropa und im späten 17. und 18. Jahrhundert situierte historische Epoche. Indem der Eintrag des Adelung-Wörterbuchs (Erstaufl. 1774, Zweitaufl. 1811) zum Verb „aufklären“ von „[a]ufgeklärte[n] Zeiten, da man von vielen Dingen klare und deutliche Begriffe hat“ ausgeht, führt er beide Bedeutungen zusammen. Als ein solcher Epochenbegriff für ein Zeitalter der Kritik an Vorurteilen, Vorannahmen, Glaubensansätzen und der „klaren Begriffen“ ist Aufklärung in die Lehrbücher von Philosophie- und Literaturgeschichte eingegangen. Im 21. Jahrhundert ist die Gemengelage zur Aufklärung jedoch deutlich komplexer geworden. Zum einen gilt der Befund, dass den methodischen Ansätzen zur Gewinnung von und überhaupt dem Interesse an logisch konsistente Erklärungen zunehmend Desinformation, „alternative Fakten“ und Mechanismen des Schweigens in der Öffentlichkeit gegenüberstehen. Zum anderen werden seit einiger Zeit Verstrickungen der europäischen Aufklärung mit Kolonialismus und Sklavenhandeln stark thematisiert und ihre Hinterlassenschaft kontrovers diskutiert. Schließlich wird ebenfalls dafür plädiert, den Epochenbegriff zu öffnen und zu pluralisieren: etwa indem die Aufklärungsepoche selbst stark ausdifferenziert wird (z.B. in „radikal“ und „mainstream“) oder aber indem transkulturelle Verflechtungen der Aufklärung im Sinne eines nicht-eurozentrischen Verständnisses dieses Begriffs aufgemacht werden. Für all diese unterschiedlichen Ansätze der Kulturwissenschaften soll die Ringvorlesung einen Raum bieten.