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Neue Studie zeigt: Politik unterschätzt die Klimaschutz‑Bereitschaft der Bevölkerung

24.08.2026 Der Sozialpsychologe Dr. Timur Sevincer hat eine neue Studie herausgebracht, die viel mediale Aufmerksamkeit bekommen hat.

Timur Sevincer ist Motivations- und Sozialpsychologe. Seine Forschungsschwerpunkte sind Motivation, Selbstregulation, Zukunftsdenken und soziale Wahrnehmung. Unter anderem untersucht er, wie Menschen zukunftsorientierte Selbstregulationsstrategien nutzen und wie diese zu Verhaltensänderungen beitragen können – etwa zur Förderung nachhaltigen Verhaltens oder zur Verbesserung von Beziehungen zwischen sozialen Gruppen. Dabei verbindet er experimentelle Forschung mit Befragungen und Untersuchungen außerhalb des Labors. Darüber hinaus engagiert er sich in der Wissenschaftskommunikation und macht psychologische Forschung einem breiteren Publikum zugänglich.

©Timur Sevincer
Dr. Timur Sevincer

Interview mit Dr. Timur Sevincer

Sie haben zusammen mit Kolleg*innen eine neue Studie im Nature Portfolio Journal Communications Earth & Environment herausgebracht mit Blick auf die Bereitschaft der Bevölkerung, Klimaschutz zu unterstützen. Können Sie uns erklären, was das Ergebnis der Studie ist?

Prof. Wilhelm Hofmann von der Ruhr-Universität Bochum, die beiden Leuphana-Studentinnen Luisa Hoslowsky und Fenja Styhler und ich haben untersucht, wie gut Politikerinnen und Politiker einschätzen können, wie stark die Bevölkerung Klimaschutzmaßnahmen unterstützt. Dazu haben wir in einer repräsentativen Stichprobe rund 1.000 Menschen in Deutschland zu ihrer Unterstützung für Klimaschutz befragt: zum Beispiel dazu, wie sehr sie den Klimawandel als Problem wahrnehmen, inwieweit sie staatliche Klimaschutzmaßnahmen akzeptieren und ob sie auch selbst bereit wären, einen Beitrag zu leisten. Außerdem haben wir rund 1.600 Politikerinnen und Politiker auf verschiedenen politischen Ebenen – vom Bundestag über die Landtage bis hin zur Kommunalpolitik – gefragt, wie sie glauben, dass die Bevölkerung diese Fragen beantwortet. Zum Vergleich fragten wir auch die Bevölkerung, wie sie die Einstellungen ihrer Mitmenschen einschätzt.

Das zentrale Ergebnis ist: Politikerinnen und Politiker unterschätzen, wie stark die Bevölkerung Klimaschutz zu unterstützt. Dabei sind drei Ergebnisse besonders interessant. Erstens war diese Wahrnehmungslücke unter Politikerinnen und Politikern sogar größer als in der Bevölkerung selbst. Zweitens war sie gerade bei politisch besonders kontrovers diskutierten Maßnahmen wie Regulierungen und Steuern besonders groß. Und drittens fanden wir diese Unterschätzung über fast alle Parteien hinweg. Unterschiede gab es zwar, aber sie waren geringer, als man vielleicht erwarten würde. Eine deutlich größere Wahrnehmungslücke zeigte sich lediglich bei der AfD.

Wie kommt es zu dieser Wahrnehmungslücke?

Das haben wir in unserer Studie nicht direkt untersucht. Aus der psychologischen und politikwissenschaftlichen Forschung ergeben sich aber einige plausible Erklärungen. Eine Möglichkeit ist, dass ablehnende und besonders lautstarke Stimmen in öffentlichen Debatten sichtbarer sind als andere. Politikerinnen und Politiker könnten deshalb den Eindruck gewinnen, dass Widerstand gegen Klimaschutzmaßnahmen weiter verbreitet ist, als er tatsächlich ist. Das könnte durch soziale Medien, aber auch durch den direkten Kontakt mit besonders engagierten Bürgerinnen und Bürgern verstärkt werden. Zehn verärgerte Zuschriften bleiben möglicherweise stärker im Gedächtnis als hundert Menschen, die eine Maßnahme stillschweigend unterstützen.

Hinzu kommt ein psychologischer Mechanismus, für den wir auch in unseren eigenen Daten Hinweise finden: Menschen neigen dazu, ihre eigenen Einstellungen auf andere zu projizieren. Politikerinnen und Politiker, die selbst eine bestimmte Klimaschutzmaßnahme weniger stark unterstützen, schätzen tendenziell auch die Unterstützung dieser Maßnahme in der Bevölkerung niedriger ein. 
Das kann politische Folgen haben: Wenn politische Verantwortliche glauben, eine Maßnahme sei in der Bevölkerung sehr unpopulär, werden sie möglicherweise davor zurückschrecken, sie vorzuschlagen oder zu vertreten – selbst wenn tatsächlich eine größere Unterstützung in der Bevölkerung vorhanden wäre.

Gibt es aus wissenschaftlicher Sicht Handlungsempfehlungen, wie mit den Ergebnissen umzugehen ist?

Aus unserer Studie folgt natürlich nicht, welche konkreten Klimaschutzmaßnahmen die Politik beschließen sollte. Das müssen Politik und Gesellschaft in demokratischen Prozessen entscheiden. Unsere Ergebnisse zeigen auch nicht, dass die Bevölkerung jede denkbare Klimaschutzmaßnahme unterstützt.

Was wir aber zeigen können, ist, dass politische Entscheidungen möglicherweise auf einer falschen Annahme beruhen: nämlich darauf, dass die Bevölkerung Klimaschutzmaßnahmen weniger stark mitträgt, als es tatsächlich der Fall ist. Eine Konsequenz wäre deshalb zunächst, diese Wahrnehmungslücke zu verkleinern. Dabei könnte es beispielsweise helfen, Einschätzungen der öffentlichen Meinung stärker auf systematische und repräsentative Daten zu stützen und weniger auf besonders sichtbare Stimmen in sozialen Medien oder öffentlichen Debatten. 
Ähnliche Wahrnehmungslücken sind aus der Forschung zur sogenannten pluralistischen Ignoranz bekannt. Damit sind Situationen gemeint, in denen viele Menschen eine bestimmte Einstellung teilen, gleichzeitig aber glauben, dass andere diese Einstellung weniger stark teilen. In diesem Forschungsbereich gibt es bereits Ansätze, Menschen mit zutreffenden Informationen darüber zu versorgen, was andere tatsächlich denken. Ein interessanter nächster Schritt wäre deshalb zu untersuchen, ob solche Interventionen auch bei politisch Verantwortlichen funktionieren – und ob sich dadurch möglicherweise auch politische Entscheidungen verändern.

Mit welchen Forschungsthemen beschäftigen Sie sich grundsätzlich und wie war der Weg dahin?

Für Umwelt- und Naturschutz interessiere ich mich schon seit meiner Schulzeit. Damals standen zum Teil andere Themen im Mittelpunkt als heute: das Ozonloch, saurer Regen, Blei im Benzin oder die starke Verschmutzung von Flüssen wie Rhein und Elbe. Bemerkenswert ist, dass bei vielen dieser Probleme seitdem erhebliche Fortschritte erzielt wurden. Das gerät manchmal in Vergessenheit, gerade weil erfolgreicher Umweltschutz sich selbst gewissermaßen unsichtbar machen kann. Wenn wir heute kaum noch über das Ozonloch oder Blei im Benzin sprechen, liegt das auch daran, dass wir gehandelt haben. Für mich ist das eine wichtige Botschaft: Umweltprobleme sind lösbar, auch wenn das häufig nicht von heute auf morgen geht.

Damals habe ich Greenpeace unterstützt, heute engagiere ich mich bei WePlanet. Wissenschaftlich liegen meine Schwerpunkte in den Bereichen Motivation, Selbstregulation, Zukunftsdenken und soziale Wahrnehmung. Mich interessiert grundsätzlich, wie Menschen ihre Ziele in tatsächliches Handeln übersetzen, aber auch wie sie andere Menschen und gesellschaftliche Einstellungen wahrnehmen – und wo dabei systematische Fehleinschätzungen entstehen. Daraus ergibt sich für mich eine natürliche Verbindung zur Nachhaltigkeitsforschung. Daneben beschäftige ich mich inzwischen auch mit Konflikten zwischen gesellschaftlichen Gruppen und engagiere mich in der Wissenschaftskommunikation.

Mein wissenschaftlicher Weg war dabei weniger geradlinig, als Karrierewege im Nachhinein manchmal erscheinen. Ich habe mich häufig mit Fragen beschäftigt, die mich persönlich interessiert haben oder die gerade gesellschaftlich aktuell waren. Gleichzeitig spielen Zufälle eine große Rolle, Menschen, die ich kennengelernt habe, gemeinsame Ideen mit Kolleginnen und Kollegen und neue Projekte, die sich daraus ergeben haben. Viele meiner Forschungsprojekte entstanden deshalb aus einer Mischung aus eigenen Interessen, aktuellen Debatten und Gelegenheiten, die sich im Austausch mit anderen ergeben.

Wie betten Sie Ihre Forschung in den Gesamtkontext an der Leuphana Fakultät Nachhaltigkeit ein?

Die Fakultät Nachhaltigkeit bringt unterschiedliche Disziplinen zusammen, um zu verstehen, wie nachhaltige Entwicklung gelingen kann und gefördert werden kann. Als Psychologe interessiert mich besonders die menschliche Seite. Dabei beschäftige ich mich vor allem mit zwei Fragen. Die erste ist: Wie gelingt es Menschen, ihr Verhalten tatsächlich zu verändern? Wir können nachhaltige Produkte und Recyclingmöglichkeiten anbieten, oder gute Fahrradwege bauen. Aber solche Angebote helfen nur, wenn Menschen sie auch tatsächlich nutzen. Und wir wissen aus der Psychologie, dass Verhaltensänderungen oft nicht leichtfallen. Das gilt für mehr Sport oder weniger Zeit am Smartphone genauso wie für Mobilität, Ernährung oder Energieverbrauch. Deshalb untersuche ich, was Menschen hilft, ihre Absichten tatschlich umzusetzen.

Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen sowie Studierenden an der Leuphana untersuche ich das in unterschiedlichen Bereichen. Mit Stefan Schaltegger und Sebastian Wallot haben wir beispielsweise untersucht, welche psychologischen Eigenschaften Nachhaltigkeitsmanagerinnen und -managern helfen, Veränderungen in Organisationen voranzubringen. Mit Astrid Kause habe ich untersucht, wie gut Menschen einschätzen können, welche Lebensmittel beim Einkauf mehr oder weniger zum Verlust der Artenvielfalt beitragen.

Individuelle Verhaltensänderungen allein werden aber nicht ausreichen, um Herausforderungen wie den Klimawandel zu bewältigen. Wir brauchen auch politische Maßnahmen. In Demokratien hängt deren Umsetzung wiederum davon ab, ob Menschen sie akzeptieren – und ob politisch Verantwortliche diese Akzeptanz richtig einschätzen. Genau an dieser Schnittstelle zwischen Psychologie und Politik setzt die zweite Frage meiner Forschung an: Was bestimmt, ob Menschen politische Maßnahmen akzeptieren und wie werden diese Einstellungen von anderen wahrgenommen. Hierzu gehört beispielsweise unsere aktuelle Studie darüber, wie Politikerinnen und Politiker die Unterstützung der Bevölkerung für Klimaschutz einschätzen.