Course Schedule

Veranstaltungen von Rainer Bellenbaum


Lehrveranstaltungen

Der Film als Brief. Essayfilme zum Thema Krieg (Seminar)

Dozent/in: Rainer Bellenbaum

Termin:
14-täglich | Freitag | 14:15 - 17:45 | 16.10.2023 - 02.02.2024 | C 16.203 Seminarraum
Einzeltermin | Fr, 19.01.2024, 14:15 - Fr, 19.01.2024, 17:45 | C 16.223 Seminarraum

Inhalt: Filme, die wie Briefe sind, können nicht so tun, als handelten sie nur von einem Schauplatz. Und wenn sie vom Krieg handeln, so nicht nur von einem mehr oder weniger entfernten Gefechtsfeld. Filme, die wie Briefe sind, bewegen sich über verschiedene Stationen, sowie durch unterschiedliche Kästen und oft auf Umwegen. Sie verbinden das Private mit dem Öffentlichen, nicht nur im Sinne einer individuellen Meinungsäußerung, sondern als reflexives Miteinander von persönlicher Perspektive und gesellschaftlichen Tatsachen. Filmautor*innen wie Jean-Luc Godard, Anne-Marie Miéville, Chris Marker, Harun Farocki, Emily Jacir verknüpfen ihre Gedanken zu den Gefechten zwischen Israel und Palästina, zum Vietnam-Krieg oder zu anderen Dekolonisierungskämpfen mit dem Blick auf den jeweils eigenen Standort, auf die Reichweite ihrer eigenen Aktivität. Als Einstieg ins Seminar werden wir, wie geplant, Emily Jacirs Film „Letter to a Friend“ (2019) sichten und diskutieren. Der an einen israelischen Freund adressierte Film zeichnet ein persönliches wie auch historisches Bild vom Alltag einer Kampfzone in Bethlehem. Dass die international ausgezeichnete palästinensische Künstlerin eine problematische Haltung zu den aktuellen terroristischen Angriffen auf Israel einnimmt, gilt es kritisch mitzudiskutieren. Mit Blick auf historische Essayfilme wie „Ici et ailleurs“ (Godard / Miéville) oder „Sans Soleil“ (Marker), und gestützt auf die daran anknüpfenden Diskurse werden wir die charakteristischen Dramaturgien von korrespondierenden Filmen untersuchen. Analyse und Poesie treffen darin experimentell aufeinander. Essayfilme widersprechen nicht nur den Einfühlungsmethoden und Illusionseffekten des Spielfilms sowie den Echtheitsansprüchen des Dokumentarfilms. Zudem stellen ihre Methoden der Selbstreflexion die Frage nach der Produktivität ihrer Bilder, z.B. der Bilder vom Krieg. Zu reflektieren ist das Verhältnis zwischen deren Aktualitätseindruck und der postalischen Kommunikation. Die Philosophin Sybille Krämer unterscheidet das durch die Trennung von Absender*innen und Empfänger*innen charakterisierte postalische Prinzip der Kommunikation deutlich vom persönlichen (oder „erotischen“) Prinzip des direkten Dialogs. Strebe das unmittelbare Gespräch eine Verständigung oder gar Vereinheitlichung der sich begegnenden Gesprächspartner*innen an, so vermag das postalische Prinzip, trotz der Suche nach Verbindungen oder Berührungen, die räumlichen, zeitlichen Entfernungen wie auch die sachlichen Differenzen mit aufzubewahren. Der Filmkritiker Martin Schaub deutet in „Filme als Briefe“ mit dem Begriff des „historischen Präsens“ auf den jeder filmischen Bewegung anhaftenden Modus der Vergegenwärtigung. Doch der Essayfilm begegne diesem Eindruck mit seinen Herausforderungen des Vergleichs: mit Perspektivwechseln, mit zeitlichen Kontrastierungen (etwa zwischen Bild und Voiceover) und vor allem mit dem erzählerischen Auftritt eines Ichs, dass sich an ein Du wendet. Anm.: (1) Krämer, Sybille (2008): Medium, Bote, Übertragung. Kleine Metaphysik der Medialität. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 12-19. Siehe Materialordner (2) Schaub, Martin (1992): Filme als Briefe. In: Christa Blümlinger / Constantin Wulff: Schreiben, Bilder, Sprechen. Wien: Sonderzahl, 109-118. Siehe Materialordner