Politikdidaktik: „Demokratie endet nicht am Werkstor“
26.10.2026 Arbeit prägt einen großen Teil des Lebens. Mit dem Forschungsvorhaben „Politisch-demokratische Dimension der Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung“ von Prof. Dr. Harald Hantke soll auch die Arbeitswelt als Ort demokratischer Erfahrungen gestärkt werden. Strategischer Partner ist die IG Metall.
©Leuphana/Phillip Bachmann
Monotone Aufgaben, das Gefühl, nicht ausreichend eingebunden zu sein, ein geringer Gestaltungsspielraum – und das bis zu 40 Stunden pro Woche. Eine Ausbildung in der Metall- und Elektroindustrie sollte mehr bieten. „Menschen möchten erleben, dass sie etwas bewirken können; auch in ihrer Ausbildung“, sagt Harald Hantke, Professor für Sozialwissenschaftliche Bildung, insbesondere Politikdidaktik. Dieses Erleben ist nicht allein eine psychologische Frage, sondern auch eine politische: „Demokratie endet nicht am Werkstor“, erklärt Harald Hantke.
In der ersten, zweijährigen Projektphase entwickelten Harald Hantke und sein Team im Verbund mit der Universität Bielefeld unter anderem ein Handbuch für die Ausbildungspraxis mit dem Schwerpunkt nachhaltigen Handelns im Beruf. Im Mittelpunkt standen Themen wie Energie, Personal, Lieferketten, Kreislaufwirtschaft und Automatisierung, die hierbei kritisch-reflexiv und vor allem handlungsorientiert erschlossen werden. Das Material wird inzwischen auch von Fort- und Weiterbildungseinrichtungen genutzt.
In der nun gestarteten zweiten Phase wird dieser Ansatz erweitert. „Fragen der Nachhaltigkeit in der beruflichen Praxis sind häufig mit politischen, ethischen und kulturellen Konflikten verbunden. Es geht etwa darum, welche Prozesse es wie zu verändert gilt, wie entsprechende Entscheidungen getroffen werden, wie dabei unterschiedliche Interessen ausgehandelt werden und welchen Einfluss verschiedene Akteursgruppen – also auch Auszubildende – in diesem Prozess haben“, erklärt Hantke.
Im Zentrum des Vorhabens stehen junge Menschen, die erfahren sollen, dass demokratische Beteiligung nicht nur außerhalb der Arbeitswelt stattfinden sollte. Auch im Betrieb können sie lernen, eigene Interessen auch gegen Widerstände zu artikulieren, Entscheidungen mitzutreffen, mit etwaigen Konflikten umzugehen und damit schließlich Arbeits- und Geschäftsprozesse mitzugestalten. Dabei geht es zentral auch um die Fragen, wie ernst ihre Perspektive genommen wird und wie sie sich tatsächlich beteiligen können – also den Umgang mit Hierarchien und Macht.
Zurückgegriffen wird dabei auf ein so genanntes Train-the-Trainer-Konzept: „Wir möchten das Ausbildungspersonal zu Multiplikator*innen dieses Ansatzes fortbilden“, sagt Hantke. Zugleich sollen die Berufsschulen stärker einbezogen werden. Während die erste Projektphase vor allem den betrieblichen Teil der Ausbildung betrachtete, rückt nun die Zusammenarbeit zwischen Betrieb und Schule stärker in den Fokus.
Die Forschenden verstehen das Vorhaben als Beitrag zur Förderung einer demokratischen Kultur, die nicht auf den Politikunterricht oder das gesellschaftliche Leben außerhalb der Arbeitswelt beschränkt bleiben sollte.
Das Projekt wird mit insgesamt rund 511.000 Euro von der Europäischen Union zusammen mit dem Bundesministerium für Bildung, Familien, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.