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„Die Verdrängung der globalen Klimakrise ist keine individuelle Entscheidung“ (Henrike Kohpeiß)

20.08.2026 Im Sommer 2026 sind die Auswirkungen der Klimakrise in Europa spürbarer als je zuvor. Starke Emotionen bleiben in öffentlichen Debatten aber oft aus und im aktuellen Wahlkampf geht es selten um Klimaschutz. Wie Gefühle Politik beeinflussen und welche Mechanismen zu gesellschaftlicher Verdrängung führen können, beleuchtete Dr. Henrike Kohpeiß (Leuphana Transformation Lab) in einem Interview mit Dörte Hinrichs im Deutschlandfunk (DLF) am 13. August 2026.

©Brinkhoff-Moegenburg/Leuphana
„Derzeit gibt es kaum gesellschaftliche Angebote für die Auseinandersetzung mit der globalen ökologischen Katastrophe. Auf aktuellen Wahlplakaten spielt Klima zum Beispiel keine Rolle“, gibt Dr. Kohpeiß zu bedenken.

Politische Debatten und Entscheidungen sind zunehmend von Emotionen beeinflusst. Gefühle wie Wut, Angst oder Stolz tragen zu einer verstärkten Polarisierung der Gesellschaft bei. Der politische Diskurs zur Klimakrise sei trotz bereits verheerender Auswirkungen stattdessen von Verdrängung und „Ungefühltheit“ geprägt, sagt Dr. Henrike Kohpeiß in der DLF-Sendung „Systemfragen“. Die Philosophin führt aus, dass „eine massive Beschäftigung mit Gefühlen zur Klimakrise ihren Höhepunkt in Deutschland im Jahr 2019 während der Klimaproteste und der ‚Fridays for Future‘-Bewegung erreicht hat, vor allem bei jungen Menschen.“ 

Mittlerweile hat sich der politische und der mediale Diskurs aber verändert. Es wird z. B. von Hitzewellen und Flächenbränden berichtet, häufig jedoch ohne einen Bezug zur Klimakrise herzustellen. Laut Kohpeiß hängt dies zum einem mit der Covid19-Pandemie zusammen, die andere gesellschaftliche Krisen in den Vordergrund gerückt hat. Zum anderen gibt es „kaum gesellschaftlichen Angebote für die Auseinandersetzung mit der globalen ökologischen Katastrophe. Auf aktuellen Wahlplakaten spielt Klima zum Beispiel keine Rolle. Daher fehlt eine Vergemeinschaftung der Gefühlte, durch die sie Relevanz entfalten könnten.“

Dr. Henrike Kohpeiß betont dabei, dass es sich bei einer solche Verdrängung keinesfalls um eine individuelle Entscheidung von einzelnen Menschen handelt, sondern um eine Frage der gesellschaftlichen Resonanz und der Möglichkeit des Austauschs. Auf Herbert Marcuse bezugnehmend erläutert sie weiter: „Im fossilen Kapitalismus gibt es eine notwenige Verdrängung der materiellen Grundlagen unserer Lebensweise. Unser täglicher Konsum hängt so stark von fossilen Produktionsweisen ab, dass wir uns dem kaum entziehen können. Dies erklärt die Funktion der Vernachlässigung von ökologischen Folgen recht gut.“ 

Die Bedrohung durch den Klimawandel sei zudem für viele Menschen noch sehr abstrakt, wobei Formen der Konkretisierung helfen könnten. Als Beispiel nennt die Forscherin Klimamodelle für Städte und Kommunen, die zeigen können, was sich in der eigenen Umgebung in den nächsten 20 bis 50 Jahren verändern wird. So würden konkrete Anknüpfungspunkte für die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Klimakrise geschaffen werden: „Dadurch können wir zusammen kommen und merken, dass wir gemeinsam etwas verändern können. Und das hat mit Politik zu tun ebenso wie mit Gefühlen“, sagt Kohpeiß.

Dr. Henrike Kohpeiß ist Postdosktorandin im Leuphana Transformation Lab. In ihrer Forschung befasst sich die Philosophin mit Affekten der Transformation, der Beziehung zwischen Krisen und Transformationen und mit transformation literacy. Aktuell erforscht sie soziale Dynamiken, die zur Derealisierung der globalen ökologischen Krise führen. 

Die Sendung „Systemfragen“ wird immer donnerstags um 20:10 Uhr im DLF ausgestrahlt und die Folgen werden anschließend in der DLF-Mediathek bereitgestellt. Die Folge „Macht der Gefühle / Wie Emotionen Politik beeinflussen“ kann über untenstehenden Link angehört werden.

Weiterführende Informationen

Die Sendung Systemfragen bei Deutschlandfunk

Das Leuphana Transformation Lab

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