CCS Kolloqium: Die Zumutung der Kunst: Verweilen im Widerspruch – Anne Gräfe

03. Juni

Leuphana Universität Lüneburg I Zentralgebäude, C40.530

Kolloquium. Mi. 06.06.2026, 18:00 Uhr

Kunst versöhnt nicht. Gegen die lange Tradition, die im Widerspruch nur ein Durchgangsstadium auf dem Weg zur Harmonie sieht, insistiert eine materialistische Ästhetik darauf, dass die Antagonismen der Wirklichkeit sich nicht aufheben lassen. Mit Karl Marx wird der Widerspruch zur historischen Realität; mit der Kritischen Theorie zur Kategorie der Kritik. Kunst kann so zum Ort einer anderen Erfahrung werden: Sie stellt den Widerspruch nicht dar, sie ermöglicht, sich ihm auszusetzen. In der Kunst begegnet das Subjekt sowohl der eigenen Nicht-Identität als auch jener der Welt – nicht als Gedanke, sondern als Zumutung. Affekte wie Scham oder Schrecken markieren keinen Übergang zur Befriedung, sondern den Bruch im Selbstverhältnis. „Die Zumutung der Kunst“ meint daher: im Widerspruch zu verweilen, ohne ihn zu lösen. Kunst eröffnet keinen Ausweg aus den Antagonismen, sondern hält sie offen – als Bedingung von Kritik und als Möglichkeit, anders zu sehen, was ist.

Dr.in Anne Gräfe, ist seit 09/2022 Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Medienkultur und Medienphilosophie bei Prof. Dr. Erich Hörl an der Leuphana-Universität Lüneburg. Arbeitsgebiete: Ästhetik mit den Schwerpunkten auf Materialistische Ästhetik, Ästhetische Bildung und Rezeptionsästhetik; Kritische Theorie und Poststrukturalismus.

Sprache: Deutsch