Transatlantisches Verhältnis „klinisch tot“? ZDEMO diskutiert Spannungen zwischen EU und USA
19.05.2026
Ist die transatlantische Partnerschaft am Ende – oder lässt sie sich strategisch neu vermessen? In Hörsaal 2 haben am Dienstagabend drei Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über den Zustand des Verhältnisses zwischen der Europäischen Union und den USA diskutiert. Die Podiumsdiskussion „Transatlantische Spannungen? Zum Verhältnis der EU und den USA" hatte das Zentrum für Demokratieforschung (ZDEMO) am Institut für Politikwissenschaft in Kooperation mit Europe Direct Lüneburg ausgerichtet. Die Moderation übernahm Prof. Dr. Astrid Séville.
Auf dem Podium diskutierten Drs. Siebo M. H. Jannssen (M.A.), Politikwissenschaftler und Historiker, Prof. Dr. Hana Attia, Professorin für Internationale Politik an der Leuphana und Research Fellow am GIGA – German Institute for Global and Area Studies, sowie Prof. Dr. Lukas Hakelberg, Professor für Politische Ökonomie an der Leuphana. Der ebenfalls angekündigte Prof. Dr. Christian Welzel musste seine Teilnahme kurzfristig absagen.
Das Podium begann mit drei kurzen Eingangsstatements: Attia analysierte den Übergang von wertegestützter zu transaktionaler Kooperation und den strategischen Einsatz US-amerikanischer Zölle, Jannssen bezeichnete die transatlantische Beziehung unter der zweiten Trump-Administration zugespitzt als „klinisch tot", Hakelberg verwies auf die ungebrochene Tiefe wirtschaftlicher Verflechtung.
Im Mittelpunkt stand die Frage, wie tief die Krise tatsächlich reicht. Prof. Hakelberg widersprach der Diagnose vom Ende der Beziehung mit politökonomischen Daten: Der Bestand europäischer Direktinvestitionen in den USA übertreffe denjenigen in Indien um das Zehn-, denjenigen in China um das Zwanzigfache. Die EU könne diese Beziehung schlicht nicht beenden, ohne sich selbst massiv zu schaden – wohl aber strategisch umbauen. Aus einseitiger Abhängigkeit lasse sich Interdependenz machen, etwa über den europäischen Konsumentenmarkt, über die für KI-Datenzentren benötigten Energieinfrastrukturen (angereichertes Uran, Gasturbinen unter anderem von Siemens Energy) sowie über die hohen europäischen Bestände an US-Staatsanleihen. Voraussetzung dafür sei allerdings, regulatorische und steuerliche Kompetenzen auf die europäische Ebene zu verlagern.
Eine pointierte Wortmeldung aus dem Publikum fragte das Podium, ob es sich hier nicht eigentlich um ein deutsches Problem handele. Der ausgeprägte Glaube an die USA als verlässlichen Partner sei in Frankreich oder Südwesteuropa nie in gleicher Weise geteilt worden – und die Reden Emmanuel Macrons zur europäischen Souveränität seit 2017 in Berlin systematisch überhört worden. Drs. Jannssen pflichtete bei: Deutschland habe Warnsignale aus Paris ebenso wie aus Washington lange Zeit nicht ernst genommen und sich von einem letzten transatlantischen Moment unter Joe Biden „blenden lassen". Eine eigenständige europäische Außen- und Sicherheitspolitik sei überfällig. Da das Einstimmigkeitsprinzip kollektives Handeln blockiere, sei womöglich ein „Europa der Verteidigung" mit Vorreiterstaaten der pragmatische Weg.
Prof. Attia weitete den Blick auf Drittstaaten. Die neue US-Zollpolitik werde zunehmend mit politischen Bedingungen verknüpft – Beispiele seien Zölle gegen Brasilien, gegen Indien wegen des Bezugs russischen Öls oder gegen Kolumbien. Besonders betroffen seien Länder des Globalen Südens, deren Wachstum stark von Exporten und globalen Lieferketten abhänge und die nun in eine schwierige Positionierung zwischen wirtschaftlichen Blöcken gerieten.
Diskutiert wurden weiter die innenpolitischen Voraussetzungen einer eigenständigen europäischen Politik: in den USA ein quer durch das politische Spektrum schwindender Rückhalt für militärisches und finanzielles Auslandsengagement – Attia verwies hier auf den fehlenden Rückhalt einer Iran-Intervention selbst in Trumps eigener Basis –, in Europa das Erstarken populistischer Kräfte, insbesondere mit Blick auf einen möglichen Wahlsieg des Rassemblement National in Frankreich, der das Integrationsprojekt für Jahre lähmen könnte. Zugleich entlaste der jüngste Regierungswechsel in Ungarn europäische Entscheidungsprozesse spürbar. Auf eine kritische Nachfrage, ob die USA angesichts ihrer Militäreinsätze in Venezuela und gegen den Iran inzwischen ähnlich zu beurteilen seien wie Russland, widersprach Drs. Jannssen einer solchen Gleichsetzung mit Nachdruck: Bei aller berechtigten Kritik an der Trump-Administration bleibe ein grundlegender Unterschied bestehen. Die USA seien ein gewachsenes, verfassungsrechtlich strukturiertes demokratisches System mit immer noch funktionierender unabhängiger Justiz. Entscheidungen der Regierung würden von der Judikative gekippt, lokale Opposition werde nicht über Nacht mundtot gemacht. Diese institutionellen Wurzeln ließen sich auch durch eine Trump-Präsidentschaft nicht einfach kappen.
Mehrfach hoben die Podiumsgäste hervor, dass die transatlantischen Verbindungen unterhalb der Regierungsebene – in Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Zivilgesellschaft – ungebrochen bestehen und für eine künftige Wiederannäherung entscheidend seien.
Prof. Hakelberg machte darauf aufmerksam, dass der Austausch zwischen Europa und den USA gerade auf politischer Ebene quer durch das Spektrum weiter intensiv stattfinde. Vertreterinnen und Vertreter der Linkspartei seien nach New York gereist, um Zohran Mamdani in seinem Wahlkampf zu unterstützen und neue Organisationsformen kennenzulernen; spiegelbildlich orientierten sich auch Akteurinnen und Akteure der AfD an der amerikanischen Rechten. Ob auf der linken oder der rechten Seite – „wahnsinnig viel" werde transatlantisch weiterhin geteilt. Jannssen merkte an, dass es sich hierbei um die politischen Ränder handele und insbesondere überzeugte Transatlantiker wie Friedrich Merz inzwischen eine bemerkenswerte Distanz zu den USA erkennen ließen. Dass ein Bundeskanzler aus dem konservativ-transatlantischen Lager öffentlich erkläre, seine Kinder heute nicht mehr zur Ausbildung in die USA schicken zu wollen, zeige die wirkliche Tiefe des Bruchs.
Prof. Séville schloss die Debatte, indem sie Jannssens eingangs zugespitzte Diagnose vom „klinisch toten" Patienten als Bild wieder aufgriff. Man habe den Patienten zunächst für tot erklärt, ihn dann in der Debatte reanimiert – nun liege er auf der Intensivstation. Es bleibe die Frage, wie viel diagnostische und politische Intensivmedizin Europa aufzubringen bereit sei, damit der Patient eines Tages wieder erwache.