LIAS Lecture: »Taboo as Vocation: Three Theses on Academic Freedom«
27. Apr.
Adam Sitze, Professor für Recht am Amherst College
Diese Lecture präsentiert drei Thesen zur Geschichte und Theorie akademischer Freiheit. Sie beginnt mit der Tatsache, dass sich Konzepte akademischer Freiheit, ab dem mittelalterlichen Studium generale, durch eine Reihe strukturierter Wechselbeziehungen zwischen Universität, Staat und Kirche ausgebildet haben. Die erste These lautet, dass dieses »triadische Prinzip« als eine allgemeine Bedingung für die Entstehung von Forderungen nach akademischer Freiheit verstanden werden kann.
Nachdem diese These auf Max Webers »Vocation Lectures« (Wissenschaft als Beruf, Politik als Beruf) von 1917/19 angewandt wird, hinterfragt die Lecture, was es bedeutet, dass Weber seine einflussreichen Berichte zur Berufung von Wissenschaftler*innen und Politiker*innen in Unterscheidung zum priesterlichen Ruf entwickelte.
Das führt zur zweiten These der Lecture, die besagt, dass eine komplett säkulare oder profane Iteration des triadischen Prinzips ein Verständnis von Politik und Wissen erlaubt, in dem nichts heilig ist, und eine Theorie akademischer Freiheit, die durch die Befreiung der Wissenschaftler*innen von allen Tabus definiert wird.
Nach der Vorstellung historischer Herausforderungen, mit denen diese Theorie akademischer Freiheit konfrontiert ist, wendet sich die Lecture der letzten These zu, die lautet, dass die Problematik des Tabus als zentrale Frage für akademische Freiheit zurückgekehrt ist. Aktuelle intolerante Bewegungen haben ältere liberale Konzepte von freier Rede im Kontext neuer Informationstechnologien neu definiert, und den polemisierenden und rebellischen Umsturz von Tabus in eine politische Berufung verwandelt. Das Ergebnis ist das Aufkommen einer Berechtigungsstruktur, die neue Formen von Sadismus und Grausamkeit normalisiert und legitimiert. Unter diesen Bedingungen ist die Frage, ob akademische Freiheit als Befreiung von Wissenschaftler*innen von Tabus verstanden werden kann und sollte, nicht mehr von ihren logischen Folgen zu trennen: Ob Akademiker*innen, die Tabus einhalten, immer noch als loyal gegenüber ihrer wissenschaftlichen Berufung gelten können und sollten und ob ihnen folglich der Schutz der akademischen Freiheit gebührt.
Die Lecture schließt mit einer Erörterung dieses Dilemmas und wirft die Frage auf, wie akademische Freiheit neu bewertet werden sollte, wenn die Beziehungen zwischen Tabu, dem Heiligen und der akademischen Verantwortung wieder in den Blickpunkt rücken.
Adam Sitze ist Professor für Recht am Amherst College. In seiner Arbeit verbindet er Rechtstheorie, politische Theologie, Geistesgeschichte und die institutionellen Bedingungen von Kritik. Er ist Verfasser von The Impossible Machine: A Genealogy of South Africa’s Truth and Reconciliation Commission sowie von Essays zu Eigenstaatlichkeit, Recht und den politischen Rahmenstrukturen der modernen Universität. Sitze genießt weithin Ansehen für seine Verbindung theoretischer Erkenntnisse mit aktuellen institutionellen Herausforderungen im Hochschulwesen.
27. April 2026, 18 Uhr
Campus Hörsaal 4
Anfragen und Kontakt:
- Dr. Christine Kramer