LIAS Filmreihe: »The Flying Tigers«
03. Juni
Datum: Mittwoch, 3. Juni 2026, 19 Uhr
Ort: SCALA Programmkino | Apothekenstr. 17 | 21335 Lüneburg
Die Regisseurin, LIAS Public Fellow Madhusree Dutta, ist anwesend.
In Flying Tigers verbindet Regisseurin und LIAS Public Fellow Madhusree Dutta dokumentarische Verfahren mit essayistischen, performativen und animierten Elementen zu einer vielschichtigen Untersuchung von Erinnerung, Infrastruktur und Geschichte. Der Film, der im Forum der Internationale Filmfestspiele Berlin seine Weltpremiere feierte, verknüpft eine private Familiengeschichte mit den globalen politischen und ökologischen Umwälzungen des Zweiten Weltkriegs und deren langen Nachwirkungen bis in die Gegenwart.
Ausgangspunkt ist ein irritierender Moment aus dem familiären Alltag: Duttas an Alzheimer erkrankte Mutter wiederholt obsessiv den Satz »Die Tiger kommen! Schließt die Fenster!«. Was zunächst als Ausdruck kognitiver Desorientierung erscheint, wird im Film zum epistemologischen Schlüssel. Dutta folgt dieser Erinnerungsspur zurück in die Kindheit ihrer Mutter nach Assam und stößt dort auf ein kaum präsentes Kapitel der Kriegsgeschichte: die 1942 von der US-Armee eingerichtete erste Luftbrücke über den Himalaya, über die militärischer Nachschub nach Kunming in China transportiert wurde. Die Operation der sogenannten »Flying Tigers« bedeutete eine logistische Meisterleistung – zugleich aber einen massiven Eingriff in Landschaft, Ökologie und soziale Gefüge.
Der Ausbau von Flugplätzen, Straßen und Militärlagern zerstörte ökologische Gleichgewichte und trieb wilde Tiere, darunter Tiger, aus den Wäldern in die Teeplantagen und Siedlungen Assams. Der Film macht sichtbar, wie sich diese monumentalen militärischen Prozesse in kindlichen Wahrnehmungen, fragmentierten Erinnerungen und familiären Erzählungen sedimentieren. Alzheimer erscheint dabei nicht als bloßer Verlust von Gedächtnis, sondern als eine Form der Umordnung: Chronologien, Maßstäbe und Perspektiven verschieben sich, sodass marginalisierte Erfahrungen unerwartet an die Oberfläche treten.
Gemeinsam mit der chinesischen Medientheoretikerin You Mi, deren Familie auf der chinesischen Seite der Luftbrücke in Kunming lebte, sowie dem assamesischen Autor Purav Goswami, entwickelt Dutta eine transnationale Perspektive auf eine geteilte, jedoch politisch fragmentierte Geschichte. Die Begegnung dieser Stimmen – möglich geworden erst in einem dritten Raum außerhalb Asiens – legt die historische Fluidität von Grenzregionen offen und kontrastiert sie mit den gegenwärtigen Regimen nationalstaatlicher Abschottung.
Formal reflektiert Flying Tigers diese inhaltliche Bewegung zwischen Zeiten, Räumen und Maßstäben. Interviews, Archivmaterial, Briefe, Animationen und musikalische Sequenzen fügen sich zu einer offenen, nicht-linearen Struktur, in der Geschichte nicht als geschlossenes Narrativ, sondern als dynamisches Geflecht erscheint.
So wird Flying Tigers zu einer poetisch-analytischen Reflexion über Schwellen: zwischen Erinnerung und Vergessen, individueller Erfahrung und geopolitischer Logistik, Krieg und Alltag, Territorium und Biografie. Der Film zeigt, wie sich »große Geschichte« in leise, verstörende Bilder des Privaten einschreibt – und dort, oft Jahrzehnte später, erneut wirksam wird.
Eintritt frei.
2026 | Regie: Madhusree Dutta | Deutschland, Indien | 105 Min.