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LIAS Kolloquium Winter 2026/27

14. Okt. - 27. Jan.

In diesem Wintersemester 2026/27 öffnet das LIAS-Kolloquium erstmals seine Türen für die Hochschulöffentlichkeit. Die Fellows stellen ihre aktuellen Forschungsprojekte vor und geben Einblicke in Fragestellungen, Methoden und Perspektiven ihrer Arbeit. Das wöchentliche Kolloquium bietet Raum für konzentrierten Austausch über die vielfältigen Forschungsvorhaben am LIAS. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, das Programm und die Projekte der Fellows kennenzulernen.

Mittwoch, 14. Okt 2026, 12.15–13.45 Uhr

Gertrud Koch, LIAS Senior Fellow
»Animation – On The Relationship Between Technology And Aesthetics«
Campus | Zentralgebäude C40.704

Bei der erneuten Erläuterung des Begriffs Animation versucht das Projekt, den Blick von den verhärteten Fronten zwischen dystopischer Technikfeindlichkeit (»seelenlose Mechanik«) und romantischer Technikbegeisterung (»Maschinengott« versus naturzerstörendes, defizitäres menschliches Wesen) auf Bereiche zu lenken, in denen Technik in einen praktischen Zusammenhang gestellt wird und durch spielerisches Experimentieren einen ästhetischen Möglichkeitssinn schärfen kann. Zwischen Arbeit, Ausbeutung und Spiel entfaltet Technik in der Kunst und als Kunst ein eigenes Handlungsfeld, das sich weder dem Posthumanen unterordnen noch in einem bloß expressiven Verhältnis zum Menschen aufgehen muss. Diese Wechselbeziehung zwischen menschlichen Praktiken und technischen Objekten (Maschinen, Instrumenten, Bildschirmen, PCs und so weiter) fasse ich unter dem Begriff Animation zusammen. Wir lassen uns von technischen Medien und Praktiken animieren und animieren sie zugleich, indem wir ihnen menschliche Eigenschaften wie Intelligenz zuschreiben und sie anthropomorph gestalten.

 

Mittwoch, 21. Okt 2026, 12.15–13.45 Uhr

Chepape Makgato, LIAS Artist Fellow
»Reconfiguration, Recalibration And Redress Of WHAG's Collection: Africa In Conversation With Europe«
Campus | Zentralgebäude C40.704

Die gleichnamige Ausstellung geht aus einer kritischen Auseinandersetzung mit den historischen Grundlagen der Sammlung der William Humphreys Art Gallery hervor. Ursprünglich unter dem Titel Reconfiguration of WHAG’s Founding Collection konzipiert, hat sie sich zu einem umfassenderen und reflexiveren kuratorischen Vorhaben entwickelt, das nicht nur die Sammlung neu präsentiert, sondern auch ihre erkenntnistheoretischen und ideologischen Grundlagen hinterfragt. Indem Werke aus dem Depot geholt und erneut sichtbar gemacht werden, vollzieht die Ausstellung einen institutionellen wie symbolischen Akt des Erwachens.
Im Zentrum der Ausstellung stehen Kontrast, Gegenüberstellung und dialogische Begegnung. Sie eröffnet Gespräche über verschiedene Zeiten, geografische Räume und ästhetische Traditionen hinweg. Dabei werden kanonische europäische Werke neben afrikanischen künstlerischen Praktiken positioniert, um sowohl Spannungen als auch Resonanzen sichtbar zu machen. Diese kuratorisch geschaffenen Nachbarschaften laden das Publikum dazu ein, neu darüber nachzudenken, wie Bedeutung im musealen Raum konstruiert, ausgehandelt und neu geschrieben wird.

 

Mittwoch, 28. Okt 2026, 12.15–13.45 Uhr

Justyna Aniceta Turkowska, LIAS Fellow
»‘Forward Ever, Backward Never‘: Ghana’s Triangular Scientific-Technical And Material Entanglements In The Cold War«
Campus | Zentralgebäude C40.530

Ende der 1950er- und Anfang der 1960er-Jahre, als afrikanische Länder schrittweise ihre Unabhängigkeit erlangten und kleinere osteuropäische Länder nach größerer Autonomie gegenüber der Sowjetunion strebten, wurden die Befreiung von jeglicher Form imperialer Ausbeutung und wissenschaftliche Modernität für beide Regionen zu zentralen Anliegen. In diesem Kontext betrachtete Ghana, wie viele andere afrikanische Staaten auch, Wissenschaft und Bildung als entscheidende Triebkräfte für Entwicklung, staatliche Aufbauprojekte und internationale Anerkennung.
Der Vortrag beleuchtet zunächst die häufig übersehenen Impulse der Wissensproduktion, die politische Grenzen überschritten. Dabei wird deutlich, wie tief sogenannte sozialistische Expertise im Westen verwurzelt war – stärker, als es sich sowohl ghanaische als auch osteuropäische Akteur*innen eingestehen wollten – und wie diese Austauschprozesse auch das westliche Denken prägten. Im zweiten Teil richtet sich der Blick auf die materielle Dimension dieser Wissensströme, denn jedes Kooperationsprojekt und jede wissenschaftliche Partnerschaft beruhte auf spezifischen Werkzeugen und praktischem Know-how. Diese materiellen Elemente prägten den Charakter der Zusammenarbeit. Sie bildeten ein dichtes Geflecht materieller Bezugnahmen und persönlicher Beziehungen, das globale Verbindungen ermöglichte und ortsunabhängige Machtansprüche hervorbrachte, die nicht immer mit der angestrebten „sozialistischen Moderne“ oder wissenschaftlichen Unabhängigkeit übereinstimmten. Die Auseinandersetzung mit den internen Dynamiken und Praktiken von Menschen, Wissen und Objekten, die sich im Ost-West-Süd-Gefüge des Kalten Krieges bewegten, ermöglicht es, Kategorien wie „westliches“, „osteuropäisches“ oder „afrikanisch-postkoloniales“ Wissen zu überwinden. Dadurch wird einerseits die komplexe, netzwerkartige Struktur des Transfers von Wissen und Objekten über politische Grenzen hinweg sichtbar, andererseits die Bedeutung der Bewegung von Objekten für die Entstehung von Verbindlichkeiten und globalen Beziehungsgefügen.

 

Mittwoch, 11. Nov 2026, 12.15–13.45 Uhr

Natascha Zaun, LIAS Faculty Fellow
»The Effect Of Judicial (In)Dependence On Asylum Status Determination«
Campus | Zentralgebäude C40.530

Der Vortrag stellt ein laufendes Forschungsprojekt vor, das als Grundlage für einen Drittmittelantrag dienen soll. Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass richterliche Unabhängigkeit Entscheidungen über Asylanträge vor politischem und öffentlichem Druck schützen kann. Über die kausalen Mechanismen, die diesem Zusammenhang zugrunde liegen, ist jedoch bislang deutlich weniger bekannt. Das Projekt untersucht daher, wie sich Veränderungen der richterlichen Unabhängigkeit auf das Verhalten von Richter*innen und Asylbehörden auswirken und unter welchen Bedingungen Gerichte Entscheidungen über Asylanträge gegen politischen Druck abschirmen können.
Ausgehend von neoinstitutionalistischen Ansätzen zum richterlichen Verhalten untersucht das Projekt sowohl strategische Reaktionen auf veränderte Anreize und Sanktionen als auch die Rolle professioneller Normen und Vorstellungen richterlicher Unabhängigkeit. Empirisch verbindet es vergleichende Längsschnittanalysen zu Polen und Österreich mit Dokumentenanalysen, Expert*inneninterviews und Process Tracing. So soll untersucht werden, wie sich Veränderungen der richterlichen Unabhängigkeit in Veränderungen bei der Entscheidung über Asylanträge niederschlagen.

 

Mittwoch, 18. Nov 2026, 12.15–13.45 Uhr

Ranabir Samaddar, LIAS Senior Fellow
»Urban Futures In The South«
Campus | Zentralgebäude C40.530

Die Vorstellung einer urbanen Zukunft regt dazu an, über Zeit nachzudenken. Zugleich führt sie zu Auseinandersetzungen darüber, wie sich eine wünschenswerte Zukunft gemeinsam entwerfen und gestalten lässt. Die Idee einer urbanen Zukunft bedeutet deshalb weder, die Zukunft vorhersagen oder in den Griff bekommen zu wollen, noch, angesichts der kommenden Zeit zu verzweifeln. Vielmehr eröffnet sie einen wesentlichen Zugang zum Verständnis dafür, wie unsere Städte bestehen, sich entfalten, Schwierigkeiten überwinden, Bruchlinien aushandeln und mitunter zugrunde gehen. Sie verweist nicht nur auf Ungewissheit, sondern ermöglicht auch eine kritische Reflexion über Zeitlichkeit. Daraus folgt, dass es für unsere Städte nicht nur eine einzige vorgegebene Zukunft geben kann, sondern vielfältige Zukünfte. Wir warten nicht auf die Zukunft, sondern gestalten sie in der Gegenwart. Zukunft wird damit zu mehr als einer zeitlichen Frage: Sie wird zur Praxis. Die unterschiedlichen Praktiken, mit denen Zukunft geschaffen wird, bilden folglich ein umkämpftes Feld mit vielfältigen Dimensionen. Dies gilt insbesondere für die Städte des globalen Südens mit ihren kolonialen Geschichten, ihren unterschiedlichen Wegen der Dekolonisierung, den darauf folgenden Entwicklungen sowie neuen logistischen und ökologischen Schnittstellen.
Die Vorstellung einer urbanen Zukunft regt dazu an, über Praktiken der Zukunftsgestaltung in Städten nachzudenken. Dazu gehören literarische, künstlerische und kulturelle Vorstellungen einer wünschenswerten Stadt; die politische Geschichte subalterner Klassen und ihre Forderungen nach einer »menschlichen« und »gerechten« Stadt; die Geschichte öffentlicher Katastrophen, darunter klimatische und epidemiologische Katastrophen, sowie die Rolle urbaner Solidarität, die auf gegenseitiger Fürsorge und Schutz beruht, bei der Bewältigung solcher Ereignisse – und dabei, der Stadt ein neues Kapitel zu eröffnen. Hinzu kommen planerische und administrative Zukunftsvorstellungen, die mit zwischenstaatlicher Hilfe, Investitionen und öffentlich-privaten Partnerschaften verbunden sind; Geflüchtete, Migrant*innen und andere Menschen, die der Stadt einen pluralen und kosmopolitischen Charakter verleihen, sowie der Konflikt zwischen einer nativistischen und einer pluralen, kosmopolitischen Zukunft. Schließlich geht es um die Herausbildung einer »urbanen Ökonomie« anstelle einer »industriellen Ökonomie« und um die Rolle informeller Wirtschaft und öffentlicher Finanzen.

 

Mittwoch, 25. Nov 2026, 12.15–13.45 Uhr

Liz Schoppelrei, LIAS Fellow
»Fan Edits As Queer Insistence«
Campus | Zentralgebäude C40.530

Dieses Projekt untersucht die Handlungsspielräume von Zuschauer*innen und Produzent*innen, wenn sie queere Möglichkeiten entwerfen, ohne dass diese durch eine ausdrückliche Bestätigung im offiziellen Kanon abgesichert sind. Aufbauend auf der Remix-Forschung analysiere ich mehrere TikTok-Fan-Edits zu den US-amerikanischen Polizei- und Krimiserien Criminal Minds und Criminal Minds: Evolution. Diese kurzen Videomontagen entwerfen eine romantische Beziehung zwischen den Figuren Emily Prentiss und Jennifer Jareau.
Fan-Edits sind ein zentraler Ort queerer Behauptung und Spekulation. Im Gegensatz zu Fan-Fiction sind sie hinsichtlich des verfügbaren Ausgangsmaterials deutlich stärker eingeschränkt – schließlich steht nur eine begrenzte Anzahl von Szenenausschnitten aus der Fernsehserie zur Verfügung. Innerhalb dieser Grenzen gestalten die Produzent*innen jedoch gezielt queere, lesbische und/oder bisexuelle Versionen der romantischen Beziehung sowie unterschiedliche Beziehungsdynamiken und mögliche Vorgeschichten.

 

Mittwoch, 2. Dez 2026, 12.15–13.45 Uhr

Prerna Agarwal, LIAS Fellow
»Labour Politics And Muslim Nationalism In Late Colonial Calcutta«
Campus | Zentralgebäude C40.530

Da die Hafenarbeiter*innen, Seeleute und Bootsleute im kolonialen Kalkutta überwiegend muslimisch waren, befasst sich dieser Vortrag mit der Bedeutung der Mobilisierung breiter Bevölkerungsschichten aus den städtischen Unterschichten durch die Muslim League. Diese Mobilisierung erfolgte mit einem »sozialistische« Programm im Vorfeld des Direct Action Day von 1946. Das Kapitel entwickelt eine neue Lesart dieses Schlüsselereignisses.
Die zentrale These wird entlang folgender Argumentation entwickelt: Arbeiter*innenpolitik war Teil einer antikolonialen Bewegung und stand zugleich in einem spannungsreichen Verhältnis zu nicht nur einem, sondern zwei Nationalismen. Häufig wird dabei der Nationalismus des Congress berücksichtigt. Tatsächlich war jedoch auch der muslimische Nationalismus für die Herausbildung der Arbeiter*innenpolitik von entscheidender Bedeutung. In den 1940er-Jahren entwickelten sich beide Nationalismen zu konkurrierenden Kräften, die um die Vorherrschaft in der Massenpolitik rangen und die Arbeiter*innenbewegung in ihren Einflussbereich zogen.

 

Dienstag, 8. Dez 2026, 12.15–13.45 Uhr

Mehmet Celil Çelebi, LIAS Fellow
»The Narcissistic Grammar Of Populist Nationalism Across Cases«
Campus | Zentralgebäude C40.530

Ein an der Kritischen Theorie orientierter Ansatz zur Untersuchung des Aufstiegs des Populismus und Nationalismus legt nahe, dass dessen Anziehungskraft über das Streben nach Befreiung von den durch die Globalisierung hervorgerufenen Ängsten hinausgeht. Der populistische Nationalismus bietet eine Erzählung, die das Publikum dazu einlädt, sich mit einem kollektiven Subjekt zu identifizieren, das zugleich als stark und bedroht vorgestellt wird. Die Ursachen dieser Bedrohungen sollen jedoch nicht einfach beseitigt werden, um den Einzelnen von seinen Ängsten zu befreien. Vielmehr werden sie als etwas dargestellt, das Bestrafung verdient.
Anhand einer Auswahl maßgeblicher programmatischer Texte populistisch-nationalistischer Bewegungen aus unterschiedlichen Weltregionen untersucht der Beitrag, ob diese Erzählungen einer narzisstischen Grammatik aus Verletzung, Identifikation und Vergeltung folgen. Er bildet den empirischen Teil eines umfassenderen Buchprojekts, das eine kritische Theorie der psychischen Dynamiken entwickeln soll, die dem gegenwärtigen Aufstieg der extremen Rechten zugrunde liegen.

 

Mittwoch, 9. Dez 2026, 12.15–13.45 Uhr

María Laura Mazzoni, LIAS Fellow
»Divorce As A Privilege? Reflections On Subaltern Women And Their Strategies In The Judicial Arena«
Campus | Zentralgebäude C40.530

Dieser Vortrag untersucht explorativ die Strategien, mit denen Frauen aus den unteren sozialen Schichten in Córdoba del Tucumán gegen Ende der Kolonialzeit aufgrund ehelicher Gewalt eine Trennung beantragten. In welchem Umfang konnten Frauen aus den unteren sozialen Schichten Zugang zum Justizsystem erlangen? Wie stark waren sie in Verfahren vertreten, in denen sie die Scheidung beantragten? Konnten sie dieselben Strategien anwenden wie Frauen aus den oberen Gesellschaftsschichten? Bedeutete die politische Revolution mit ihrer Rhetorik von Freiheit und Gleichheit einen Wendepunkt oder führte sie zu einer Veränderung der Erfahrungen und Strategien von Frauen aus den unteren sozialen Schichten?

 

Mittwoch, 16. Dez 2026, 12.15–13.45 Uhr

Kirsten Kamphuis, LIAS Fellow
»The Archival Gap: Methodological Reflections On Leftist Women’s Internationalism During The Cold War«
Campus | Zentralgebäude C40.530

Im November 1960 trafen zwei Delegierte der indonesischen linken Frauenorganisation Gerwani (Gerakan Wanita Indonesia, Indonesische Frauenbewegung) im eisigen Ost-Berlin ein. Marwani Pardede und Mastiti Soeprapto gehörten beide zu den führenden Persönlichkeiten von Gerwani. Sie waren aus Südostasien angereist, um am siebten Kongress des Demokratischer Frauenbund Deutschland (DFD) teilzunehmen, der Massenorganisation für Frauen in der Deutschen Demokratischen Republik. In meinem Vortrag dient diese Begegnung zwischen ostdeutschen und indonesischen linken Frauenaktivistinnen als Ausgangspunkt für methodologische Überlegungen zu einem transnationalen Ansatz in der Erforschung des linken Frauenaktivismus während des Kalten Krieges.
Im Mittelpunkt stehen insbesondere die Herausforderungen, die sich aus der Verfügbarkeit und Zugänglichkeit von Quellen zum DFD und zu Gerwani ergeben. Für den DFD sind umfangreiche Quellenbestände im Bundesarchiv sowie in verschiedenen Bibliothekssammlungen in Deutschland verfügbar. Bei Gerwani stellt sich die Situation völlig anders dar. Die indonesische linke Bewegung wurde im Zuge eines Militärputsches in den Jahren 1965–1966 gewaltsam zerschlagen. Während der landesweiten Welle antikommunistischer Gewalt gingen zahlreiche historische Zeugnisse verloren. Dadurch besteht ein erhebliches Ungleichgewicht zwischen den beiden Quellenbeständen – sowohl hinsichtlich des Umfangs des verfügbaren historischen Materials als auch hinsichtlich der Quellentypen.
In meinem Vortrag frage ich, welche methodischen Ansätze der Geschlechtergeschichte geeignet sind, mit solchen Ungleichgewichten umzugehen, wenn Interaktionen zwischen Aktivist*innen des globalen Nordens und Südens untersucht werden.

 

Mittwoch, 13. Jan 2027, 12.15–13.45 Uhr

Paula Banerjee, LIAS Senior Fellow
»The City And Its Intimate Labour: Women In The Informal Sectors«
Campus | Zentralgebäude C40.530

 

Mittwoch, 20. Jan 2027, 12.15–13.45 Uhr

Koyal Verma, LIAS Fellow
»Decolonizing African Identity and History: Institutional Practices, State Intervention, and Artistic Sovereignty in Germany and India«
Campus | Zentralgebäude C40.704

Wie positioniert der indische Staat die afrikanisch-indische Gemeinschaft und ihr kulturelles Erbe? Wie wirkt sich die Kommerzialisierung des „Dhamal-Tanzes“ auf das kulturelle Erbe und künstlerische Ausdrucksformen aus? Globale Debatten über die afrikanische Diaspora lassen Südasien häufig außer Acht. Auch in den indischen Textarchiven ist die Geschichte der Siddi marginal geblieben.
Diese Forschung versucht, afrikanische Identität zu dekolonisieren, indem sie die Siddi und ihre kulturelle Praxis in den Mittelpunkt stellt. Dhamal als Tanzform verkörpert kulturelles Gedächtnis und Herkunft. Die afrikanisch-indische Gemeinschaft der Siddi wird vom indischen Staat jedoch als besonders gefährdete Stammesgruppe (Particularly Vulnerable Tribal Group, PVTG) eingestuft. Diese Kategorien blenden die Versklavung der Siddi, ihren Militärdienst und ihre spirituelle Autorität aus. Darin zeigt sich ein Verlust kulturellen Erbes. Spuren der Siddi-Geschichte finden sich jedoch in mehreren Museen: im Tribal Research Museum in Ahmedabad, im Kutch Museum in Bhuj, im Darbar Hall Museum in Junagadh und im National Museum in Neu-Delhi. Die Museen sind durch ihre anthropologischen Klassifikationen weiterhin mit dem kolonialen Blick verstrickt.
Vor diesem Hintergrund untersucht die Forschung zunächst die Kategorien, mit denen der indische Staat die Siddi-Gemeinschaft und ihr kulturelles Erbe darstellt. Zweitens analysiert sie die anthropologischen Deutungsrahmen, mit denen ethnologische Museen die Identität und Geschichte der Siddi präsentieren. Drittens untersucht sie die Veränderungen der Kunstform Dhamal infolge von Kommerzialisierung und Vermarktung. Dabei wird herausgearbeitet, wie die Kommerzialisierung zum Verlust kulturellen Erbes führt. Viertens widmet sich die Forschung den rituellen Deutungen und der kulturellen Bedeutung des Dhamal-Tanzes für die Siddi-Gemeinschaft. Sie hinterfragt die Positionierung des afrikanisch-indischen Erbes im Zusammenhang mit Dhamal.
Die Arbeit argumentiert, dass die koloniale Konstruktion von Rasse und Stammeszugehörigkeit die postkoloniale Identität der afrikanischen Diaspora geprägt hat. Zugleich zeigt sie, wie Dhamal zur Dekolonisierung beitragen kann, indem die Praktiken der Siddi in Südasien erneut ins Zentrum gerückt werden. Der Dhamal-Tanz dient dabei als Ort der Entstehung von Gegenarchiven und Gegenerzählungen zur afrikanischen Identität und Geschichte.

 

Mittwoch, 27 Jan 2027, 12.15–13.45 Uhr

LIAS Fellow Maddalena Fragnito
Luxury Bunker Theory 
Campus Zentralgebäude | C40.530

Indem die politische Gedankenwelt zeitgenössischer Technologieeliten aus der Perspektive feministischer Theorien der sozialen Reproduktion untersucht wird, fragt »Luxury Bunker Theory«, welche Politik des Lebens entsteht, wenn das Überleben in der Zukunft durch Abgrenzung statt durch wechselseitige Abhängigkeit gedacht wird und wenn die Bedingungen, die Leben ermöglichen, zunehmend durch private, befestigte Infrastrukturen anstelle gemeinschaftlicher Versorgungssysteme organisiert werden. Der Vortrag gibt einen Überblick über den aktuellen Stand des Projekts und skizziert die nächsten Entwicklungsschritte.

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