LIAS Lecture »Gramsci’s Southern Question: ›An Infinite Contradiction‹«
LIAS Senior Fellow Ranabir Samaddar
24. Nov.
Was macht die „Southern Question“ zu einer grundlegenden Frage gesellschaftlicher Transformation? In seiner LIAS Lecture untersucht Senior Fellow Ranabir Samaddar, wie Antonio Gramscis Auseinandersetzung mit dem Süden Italiens Fragen von Nationsbildung, Kolonialismus, Kapitalismus, Demokratie und sozialem Wandel miteinander verbindet. Im Zentrum steht dabei das spannungsreiche Verhältnis von Nord und Süd – und die Idee eines „unendlichen Widerspruchs“, der gesellschaftliche Ordnungen prägt.
Datum: Dienstag, 24. Nov 2026, 18.15–19.45 Uhr
Ort: Campus | Hörsaal 3
Maud Meyzaud, LIAS Co-Direktorin (Moderation)
Wenn Wissenschaftler*innen und Expert*innen die „Südfrage“ (ital. Questione meridionale) untersuchen, scheint es, als sei sie eine Besonderheit Italiens und des italienischen Projekts der nationalen Einigung, mit der sich Antonio Gramsci als einem zentralen Problem der italienischen Revolution auseinanderzusetzen versuchte. Diese Blindheit gegenüber der Geschichte dessen, was wir als „Südfrage“ im gesellschaftlichen Wandel bezeichnen können, hat uns den Blick dafür verstellt, worum es Gramsci ging. Ebenso hat sie unser Verständnis der „Südfrage“ als allgemeiner Problematik gesellschaftlicher Übergänge und Transformationen beeinträchtigt – ja, als einer allgemeinen Frage unserer Zeit. Die „Südfrage“ ist eine historische Verbindung von Fragen der Nationsbildung, der kolonialen Beziehungen, der Religiosität, der Revolution, des Volkseins, der wirtschaftlichen Entwicklung, der Nationalität, des Geschlechts, der globalen politischen Ökonomie, logistischer Apparate und vielem mehr – all dies verdichtet in einer territorialen Form.
Wenn wir uns mit der „Südfrage“ befassen, müssen wir uns vor Augen halten, dass der unvollendete Text Gramscis über die Questione meridionale ihn dringlich und polemisch erscheinen lässt, als würde der Text mit Nachdruck die Notwendigkeit formulieren, sich aus proletarischer Perspektive mit dem Süden auseinanderzusetzen. Die nationale Einigung und Konsolidierung Italiens kam dem Norden zugute, der die Grundlage des italienischen bürgerlichen Staates bildete. Der Süden blieb von den daraus erwachsenden Gewinnen ausgeschlossen. Die Unterordnung und Marginalisierung des Südens und sein letztendlicher Ausschluss aus der vorherrschenden, als auserwählt verstandenen Nation stellten ein koloniales Verhältnis dar. Die „Südfrage“ war eine Frage dessen, was als Rest bestehen bleiben würde, dessen, was nach der bürgerlichen Transformation der Nation übrig bliebe. Gramscis Verweise auf Neapel zeigen, dass die südliche Stadt die Spuren von Konflikten und umstrittenen Anspruchserhebungen trug – und damit, in diesem Sinne, ein dauerhaft instabiles Verhältnis zwischen Kapitalismus und Demokratie oder, wenn man so will, zwischen Kapitalismus und Nationsbildung, Stabilität und Instabilität sowie Ordnung und Gewalt. Diese Verhältnisse nehmen eine geografische Form an und bringen dabei eine Reihe politischer, wirtschaftlicher und kultureller Dimensionen zum Ausdruck. Innerhalb der südlichen Stadt treten diese Verhältnisse zutage. Zugleich macht die „Südfrage“ die Stadt des Südens in vielerlei Hinsicht zu einer Gegenfigur zur Stabilität, liberalen Kultur und Macht des Nordens. Die Gegensätze sind miteinander verbunden, werden vermittelt und bestimmen sich wechselseitig. Oder, um eine durch den Philosophen Étienne Balibar bekannt gewordene Formulierung zu verwenden: der Geist eines „unendlichen Widerspruchs“.