LIAS Kolloquium: Decolonizing African Identity and History: Institutional Practices, State Intervention, and Artistic Sovereignty in Germany and India
Koyal Verma, LIAS Fellow
20. Jan.
In diesem Wintersemester 2026/27 öffnet das LIAS-Kolloquium erstmals seine Türen für die Hochschulöffentlichkeit. Die Fellows stellen ihre aktuellen Forschungsprojekte vor und geben Einblicke in Fragestellungen, Methoden und Perspektiven ihrer Arbeit. Das wöchentliche Kolloquium bietet Raum für konzentrierten Austausch über die vielfältigen Forschungsvorhaben am LIAS. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, das Programm und die Projekte der Fellows kennenzulernen.
Datum: Mittwoch, 20. Jan 2027, 12.15–13.45 Uhr
Ort: Campus | Zentralgebäude C40.704
Wie positioniert der indische Staat die afrikanisch-indische Gemeinschaft und ihr kulturelles Erbe? Wie wirkt sich die Kommerzialisierung des „Dhamal-Tanzes“ auf das kulturelle Erbe und künstlerische Ausdrucksformen aus? Globale Debatten über die afrikanische Diaspora lassen Südasien häufig außer Acht. Auch in den indischen Textarchiven ist die Geschichte der Siddi marginal geblieben.
Diese Forschung versucht, afrikanische Identität zu dekolonisieren, indem sie die Siddi und ihre kulturelle Praxis in den Mittelpunkt stellt. Dhamal als Tanzform verkörpert kulturelles Gedächtnis und Herkunft. Die afrikanisch-indische Gemeinschaft der Siddi wird vom indischen Staat jedoch als besonders gefährdete Stammesgruppe (Particularly Vulnerable Tribal Group, PVTG) eingestuft. Diese Kategorien blenden die Versklavung der Siddi, ihren Militärdienst und ihre spirituelle Autorität aus. Darin zeigt sich ein Verlust kulturellen Erbes. Spuren der Siddi-Geschichte finden sich jedoch in mehreren Museen: im Tribal Research Museum in Ahmedabad, im Kutch Museum in Bhuj, im Darbar Hall Museum in Junagadh und im National Museum in Neu-Delhi. Die Museen sind durch ihre anthropologischen Klassifikationen weiterhin mit dem kolonialen Blick verstrickt.
Vor diesem Hintergrund untersucht die Forschung zunächst die Kategorien, mit denen der indische Staat die Siddi-Gemeinschaft und ihr kulturelles Erbe darstellt. Zweitens analysiert sie die anthropologischen Deutungsrahmen, mit denen ethnologische Museen die Identität und Geschichte der Siddi präsentieren. Drittens untersucht sie die Veränderungen der Kunstform Dhamal infolge von Kommerzialisierung und Vermarktung. Dabei wird herausgearbeitet, wie die Kommerzialisierung zum Verlust kulturellen Erbes führt. Viertens widmet sich die Forschung den rituellen Deutungen und der kulturellen Bedeutung des Dhamal-Tanzes für die Siddi-Gemeinschaft. Sie hinterfragt die Positionierung des afrikanisch-indischen Erbes im Zusammenhang mit Dhamal.
Die Arbeit argumentiert, dass die koloniale Konstruktion von Rasse und Stammeszugehörigkeit die postkoloniale Identität der afrikanischen Diaspora geprägt hat. Zugleich zeigt sie, wie Dhamal zur Dekolonisierung beitragen kann, indem die Praktiken der Siddi in Südasien erneut ins Zentrum gerückt werden. Der Dhamal-Tanz dient dabei als Ort der Entstehung von Gegenarchiven und Gegenerzählungen zur afrikanischen Identität und Geschichte.