Ranabir Samaddar
Senior Fellow 2026/27
Ranabir Samaddar ist Distinguished Chair in Migration and Forced Migration Studies der Calcutta Research Group in Kolkata, Indien, und Fellow des Canadian Institute for Advanced Research (CIFAR). Er ist Vertreter der Kritischen Theorie und gilt weithin als einer der renommiertesten Theoretiker in den Bereichen Migration und Zwangsmigration.
Zudem widmet er sich in seiner Forschung den Themen Arbeit, deren technologische Umstrukturierung und sich verändernde Regime von Arbeitskontrolle, Urbanisierung, Nationalismus, postkoloniale Souveränität, Grenzen und politische Kämpfe. Hier stellt er etablierte Interpretationen von Nationalismus, Nationalstaat und Migration infrage und eröffnet neue Richtungen des kritischen postkolonialen Denkens. Samaddar, Verfasser und Herausgeber zahlreicher einflussreicher Texte, war wegweisend an der Entwicklung von Friedensforschungsprogrammen in Südasien beteiligt und arbeitete umfassend zu Fragen von Gerechtigkeit, Rechten, Konflikten und Theorie sowie Praxis von Dialog.
Durch sein interdisziplinäres Schaffen leistete Samaddar einen wesentlichen Beitrag zu Debatten über Migration, politische Subjektivität und die postkoloniale Situation.
Forschungsskizze
Crossroads of Geopolitics and Biopolitics in Early Twenty-First Century
Bei Geopolitik geht es um Raum. Bei Biopolitik geht es um Körper. Wie überschneiden sich diese beiden Bereiche heutzutage? Clausewitz war der Ansicht, der Krieg sei die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Imperialistische Kriege sind demzufolge gewalttätige Erweiterungen imperialer Geopolitik. Krieg verkörpert ein festgelegtes Repertoire politischer Maßnahmen; zudem ist Krieg oftmals ein Interessenskonflikt von Finanzmonopolen im Wettstreit um koloniale und neokoloniale Beute. Der Kampf um Territorien, symbolisiert durch den Krieg, resultiert also aus der Expansion des Kapitalismus in unterentwickelte Gebiete durch den Kapitalexport in immer neue Regionen. Imperialismus ruft somit territoriale Rivalitäten hervor, was wiederum ein Zeichen für Konzentration von Kapital in den Händen von Kartellen und Finanzoligarchien ist. Ungleiche Entwicklung, die in der Natur hochentwickelter, rückständige Kolonien ausbeutender Nationen liegt, verschärft sich. Das Gesamtergebnis ist Militarismus, der zum vorherrschenden Instrument für die Unterdrückung rückständiger Gebiete durch das mit einer florierenden Rüstungsindustrie verbundene Großstadtkapital wird.
Diesem Verständnis von Geopolitik zufolge werden die interne Spannung und das Ungleichgewicht der unterschiedlichen Bestandteile von Geopolitik als selbstverständlich betrachtet. Es wäre also zu einfach, globale Politik einzig aus dem Blickwinkel des Krieges zu betrachten. Vielmehr geht es um die Dynamik globaler territorialer Strukturen, also um miteinander verbundene Geografien, Bevölkerungsgruppen, Ressourcen, insbesondere seltene Rohstoffe, Kapitalmobilität, vor allem Finanzkapital, und die umstrittene Rolle von Nationen innerhalb dieser Dynamik. Geopolitik ermöglicht ein Weltsystem, bricht das System jedoch gleichzeitig durch ihre räumlichen Widersprüche. Diese Widersprüche stehen im Zentrum eines Prozesses von Teilungen, Neueinteilungen und Trennungen von Nationen. Die Schaffung neuer Räume ist das unvermeidliche Ergebnis dieses Prozesses. Heute sehen wir natürlich Entwicklungen mit neuen geopolitischen Folgen. Die Verstrickung kognitiver, finanzieller, physischer und geografischer Grenzen ist eine solche Folge. Grenzen und eine entsprechende Infrastruktur, um diese Grenzen zu verhandeln und Mobilität zu erleichtern, sind Elemente der Geopolitik des 21. Jahrhunderts, die auch Geoökonomie umfasst.
Die neuen Voraussetzungen für Globalisierung sind in vielerlei Hinsicht besonders. So etwa die Vorherrschaft von spekulativem Kapital, technologische Revolutionen, logistische Neuorientierung von Ökonomien, die Rückkehr ursprünglicher Akkumulation und die unbestreitbare Präsenz des Südens. Der Süden symbolisiert informelle Ökonomie, die
Produktion von seltenen Erden, globale Urbanisierung, populistische Politik und vor allem massive Bevölkerungsmobilität, die von Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, Religion und anderen Verwerfungslinien gekennzeichnet ist. Die Präsenz großer Mengen mobiler Menschen aus dem Globalen Süden und innerhalb des Globalen Südens hat die geopolitische Situation in Bewegung gebracht und unterbricht jede Form geopolitischer Stabilität. Es ist die globale Situation einer Biopolitik von unten, die in geopolitische Prozesse eingreift.
Die Bedeutung der Präsenz des Südens ist somit gewaltig. Migrant*innen, inklusive illegaler Arbeitsmigration, Geflüchtete, staatenlose Personen, Opfer von Menschenhandel, Frauenarbeit und die allgemeine mobile Arbeitskraft im Dienstleistungs- und Unterhaltungssektor, gemischte Migrationsströme als Folge ökologischer, epidemiologischer und entwicklungspolitischer Katastrophen, die massive Präsenz von Schattenstädten als integraler Bestandteil der großen Weltmetropolen und die Betonung von Fürsorge und Schutz als zentrale Werte einer legitimen öffentlichen Macht – das sind einige der Elemente der Biopolitik von unten im gesamten Südlichen Bogen. Sie hinterlassen im formalen Szenario der Geopolitik ihre Spuren in Gestalt einer »neuen Politik des Lebens«.
Geopolitik und Biopolitik sind parallele, einander jedoch überschneidende Realitäten mit Auswirkungen auf globale Machtmuster. Die neue »Politik des Lebens« deutet auf den Zusammenbruch alter politischer Muster hin. Das Wort »Zusammenbruch« soll nicht auf den Wunsch nach einer Rückkehr zur Orthodoxie verweisen, sondern auf den wahrhaft beispiellosen Charakter der Ereignisse.
Ausbildung
PhD, Political Science, University of Calcutta, Kolkata, Indien
MA, Political Science, University of Calcutta, Kolkata, Indien
BA, Political Science, University of Calcutta, Kolkata, Indien
Jüngste wissenschaftliche Position
Professor Emeritus der Calcutta Research Group, Kolkata, Indien
Jüngste Veröffentlichungen
Biopolitics from Below: Crisis, Conjuncture, Rupture, Amsterdam: Central European University Press, 2025.
The Postcolonial Age of Migration, London: Routledge, 2020.
Karl Marx and the Postcolonial Age, Cham: Palgrave Macmillan, 2018.
Emergence of the Political Subject, New Delhi: SAGE, 2009.
The Politics of Dialogue: Living Under the Geopolitical Histories of War and Peace, Aldershot: Ashgate, 2004.
The Marginal Nation: Transborder Migration from Bangladesh to West Bengal. New Delhi: Oxford University Press, 1999.