LIAS-Workshop: Transitional Justice in Illiberal Times

LIAS-Workshop: Transitional Justice

26.05.2026 Wie lässt sich Übergangsjustiz in einer Gegenwart denken, die von anhaltender Gewalt, autoritären Dynamiken und kolonialen Kontinuitäten geprägt ist? Im LIAS-Workshop „Transitional Justice in Illiberal Times“ wurden zentrale Konzepte der Übergangsjustiz kritisch hinterfragt. Im Mittelpunkt standen Fragen nach Gewalt als Kontinuum, den Grenzen klassischer Kategorien wie „Opfer“ und „Täter“, der politischen Funktion von Erinnerung und Restitution sowie nach den Möglichkeiten, Zukunft unter Bedingungen anhaltender Unsicherheit zu imaginieren. Mit Alejandro Castillejo-Cuéllar, Ini Dele-Adedeji, Arthur Muliro, Brendan Ciarán Browne, Jelena Subotić

©LIAS
©LIAS
©LIAS

LIAS-Workshop: Transitional Justice in Illiberal Times

Alejandro Castillejo-Cuellar beschäftigte sich in seinem Vortrag „Violence as Continuum: On the Rainforest’s Elusive Testimony“ mit der Frage, wie Gewalt in Übergangsjustizprozessen verstanden wird. Ausgangspunkt war die Kritik an einem teleologischen Verständnis von Übergangsjustiz, das davon ausgeht, Gesellschaften bewegten sich linear von Gewalt und Konflikt hin zu Frieden und Versöhnung. Anhand des kolumbianischen Kontexts zeigte er, dass Gewalt dagegen als Kontinuum fortbestehe. Er betonte insbesondere das Konzept des „liminalen Zustands“: Übergangsjustiz bewege sich zwischen Vergangenheit und Zukunft, ohne dass ein klarer Endpunkt erreichbar sei. Friedensprozesse erzeugten neue soziale Räume, um Gewalt wahrzunehmen, blieben jedoch von Unsicherheit geprägt. Castillejo-Cuellar betonte, dass die bestehenden Modelle von Wahrheit, Trauma und Wiedergutmachung stark durch rechtliche und psychologische Kategorien geprägt seien und Gewalt häufig am Körper verorteten. Damit gerieten andere Dimensionen von Gewalt aus dem Blick, etwa kollektive, ökologische oder epistemische. Besondere Aufmerksamkeit widmete er den „Sprachen des Schmerzes“, mit denen Gesellschaften Gewalt und Leid beschreiben. Übergangsjustiz eröffne dabei zwar pluralistische Perspektiven auf Vergangenheit und Zukunft, reproduziere zugleich aber bestimmte normative Vorstellungen von Frieden, Transformation und Versöhnung. Gewalt müsse daher umfassender gedacht werden – auch in ihrer Verbindung zu Zeitlichkeit, Raum und nicht-menschlichen Dimensionen.

Boko Haram in Nigeria

Ini Dele-Adedeji analysierte in seinem Vortrag „Neither Victims Nor Perpetrators: Transitional Justice and the Collapse of Categories“ die Grenzen klassischer Kategorien der Übergangsjustiz am Beispiel des Konflikts mit Boko Haram im Nordosten Nigerias. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass die rechtlichen und moralischen Kategorien von „Opfer“ und „Täter“ in vielen Konfliktsituationen kollabieren. Menschen, die von Boko Haram entführt oder kontrolliert wurden, seien häufig zugleich Opfer von Gewalt und in Formen von Kooperation oder Mitschuld verwickelt gewesen. Dele-Adedeji beschrieb die Region als einen Raum permanenter Ausnahmezustände, geprägt von militärischer Kontrolle, Internierungslagern und eingeschränkter Souveränität. In diesen „liminalen Räumen“ würde die Grenzen zwischen Schutz, Überwachung und Gewalt verschwimmen. 

Dele-Adedeji argumentierte, dass Transitional Justice eigentlich für Kontexte mit klareren Täter-Opfer-Konstellationen entwickelt worden sei und deshalb an ihre Grenzen stoße. Er plädierte daher für ein differenzierteres Verständnis von Verantwortung, Leid und Handlungsfähigkeit, die komplexe Formen von Zwang und Anpassung berücksichtige. Übergangsjustiz müsse die Realität moralisch ambivalenter Lebenssituationen anerkennen und die Rolle staatlicher Gewalt sowie militärischer Strukturen stärker beachten.

Die Einhegung der Zukunft und Fragen der Kunst

Arthur Muliro thematisierte in seinem Beitrag „On the Burden of Justice and the Foreclosure of Futures“ die langfristigen Auswirkungen von Gewalt auf gesellschaftliche Zukunftsvorstellungen. Im Mittelpunkt stand die These, dass ungelöste Vergangenheiten nicht nur Erinnerungen prägen, sondern aktiv Möglichkeiten zukünftigen Handelns begrenzen. Gewalt hinterlasse Spuren in sozialen Beziehungen, Institutionen, Infrastrukturen und Imaginationen. Anhand von Beispielen aus Kenia beschrieb Muliro, wie sich die Last vergangener Gewalt häufig in Schweigen, Vorsicht und eingeschränkten Zukunftserwartungen ausdrücke. Menschen würden Zukunft zunehmend negativ definieren und damit versuchen, zu vermeiden, was sich wiederholen könnte. Dies führe zu einer Erschöpfung gesellschaftlicher Vorstellungskraft.

Muliro kritisierte, dass Übergangsjustizprozesse oft auf messbare Ergebnisse und institutionelle Stabilisierung fokussiert seien, während relationale Schäden und moralische Verletzungen unzureichend beachtet würden. Wahrheitsprozesse allein reichten nicht aus, denn Erinnerung beeinflusse maßgeblich, wie Menschen Gegenwart und Zukunft wahrnehmen. Besonders betonte Muliro die Bedeutung von Kunst und kulturellen Ausdrucksformen, die eine Sprache für Erfahrungen schaffen könnte, die sich institutionell oder rechtlich kaum artikulieren lassen. Zukunftsvorstellungen entstünden nicht allein durch politische Prozesse, sondern auch durch Räume des Zuhörens, Erzählens und Imaginierens.

Transitional Justice und Kolonialismus

Brendan Cierán Browne reflektierte in seinem Vortrag „Transitional (In-)Justice and Enforcing the ‚Peace‘ in Palestine“ kritisch die Rolle von Übergangsjustiz in kolonialen und andauernden Konfliktkontexten, insbesondere in Palästina. Ausgehend von Erfahrungen in Nordirland stellte er die Frage, inwiefern Übergangsjustiz selbst Teil problematischer Machtverhältnisse werden könne. Browne argumentierte, dass Prozesse der „peacebuilding“-Politik häufig koloniale Strukturen stabilisierten, anstatt sie zu überwinden. Übergangsjustiz erscheine dabei nicht nur als juristisches Instrument, sondern auch als pädagogische Praxis, die bestimmte Formen des Erinnerns und Wissens produziere. In Palästina zeige sich eine paradoxe Situation, in der Übergangsjustiz inmitten eines andauernden kolonialen Konflikts gelehrt und institutionell gefördert würde.

Er hinterfragte daher, welche Zukunftsvorstellungen durch Übergangsjustiz überhaupt reproduziert werden und ob diese Zukunftsmodelle selbst Teil des Problems seien. Die Übergangsjustiz müsse aus postkolonialer Perspektive neu gedacht werden und stärker nach den politischen Voraussetzungen und Interessen hinter entsprechenden Programmen, Konferenzen und Bildungsangeboten fragen.

Restitution als Symbolpolitik?

Jelena Subotic Beitrag „Global Politics of Institutions in Illiberal Times“ widmete sich den politischen Dimensionen von Restitution und Rückgabeprozessen kolonial geraubter Kulturgüter, insbesondere der Benin-Bronzen. Sie zeichnete die Geschichte der kolonialen Plünderungen sowie aktuelle Rückgabeinitiativen europäischer Staaten nach.

Sie kritisierte vor allem, dass Restitution häufig als symbolische politische Geste auftrete, durch die sich Institutionen moralisch aufwerteten, ohne koloniale Machtverhältnisse grundlegend zu hinterfragen. Rückgaben könnten zwar Anerkennung und Dekolonialisierung ermöglichen, verschleierten aber zugleich strukturelle Kontinuitäten kolonialer Ordnung.

Die Referentin betonte zudem, dass Restitutionsdebatten auch Fragen von Erinnerung, kultureller Integrität und Selbstbestimmung betreffen. Die Rückgabe von Objekten könne daher ein Mittel sein, historische Beziehungen neu zu verhandeln und Gemeinschaften Handlungsmacht zurückzugeben. Gleichzeitig verwies sie auf die politischen und infrastrukturellen Herausforderungen solcher Prozesse.

Grenzen der Übergangsjustiz 

Der Workshop machte deutlich, dass Übergangsjustiz in gegenwärtigen globalen Kontexten zunehmend an ihre konzeptionellen Grenzen stößt. Die Beiträge stellten lineare Vorstellungen von Übergang, Frieden und Versöhnung in Frage und betonten stattdessen Kontinuitäten von Gewalt, Unsicherheit und kolonialen Machtstrukturen.

Zentrale Themen waren die Persistenz von Gewalt nach dem „Ende“ von Konflikten, die Unzuverlässigkeit klassischer Kategorien wie „Opfer“ und „Täter“, die Rolle von Erinnerung und Zukunftsvorstellungen sowie die Frage nach der politischen Funktion der Übergangsjustiz. Immer wieder wurde deutlich, dass institutionelle und rechtliche Prozesse allein nicht ausreichen, um gesellschaftliche Transformationen zu ermöglichen.

Alternative Perspektiven wurden in relationalen Formen von Wiedergutmachung, kulturellen und ästhetischen Praktiken sowie pluralistischen Zeitvorstellungen und der Bedeutung von Kunst, Erzählung und Imagination für gesellschaftliche Zukunftsentwürfe gesehen. Der Workshop zeigte damit, dass Debatten um Übergangsjustiz heute eng mit Fragen von Kolonialität, globaler Ungleichheit und politischer Vorstellungskraft verbunden sind.

Komplexe Erfahrungen von Gewalt

In den Diskussionen ging es wiederholt um die Frage, ob Übergangsjustiz stärker räumlich, statt ausschließlich zeitlich gedacht werden müsse und welche Bedeutung liminale Räume oder Zonen eingeschränkter Souveränität haben. Diskutiert wurden zudem geopolitische Asymmetrien der Übergangsjustiz: Warum werden Staaten oder Regionen Ziel internationaler Übergangsjustizprozesse, während andere Kontexte weitgehend ausgeblendet bleiben? 

Kunst wurde schließlich als zentrale Voraussetzung dafür verstanden, Zukunft überhaupt imaginieren zu können. Auch Fragen nach Sprache, Erinnerung und der Vermittlung von Schmerz spielten eine wichtige Rolle. Schließlich zog sich die Frage nach Vertrauen, gesellschaftlicher Teilhabe und den Grenzen institutioneller Versöhnungskonzepte durch mehrere Panels. Besonders hervorgehoben wurde die Notwendigkeit, komplexe und widersprüchliche Erfahrungen von Gewalt anzuerkennen, die eben nicht auf einfache Kategorien reduziert werden könnten.

Anfragen und Kontakt:

  • Dr. Christine Kramer