LIAS Lecture: Aufklärung als politische Praxis
Nick Nesbitt, Universität Princeton
03.06.2026 LIAS Lecture »‘I am Toussaint Louverture’: Who is the Subject of Radical Enlightenment?« von Nick Nesbitt, Universität Princeton
Die LIAS Lecture »‘I am Toussaint Louverture’: Who is the Subject of Radical Enlightenment?« von Nick Nesbitt, Princeton Universität, beschäftigte sich mit der Frage, wer das Subjekt der radikalen Aufklärung ist. Ausgehend von der klassischen europäischen Aufklärung bei Immanuel Kant (1724–1804) und dessen Grundlage der Befreiung des Individuums aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit durch den Mut, den eigenen Verstand zu gebrauchen, verwies Nesbitt auf den Kerngedanken, dass es die Trägheit und Bequemlichkeit der Menschen sei, die ihre Aufklärung verhinderten.
Dem stellte Nesbitt die von Jonathan I. Israel beschriebene radikale Aufklärung gegenüber, deren philosophische Grundlage im Denken von Baruch de Spinoza (1632–1677) liege. Während die gemäßigte Aufklärung häufig Kompromisse mit bestehenden Herrschaftsformen wie Monarchie und sozialer Ungleichheit einging, verfolge die radikale Aufklärung einen konsequenteren Anspruch auf Gleichheit und Freiheit. Dabei kritisierte Nesbitt auch die Rationalisierungslogik der kolonialen Ökonomie. Am Beispiel von Saint-Domingue zeigte er, wie Reichtum in Tabellen und Inventaren erfasst wurde, während die Arbeit der versklavten Menschen unsichtbar blieb. Obwohl sie die wichtigste Quelle des gesellschaftlichen Reichtums darstellten, erschienen Sklaven lediglich als Besitz und nicht als Produzenten von Wert. Diese Unsichtbarkeit verweise auf die Analyse von Arbeit, Kapital und Ausbeutung bei Karl Marx (1818–1883), auf den Nesbitt für die theoretische Bestimmung der radikalen Aufklärung zurückgriff. Anders als in der hegelschen Dialektik gehe es dabei nicht um die Aufhebung von Widersprüchen in der Synthese, sondern um gesellschaftliche Gegensätze und Konfrontationen. In der von Marx überarbeiteten französischen Ausgabe des Kapitals werde der Begriff des Widerspruchs bewusst durch den des Gegensatzes ersetzt. Dadurch rücke der soziale Kampf als historische Triebkraft stärker in den Mittelpunkt. Diese Lesart Nesbitts knüpft an Interpretationen des Marx-Forschers Michael Heinrich an.
Eine wichtige Alternative zu europäischen Menschenrechtsvorstellungen sah Nesbitt in der Manden-Charta aus dem mittelalterlichen Mali des frühen 13. Jahrhunderts, die auf die Herrschaft von Soundiata Keïta (auch Sogolon Djata, ca. 1190–1255) zurückgeführt wird. Diese frühe Erklärung grundlegender Rechte betone den Wert jedes menschlichen Lebens und lehne Unterscheidungen nach Herkunft, Geschlecht oder sozialem Status grundsätzlich ab. Die Aussage, dass jedes Leben ein Leben sei (»toute vie est une vie«), formuliere einen universellen Anspruch auf Anerkennung und Freiheit. Zugleich verweist sie auf eine Gesellschaftsordnung, die nicht auf einer transzendenten oder souveränen Macht beruhe.
Diese Perspektive verbinde sich mit Spinozas Philosophie, den für ihn entstehe Freiheit nicht im Individuum, sondern in sozialen Beziehungen. Erkenntnis und vernünftiges Handeln seien immer das Ergebnis gemeinsamer, intersubjektiver Prozesse. Ein ethisches Leben sei deshalb notwendigerweise ein soziales Leben. Ähnliche oppositionelle Denkfiguren zeigte Nesbitt auch am Beispiel von Maximilien Robespierre (1758–1794) auf, der die Abschaffung der Todesstrafe befürwortete, zugleich jedoch die Hinrichtung des Königs als notwendige Voraussetzung einer neuen politischen Ordnung betrachtete.
Besondere Aufmerksamkeit widmete Nesbitt der haitianischen Revolution und der Figur Toussaint Louverture (ca. 1743–1803). Dessen öffentliche Erklärung »Je suis Toussaint Louverture« verstand er nicht als individuellen Identitätsausdruck, sondern als politische Selbstbenennung eines kollektiven Subjekts. Louverture sprach im Namen einer Gemeinschaft, die Freiheit und Gleichheit nicht länger nur fordern, sondern praktisch verwirklichen wollte. Die haitianische Revolution verlieh den Begriffen »Liberté« und »Égalité« einen konkreten Inhalt und machte sie zu Prinzipien gesellschaftlicher Umgestaltung. Nach der Niederlage Napoleon Bonapartes (1769–1821) entstand unter Henri Christophe (1767–1820) mit dem Code Henry ein neuer Versuch gesellschaftlicher Ordnung, der jedoch weiterhin von kapitalistischen Austausch- und Eigentumsverhältnissen geprägt blieb.
In diesem Sinne erscheine die radikale Aufklärung nicht als philosophisches Projekt, so Nesbitt, sondern als dringende politische Praxis, die aus realen Kämpfen gegen Unterdrückung hervorgehe und universelle Freiheit erst durch kollektives Handeln verwirkliche. Die haitianische Revolution könne dabei als historischer Versuch verstanden werden, die konkreten Vorstellungen von Freiheit und Gleichheit gegen die bestehenden Herrschaftsverhältnisse durchzusetzen – eine Perspektive, die später auch von Aimé Césaire (1913–2008) in seinen Überlegungen zu Dekolonisierung und gesellschaftlicher Gleichheit aufgegriffen wurde.
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- Dr. Christine Kramer


