Künstlerische Welten jenseits kolonialer, nationaler und patriarchaler Grenzen
05.06.2026 Die Veranstaltung „World-Making Experiments with Art and Literature“ brachte Autor*innen, Künstler*innen und Wissenschaftler*innen zusammen, um darüber nachzudenken, wie Kunst, Literatur und Performance neue Formen des Denkens, Erinnerns und Zusammenlebens eröffnen können.
Im Zentrum stand die Frage, wie Geschichten, Bilder und künstlerische Praktiken alternative „Welten“ entwerfen – jenseits kolonialer, nationaler und patriarchaler Grenzen. Yvonne Adhiambo Owuor sprach über ihren Roman The Dragonfly Sea, eine Coming-of-Age-Geschichte eines Mädchens auf einer Reise durch die Swahili-Meere. Besonders hervorgehoben wurde die Rolle von Frauen in maritimen Erzählungen sowie die Vorstellung des Meeres als Raum der Bewegung, Verbindung und Überschreitung nationaler Grenzen. Owuor widersetzt sich kolonialen Narrativen, die afrikanische Mobilität ausschließlich mit Versklavung verbinden, und betonte stattdessen Handlungsmacht, Reisen und Austausch. In ihrem Vortrag »Entangled Cartographies« entwickelte sie die Idee verflochtener Kartografien: Karten, Mythen und Geschichten formten unsere Vorstellung davon, wer »wir« sind. Angesichts globaler Krisen fragte sie, welche neuen Geschichten und Formen des Zusammenlebens möglich werden könnten.
Tsitsi Dangarembga reflektierte über Multimedia als Überlebensstrategie im »metakolonialen Kapitalismus«. Der Wechsel zwischen Film, Theater und Literatur sei besonders für afrikanische Künstlerinnen notwendig gewesen. In autobiografischen Essays setzt sie sich kritisch mit Simbabwe, Nationenbildung und ihrer eigenen Beziehung zur Regierung auseinander. Kunst verstehe sie als Möglichkeit, sich alternative Zukünfte vorzustellen: »Wir müssen die Welt neu beginnen.«
Maaza Mengiste sprach über die Verbindung von Literatur und Fotografie in The Shadow King. Sie zeigte, wie koloniale Fotografie afrikanische Menschen entmenschliche und Gewalt legitimiere. Ihre literarische Arbeit versuche, diesen Bildern Würde und Komplexität zurückzugeben. Mengiste sammelt historische Fotografien, behandelt die dargestellten Menschen als reale Individuen mit Geschichten und entwickelt kollaborative Projekte wie »Project 3531«, das sich mit der italienischen Kolonialisierung Äthiopiens auseinandersetzt. Ihr aktuelles Buchprojekt widmet sich Schwarzen Lebensgeschichten in Berlin der 1930er-Jahre und verbindet Vergangenheit und Gegenwart von Rassismus und Migration.
Muna Mussies Film Cinema Impero setzt sich fragmentarisch mit kolonialen Archiven, Eritrea und künstlicher Intelligenz auseinander. Die Diskussion betonte, wie der Film koloniale Bildordnungen destabilisiert und alternative Formen des Erinnerns entwerfe. In ihrem später vorgestellten Projekt »Punteggiatur« arbeitete Mussie mit Migrantinnen in Italien zusammen. Durch Stickerei, Gespräche und kollektives Schreiben entstand ein »textiles Buch«, das Sprache, Migration und Mehrdeutigkeit erforscht. Das Projekt verstand Schule nicht nur als Bildungsort, sondern als Raum der Begegnung und gegenseitigen Lehre.
Mshaï Mwangola verband Performance, Erzählkunst und Textilien miteinander. Der Leso-Stoff wurde dabei als eine Form von Kartografie verstanden: Muster, Namen und Stoffbewegungen erzählten Geschichten von Handel, Kolonialismus und kulturellen Verflechtungen im Raum der Swahili-Meere. Mwangola betonte die Bedeutung von »Oratur«, einer grenzüberschreitenden ästhetisch-intellektuellen Tradition des mündlichen Erzählens. Kunst erschien hier als kollektiver Dialog, der Menschen dazu anrege, ihre Gegenwart kritisch zu reflektieren.
Grace A. Musila sprach mit dem Filmemacher, Lyriker und bildenden Künstler Lemohang Jeremiah Mosese. Er beschrieb seinen Weg zum Kino als einen poetischen, weil er schon früh in poetischen Bildern dachte, bevor das Schreiben und später das Kino zu seiner Ausdrucksform wurden. Da Film in seiner Kindheit allgegenwärtig war, erschien ihm dieses Medium als natürliche Sprache. Gefragt nach seiner autodidaktischen Ausbildung im Unterschied zu institutioneller Bildung etwa an einer Filmhochschule schilderte Mosese eine ambivalent Perspektive. Zwar könne eine Filmschule den Lernprozess verkürzen und technische Fähigkeiten vermitteln, doch gerade die Unkenntnis filmischer Regeln habe ihm die Freiheit gegeben, eine eigene Bildsprache zu entwickeln. Für ihn entstehe Kunst nicht allein aus Technik, sondern aus Inspiration, Intuition und den »Rissen«, durch die das Unvorhersehbare in ein Werk gelangt, ein Anspielung auf Leonard Cohens Song Anthem (1992): »Forget your perfect offering, There is a crack, a crack in everything, That's how the light gets in.«
Die Inspiration für seine Filme stamme häufig aus Architektur, Landschaften und Mythologien. Im Zentrum seiner Arbeit stünde dabei Fragen von Gewalt, Erinnerung und Zugehörigkeit. Der rote Stoff in seinem Film Ancestral Visions of the Future, der am Tag zuvor gezeigt worden war, symbolisiere für ihn eine gewaltsame Überlagerung von Landschaft und Geschichte. Wiederkehrende Motive in einigen seiner Filme sind starke Frauen- und Mutterfiguren, geprägt durch seine Biografie. Weibliche Charaktere schreibt er zunächst als Männerfiguren, um stereotype Vorstellungen zu vermeiden. Anschließend ändere er die Namen der Figuren zu einem weiblichen Charakter, ein überraschendes Bekenntnis für Grace A Musila und die Gäst*innen der Veranstaltung.
Die Veranstaltung insgesamt verstand »Worldmaking« als einen offenen, kollaborativen Prozess. Unterschiedliche Medien – Literatur, Film, Fotografie, Performance, Textilien und Archivarbeit – wurden genutzt, um dominante Geschichtsschreibungen infrage zu stellen und neue Beziehungen, Erinnerungen und Zukunftsvorstellungen zu entwerfen. Im abschließenden Gespräch beschrieben die Teilnehmenden den Workshop als ein Gewebe aus Begegnungen und Ideen, das Hoffnung auf langfristige Verbindungen und gemeinsame Formen des Denkens und Gestaltens vermittelte.
Anfragen und Kontakt:
- Dr. Christine Kramer





