The World-Making Promise of Literary Imagination
10.06.2026 Die Veranstaltung im Heinrich-Heine-Haus eröffnete einen zweieinhalbtägigen Workshop, der vom Leuphana Institute for Advanced Studies (LIAS) und Partnern in Lüneburg veranstaltet wurde. LIAS Fellow Vera-Simone Schulz stellte die beiden Ehrengäste vor: die simbabwische Schriftstellerin und Filmemacherin Tsitsi Dangarembga und die kenianische Autorin Yvonne Adhiambo Owuor. Der Schwerpunkt des Gesprächs zwischen Vera-Simone Schulz und Yvonne Adhiambo Owuor lag in erster Linie auf Owuors Roman »The Dragonfly Sea« (Dt. »Das Meer der Libellen«).
Im Gespräch mit Schulz berichtete Owuor über die Hauptprotagonistin des Romans, Ayaana, deren Reise über den Indischen Ozean (den Owuor lieber als »Swahili Seas«, also Suaheli-Meer, bezeichnet) männlich-dominierte maritime Narrative in Frage stellt. Sie hebt die oft übersehene Rolle von Frauen als Schiffseignerinnen, Händlerinnen, Reisenden und Kulturagentinnen in der Küstengeschichte Ostafrikas hervor. Der Roman ist bestrebt, diese vernachlässigten Geschichten wiederzuentdecken und afrikanische Handlungsmacht innerhalb maritimer Welten wiederherzustellen.
Ein Hauptthema war die Bedeutung von materieller und visueller Kultur. Owuor erklärte, dass Gegenstände, wie Truhen, Textilien, Porzellan, Architektur und Fotografien, nicht einfach nur als Hintergrunddetails dienen, sondern als Belege für historische Verbindungen und vergraben liegende Geschichte. Sie sprach sich gegen Narrative aus, die afrikanische Beziehungen zum Ozean auf Sklaverei oder das Bestreiten des Lebensunterhalts durch Küstenbereiche beschränken, und betonte stattdessen Traditionen von Handel, Entdeckungen, Migration und Navigation. Schulz und Owuor erörterten zudem seit langem bestehende Verbindungen zwischen Ostafrika und China, darunter Erinnerungen an die Reisen von Zheng He (1371–1435) und die Nachfahren von Seeleuten, die sich auf der Insel Pate niedergelassen haben. Owuor sprach darüber, wie oft mündliche Geschichte und Familiengenealogien trotz der lebenden Beweise und des gemeinschaftlichen Gedächtnisses, von externen Wissenschaftler*innen außer Acht gelassen werden.
Ökologische und mehr-als-menschliche Perspektiven bildeten ein weiteres wichtiges Thema. Owuor beschrieb ihr Schreiben als von afrikanischen ökologischen Sensibilitäten und einer Weltsicht geprägt, in der Menschen in Beziehung zu anderen Lebensformen existieren. Sie lehnte ein rein extraktives Verständnis von Natur ab und bezeichnete die Literatur als Mittel, um überlieferte Methoden des Verstehens miteinander verbundener Existenzen zurückzufordern. Owuor beschrieb ihre Recherchen als sehr intensiv, umfassten sie doch Reisen, mündliche Geschichte und Zusammenarbeit mit Wissenschaftler*innen und Kulturschaffenden. Sie schloss mit der Erklärung, dass The Dragonfly Sea in kenianischem Englisch verfasst worden sei, und dass die mehrsprachigen Suaheli-Dimensionen die Übersetzung (Dt. Das Meer der Libellen übers.von Simone Jakob) besonders komplex gestalten würden.
Im zweiten Teil des Abends sprach LIAS-Alumna Grace A. Musila mit der simbabwischen Schriftstellerin und Filmemacherin Tsitsi Dangarembga über künstlerische Praktiken, politische Verantwortung und die Rolle von Vorstellungskraft in Zeiten der Krise. Dangarembga stellte Überlegungen zu ihrer Arbeit in verschiedenen Medien an, darunter Drama, Erzählliteratur, Memoir und Film. Diese Wechsel gingen oft weniger aus künstlerischem Experimentieren alleine hervor, sondern waren vielmehr Reaktionen auf strukturelle Grenzen, mit denen afrikanische Schriftstellerinnen und Filmemacherinnen konfrontiert sind. Sie beschrieb den Wechsel zwischen den Genres als Notwendigkeit, um Räume zu finden, in denen ihre Arbeiten realisiert und veröffentlicht werden konnten. Ihr Übergang von Drama zu Prosa führte schließlich zur Publikation von Nervous Conditions (Dt. Aufbrechen), während spätere Filmarbeiten sie ständigen ethnischen und institutionellen Ungleichheiten in der internationalen Filmindustrie aussetzten.
Musila und Dangarembga setzten sich zudem mit der Beziehung zwischen Literatur und Autobiografie auseinander. Danngarembga erläuterte, dass ihr Memoir Black and Female aus praktischen Publikationserwägungen hervorgegangen war, jedoch zu einem bedeutenden Raum für Selbstreflexion in einer Zeit politischer Konflikte im der simbabwischen Regierung wurde. Diese Erfahrungen führten zu wesentlichen Fragen zu Staatsangehörigkeit, nationaler Identität und Zugehörigkeit. Grace A. Musila verortete Dangarembgas gefeierte Trilogie – Nervous Conditions, The Book of Not und This Mournable Body (Dt. Aufbrechen, Verleugnen und Überleben) – in Simbabwes politischer Geschichte, und Dangarembga beschrieb daraufhin die Schwierigkeiten der Nationenbildung in einer postkolonialen Post-Genozid-Gesellschaft und wies darauf hin, dass politische Identitäten oft umfassendere Vorstellungen nationaler Gemeinschaft überlagern.
Dangarembga bemerkte außerdem, dass ansteigender Autoritarismus, Nationalismus und ausschließende Politik weltweit nach neuen Formen kollektiver Vorstellungskraft verlangen würden, um »die Welt neu zu beginnen«. Obwohl sie den weitverbreiteten Pessimismus anerkannte, betonte sie doch, wie wichtig es sei, Allianzen über Grenzen hinweg zu bilden und alternative Visionen von Gesellschaft zu entwickeln. Literatur, Kunst und öffentlicher Dialog schaffen ihrer Ansicht nach Räume, in denen eine solche Zukunft vorstellbar ist.
In der Diskussion wurde auch das Problem der Übersetzung thematisiert, insbesondere die Herausforderung, Werke zu übersetzen, die von sprachlichen Strukturen und Kulturreferenzen der Sprache und Kultur der Shona geprägt sind. Dangarembga lobte Übersetzer*innen, die sich intensiv mit diesen komplexen Fragen auseinandersetzen. Zu künstlerischer Zusammenarbeit, kultureller Förderung und dem Rückgang kreativer Infrastrukturen in Simbabwe befragt, hob Dangarembga die Anfälligkeit künstlerischer Ökosysteme, die Abhängigkeit von externen Förderstrukturen und die Notwendigkeit stärkerer afrikanisch geführter Unterstützungssysteme hervor.
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- Dr. Christine Kramer





