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Künstlerische Praktiken hinterfragen historische Erzählungen

Panel War Memory

17.06.2026 Die Podiumsdiskussion „Krieg, Erinnerung und Infrastruktur: Wo bleibt die Kunst?“ mit der LIAS-Public-Fellow Madhusree Dutta (Mumbai), der Filmemacherin und Künstlerin Clarissa Thieme (Berlin/Wien) und der LIAS-Co-Direktorin Susanne Leeb befasste sich damit, wie Kunst, Archive, Bilder und das Erzählen von Geschichten im Kontext von Krieg, politischer Gewalt und historischer Erinnerung wirken. Die Referentinnen untersuchten, wie künstlerische Praktiken vorherrschende historische Narrative hinterfragen und alternative Formen des Zeugnisses und des kollektiven Gedenkens schaffen können.

©Benjamin Krapf
©Benjamin Krapf
©Benjamin Krapf

Die Podiumsdiskussion »War, Memory and Infrastructure: Where is Art?« untersuchte, wie Kunst, Archive, Bilder und Storytelling innerhalb des Kontextes von Krieg, politischer Gewalt und historischer Erinnerung agieren. Die Teilnehmenden erörterten, wie künstlerische Praktiken beherrschende historische Narrative hinterfragen und alternative Formen von Zeugenschaft und kollektiver Erinnerung erschaffen.

Die erste Präsentation Save the Amazon – Resumption von Clarissa Thieme behandelte ein Archivprojekt in Sarajewo, das während des Bosnienkrieges entstanden war. Eine Gruppe von Teenagern begann, das Alltagsleben während der Belagerung zu dokumentieren und schuf damit ein kollektives Archiv, das über den Krieg hinaus Bestand hatte. Durch gemeinsames Filmen, Bearbeiten und Diskutieren wurde das Archiv zu einem Raum, in dem Menschen, die in Bosnien geblieben waren, und Mitglieder der Diaspora sich wieder miteinander verbinden und über traumatische Erfahrungen austauschen konnten. Künstlerische Arbeiten, die aus diesem Archiv hervorgingen, bewegten sich zwischen Dokumentation und Fiktion, und stellten konventionelle Formen von Beweis und Darstellung in Frage. Die Präsentation betonte, wie Kunst als politischer Raum funktionieren kann, der Dialog fördert, Erinnerung aufrecht erhält und eine Zukunft jenseits von Konflikten beschwört.

Die zweite Präsentation Post-youth Female Body and War von LIAS Public Fellow Madhusree Dutta untersuchte die Beziehungen zwischen Erinnerung, Körper und politischem Widerstand und bezog sich dabei auf Erfahrungen aus Kaschmir und Manipur. Sie hinterfragte die Annahme, dass Körper offensichtlich Erinnerungen tragen oder offenbaren, und beleuchtete, wie Fotografien oftmals nicht durch das Bild selbst, sondern durch Bildunterschriften und Narrative Bedeutung erlangen. Die Teilnehmenden erörterten bestehende Konflikte in Indien, die oft als interne »Konflikte« und nicht als Kriege bezeichnet werden, und die deshalb nur eingeschränkte internationale Aufmerksamkeit erlangen. Besonderer Fokus lag auf der Frauenbewegung in Manipur, in deren Rahmen ältere Frauen durch Proteste gegen staatliche Gewalt und Menschenrechtsverletzungen zu stark sichtbaren politischen Akteurinnen wurden. Ihre Körper wurden zu Orten des Widerstands, und hinterfragten damit sowohl Staatsmacht als auch konventionelle Darstellungen von Weiblichkeit. Künstlerische und filmische Praktiken wurden als Formen kulturellen Widerstands präsentiert, die dazu beitrugen, neue politische Gemeinschaften und kollektive Identitäten zu schaffen.

Der Schwerpunkt der folgenden Diskussion lag auf der Beziehung zwischen Bildern, Narrativen und historischem Wissen. Die Teilnehmenden erörterten, wie sich die Bedeutung von Bildern je nach Kontext, Interpretation und politischen Umständen beständig verändert. Anstatt Archive und Dokumente als feststehende Aufzeichnungen der Wahrheit zu betrachten, beschrieben sie diese als dialogisch und instabil. Fiktion wurde nicht als das Gegenteil von Wahrheit präsentiert, sondern als Mittel, um Erfahrungen zu kommunizieren, die konventionelle historische oder rechtliche Strukturen oftmals nicht festhalten. Ein immer wieder angesprochenes Thema war die Spannung zwischen Zeugenschaft und politischem Handeln. Während Archive und Zeug*innenberichte wesentliche Beweise liefern können und auch in internationalen Gerichtsverfahren zum Einsatz kommen, bemerkten die Teilnehmenden, dass Zeugenaussagen alleine nicht unbedingt zu politischer Veränderung führen. Sie hoben außerdem die ethischen Schwierigkeiten hervor, Zeugenaussagen zusammenzutragen, da Überlebende dabei möglicherweise gezwungen seien, Gewalterfahrungen immer wieder zu durchleben. Kunst wurde deshalb als ein Raum beschrieben, der rechtliche und historische Prozesse ergänzen kann, indem er Formen der Auseinandersetzung schafft, die menschliche Erfahrungen und Dialog in den Vordergrund stellen.

Fragen aus dem Publikum thematisierten zudem den Status von Dokumenten, Beweisen und Realität in einer Zeit, die von Bildern und Videos überflutet ist. Die Teilnehmenden bemerkten, dass Dokumente nicht als neutrale Träger von Information verstanden werden dürfen, sondern als Spuren, die zu Interpretation und Gespräch einladen. Sie erörterten auch aktuelle Gleichgültigkeit gegenüber Bildern von Leid, sowie die Herausforderungen, durch visuelle Medien Erinnerung und politisches Bewusstsein zu schaffen. Alles in allem zeigte die Podiumsdiskussion Kunst als wesentliche Praxis, die sich bestehender Geschichte widersetzt, etablierte Formen von Beweisen hinterfragt und Räume für kollektive Erinnerung, Dialog und politische Vorstellungskraft öffnet.

Anfragen und Kontakt:

  • Dr. Christine Kramer