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Künstlerische Forschung und das Nachleben digitaler Netzwerke

Afterlifes of Networks

07.07.2026 LIAS Fellow Nathalia Lavigne stellte in dem zweitägigen Workshop »The Afterlifes of Networks« die künstlerische Praxis des brasilianischen Künstlers und Wissenschaftler Daniel Jablonski (*1985) vor, die aus seinem Rollenwechsel vom Wissenschaftler zum Künstler hervorgegangen sei. Während wissenschaftliche Erkenntnisse grundsätzlich hinterfragt werden könnten, ermögliche Kunst, persönliche Erfahrungen zum Ausgangspunkt zu machen und zugleich für andere nachvollziehbar werden zu lassen.

©Benjamin Krapf
©Benjamin Krapf
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Jablonski untersuche Alltagserfahrungen, um kollektive Muster jenseits individueller Erlebnisse sichtbar zu machen. Dabei spiele er mit den Rollen von Subjekt und Objekt: Persönliche Erfahrungen würden zum Material künstlerischer Forschung und eröffneten dem Publikum, sich mit dem Werk zu identifizieren und es zu reflektieren. Im Zentrum seiner Arbeiten stehe die Frage, welche Erfahrungen Menschen teilen und wie sich alternative Formen des Zusammenlebens und der Kommunikation denken lassen. Die Wahl des Mediums richte sich jeweils nach Fragestellung und Zielgruppe.

Anschließend stellte Jablonski sein Projekt FWD: Sorry for the Delay (2017) vor. Er ging darin von seiner Gewohnheit aus, Nachrichten mit einer Entschuldigung für die verspätete Antwort zu beginnen. Er fragte sich, ob dieses Verhalten symptomatisch für eine digitale Kommunikation sei, die durch einen stetigen Kreislauf aus Nachrichten, Antworten und wachsendem Kommunikationsdruck geprägt sei.

Zur Veranschaulichung bezog er sich auf den argentinischen Schriftsteller Ricardo Piglia (1941–2017), der digitale Kommunikation als endlosen Kreislauf gegenseitiger Verpflichtungen beschrieben habe. Als künstlerische Intervention bat Jablonski Menschen, ihm abgebrochene oder ins Stocken geratene Chatverläufe weiterzuleiten. Über einen Monat analysierte er die Gespräche und verfasste anschließend im Namen der Person, die zuletzt hätte antworten müssen, eine mögliche Reaktion. Dafür rekonstruierte er häufig den Gesprächskontext durch Rückfragen an die Beteiligten. Manche seiner Nachrichten führten tatsächlich zu einer Fortsetzung der Kommunikation, andere blieben erneut unbeantwortet und zeigten die Grenzen des Projekts auf. Jablonski betonte, dass sich die digitale Kommunikationskultur seit 2017 stark verändert habe. Angesichts der gestiegenen Bedeutung von Messenger-Diensten und des gewachsenen Nachrichtenaufkommens halte er eine Wiederholung des Projekts heute nicht mehr für sinnvoll.

Abschließend stellte er sein aktuelles Projekt All the Rest Is Literature vor, das sich mit Widmungen in Büchern beschäftigt. Anhand historischer Beispiele, unter anderem von Xavier de Maistre (1763–1852) und Jorge Luis Borges (1899–1986), zeigte er, wie Widmungen literarische Konventionen reflektieren und Beziehungen zwischen Autor*innen und Leser*innen sichtbar machen. Jablonski versteht gedruckte und handschriftliche Widmungen als Ausdruck sozialer Netzwerke. Dadurch erscheine Literatur über die textliche Struktur hinaus als Raum realer Interaktionen.

Der Artist Talk der brasilianischen Künstlerin Giselle Beiguelmans (*1962) beschäftigte sich mit der Erhaltung von Netzkunst, dem Wandel des Internets und den Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf künstlerische Praxis und digitale Kultur. Anstatt veraltete Websites zu restaurieren, plädierte Beiguelman dafür, neue Strategien zur Erhaltung von Netzkunst zu entwickeln, die sowohl das dokumentieren, was erhalten geblieben ist, als auch das, was verloren gegangen ist. Ihr Projekt „The Book After the Book“ veranschaulicht diesen Ansatz. Anstatt die ursprüngliche Website nachzubilden, verweist es auf Abwesenheit, Veränderung und Verlust – zentrale Bestandteile digitaler Erinnerung. Die neu gestaltete Plattform führt die Nutzer*innen ganz bewusst nicht zur Originalversion, sondern in ein „Intervall“ bzw. einen Leerraum, der die Instabilität digitalen Gedächtnisses sichtbar macht.

Eine Kernidee des Projekts bestehe darin, dass die digitale Erhaltung historische Spuren nicht verwischen dürfe, so die Künstlerin. Die Website enthalte Schnappschüsse des ursprünglichen Quellcodes sowie eine Kontextebene für die historische Bedeutung jeder Seite. Gleichzeitig blieben defekte Links bewusst unverändert. Diese Broken Links stünden nicht einfach für technisches Scheitern, sondern dokumentierten die Entwicklung des Webs und das Verschwinden digitaler Gemeinschaften. Das Projekt werde so zu einer Kartierung des Bewahrten und einem Verweis auf das Nicht-Existente.

Beiguelman betonte außerdem, dass die Erhaltung von Websites weit über die Rekonstruktion ihrer visuellen Oberfläche hinausgehe. Veränderungen in den Bereichen Cybersicherheit, Software und technischer Infrastruktur veränderten grundlegend, wie Websites funktionierten und verstanden werden könnten. Selbst technisch präzise Rekonstruktionen könnten daher die ursprünglichen kulturellen und technologischen Bedingungen, unter denen Netzkunst entstanden sei, nicht vollständig wiederherstellen. Digitale Bewahrung werde damit zu einem Prozess, der irreversible Veränderungen dokumentiert, anstatt einen vermeintlich authentischen Originalzustand zu rekonstruieren.

Diskutiert wurde der Wandel des frühen Webs von einem Raum gemeinschaftlicher Vernetzung und Experimentierfreude hin zu einem stark kommerzialisierten und von Plattformen dominierten Internet. Beiguelman argumentierte, dass das heutige Internet zunehmend von maschinell erzeugten Inhalten, intransparenten Algorithmen und KI-Systemen geprägt sei, die vor allem mit anderen Maschinen kommunizierten. Dadurch würden digitale Infrastrukturen für Menschen zunehmend schwerer nachvollziehbar und die Möglichkeiten, die Technologien des Alltags kritisch zu verstehen, eingeschränkt.

Beiguelman beschrieb KI andererseits als den prägenden Code unserer Gegenwart, der Sprache, Wahrnehmung und Wissensproduktion neu strukturiere. Trotz ihrer Einbindung in unternehmerische Machtstrukturen und ihrer politischen Dimension sieht sie in KI auch das Potenzial für neue kritische Praktiken sowie für kollaboratives Arbeiten zwischen Menschen und nicht-menschlichen Akteur*innen. Die Herausforderung für die Kunst bestehe daher darin, neue ästhetische und gesellschaftliche Möglichkeiten innerhalb sich wandelnder technologischer Netzwerke zu entwerfen.

©Benjamin Krapf
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Anfragen und Kontakt:

  • Dr. Christine Kramer