Planetare Perspektiven: Archive, Ökologie und dekoloniale Zukünfte neu denken
LIAS Symposium »From the Global Toward the Planetary«
15.07.2026 Vom 1. bis 3. Juli 2026 kamen auf Einladung von LIAS Faculty Fellow Vera-Simone Schulz Wissenschaftler*innen, Künstler*innen, Kurator*innen und Autor*innen zum LIAS-Symposium »From the Global Toward the Planetary« zusammen. Gemeinsam gingen sie der Frage nach, wie Forschung und künstlerische Praxis auf die eng miteinander verflochtenen Hinterlassenschaften von Kolonialismus, Umweltkrise und sozialer Ungleichheit reagieren können. Dabei verstanden die Vortragenden das Planetare als einen über das Globale hinausgehenden Denkrahmen, der Beziehungen in den Mittelpunkt stellt: zwischen Menschen und mehr-als-menschlichen Lebenswelten, zwischen Erinnerung und Materialität sowie zwischen historischer Verantwortung und Zukunftsentwürfen.
In Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Gesprächen zeichneten sich wiederkehrende Themen ab. Archive erschienen nicht länger als statische Sammlungen von Dokumenten, sondern als lebendige Systeme, zu denen ebenso Landschaften, Flüsse, Wälder, Körper und mündliche Überlieferungen gehören. Künstlerische Praxis wurde als Form historischer Erkenntnisgewinnung verstanden, während indigene Wissenssysteme dominante westliche Erkenntnismodelle infrage stellten. Fragen der Restitution, der Umweltgerechtigkeit und des kollektiven Gedächtnisses verbanden Beiträge aus Afrika, Europa und den Amerikas und machten deutlich, wie sehr koloniale Vergangenheiten die ökologischen und politischen Realitäten der Gegenwart weiterhin prägen. Planetares Denken verlangt daher nach neuen ethischen Beziehungen, neuen Formen des Zuhörens und der Bereitschaft, unterschiedliche Formen der Wissensproduktion anzuerkennen.
cave_bureau: Nairobi Eulogy to Architecture: Return to Earth Spirit Practices
In der Lecture »The Eulogy to Architecture – Return to Earth Spirit Practices« vertraten Stella Mutegi und Kabage Karanja vom Architekturbüro cave_bureau (Nairobi) die These, dass die Architektur – geprägt von Kolonialismus und extraktiven Praktiken – ihren ethischen und ökologischen Auftrag verloren habe. Cave_bureau plädierte für eine Rückbesinnung auf indigene Wissenssysteme und erdverbundene Bauweisen. Anhand von Projekten, die von der Architekturbiennale in Venedig über die Erforschung kenianischer Höhlen bis hin zu Kooperationen mit Maasai-Gemeinschaften reichen, zeigten die Referierenden, wie Architektur zu einer reparativen, ökologischen und gemeinschaftlich getragenen Praxis werden kann. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen Kooperation, Dekolonisierung, ein verantwortungsvoller Umgang mit der Umwelt sowie Solidarität mit menschlichem und nichtmenschlichem Leben als Grundlage für eine gerechtere und nachhaltigere Zukunft.
Cindy Sissokho: Ecological Justice Beyond Colonial Borders
Im Anschluss stellte die Kuratorin und Wissenschaftlerin Cindy Sissokho (Paris) Mónica de Mirandas Film As if the World Had No West (2024) vor und verortete ihn im Spannungsfeld ökologischer und dekolonialer Gerechtigkeit. Der Film zeige, wie eng Kolonialgeschichte, Umweltzerstörung und ungleicher Zugang zu Ressourcen bis heute miteinander verwoben seien. Im Zentrum stehe das Konzept der »affective ecologies«, das die Beziehungen zwischen Menschen, Landschaften, Pflanzen und spirituellen Welten betone. Natur erscheine dabei zugleich als Zeugin und als Archiv. Anhand der vier klassischen Elemente formiere der Film Erde als gelebten Raum, Wasser als Erinnerung, Luft als Archiv und Feuer als Transformation. Vor der Kulisse Namibias ersetze er politische Grenzen durch ökologische Beziehungen und verstehe Fürsorge als ethische Verantwortung gegenüber menschlichen und mehr-als-menschlichen Lebenswelten.
Cristina Baldacci: Natural Archives and Planetary Time
Cristina Baldacci (Universität Ca’ Foscari Venedig) plädierte dafür, Archive aus einer planetaren Perspektive neu zu denken. Dies setze ein Zeitverständnis voraus, das geologische Prozesse ebenso einbeziehe wie menschliche Geschichte. Eiskerne, Böden und Sedimente bewahrten Umweltgeschichte, ohne von Menschen angelegt worden zu sein, und erweiterten damit den Archivbegriff weit über institutionelle Sammlungen hinaus. Anhand von Arbeiten von Thomas Demand (*1964, Deutschland), Mark Dion (*1961, USA), Susan Schuppli (*1967, Großbritannien) und Wayne Binitie (Großbritannien) zeigte Baldacci, wie sich Kunst und Umweltwissenschaft gegenseitig ergänzen. Landschaften, so ihr Fazit, sollten selbst als Archive verstanden werden, die kulturelle und planetare Prozesse gleichermaßen sichtbar machen.
Chiara Abastanotti and Igiaba Scego: Reclaiming Forgotten Lives through Graphic Narrative
Die Schriftstellerin Igiaba Scego (Rom) und die Illustratorin Chiara Abastanotti (Mailand) präsentierten ihre Graphic Novel Children of the Forest (BeccoGiallo), die die Geschichte zweier zentralafrikanischer Kinder rekonstruiert, die nach dem Tod des Entdeckers Giovanni Miani (1810–1872) nach Italien verschleppt wurden. Archivquellen lieferten zwar die historische Grundlage, ließen jedoch die Stimmen der Kinder weitgehend verstummen. Deshalb verbinde das Buch dokumentierte Geschichte mit erzählerischer und visueller Rekonstruktion. Abastanotti nutzt Farbe als Ausdruck von Erinnerung und Verlust, während Scego betonte, dass die Rückgewinnung vergessener Biografien zugleich Italiens koloniale Vergangenheit und aktuelle Debatten über Migration, Rassismus und Zugehörigkeit sichtbar mache.
Sammy Baloji: Giving Voice to the Forest
Der kongolesische Künstler Sammy Baloji (Brüssel, Lubumbashi) stellte seinen Film L'Arbre de l'Authenticité (2025) vor, der aus dem Austausch zwischen den belgischen und kongolesischen Verantwortlichen für die Pavillons der Biennale von Venedig hervorging. Das Projekt verbinde koloniale Ausbeutung, Umweltzerstörung und Klimakrise und mache deutlich, dass ökologische Schäden nicht von Jahrhunderten imperialer Expansion zu trennen seien. Anstelle institutioneller Archive rücke Baloji mündliche Überlieferungen, lokales Wissen und lebendige Erinnerung in den Mittelpunkt. Bäume würden zu historischen Zeugen, Lieder bewahrten Wissen über Generationen hinweg. So entwirft der Film ein alternatives ökologisches Archiv, in dem Landschaften selbst zu historischen Akteuren würden.
Peju Layiwola: Beyond the Return of Objects
Die Künstlerin und Wissenschaftlerin Peju Layiwola verstand die Restitution der Benin-Bronzen nicht allein als Eigentumsfrage, sondern als Prozess kultureller Erneuerung. Mit Blick auf die britische Invasion des Königreichs Benin im Jahr 1897 erinnerte sie daran, dass der Raub der Kunstwerke zugleich Gemeinschaften von ihren Wissenssystemen trenne. Anhand von Projekten wie Whose Centenary? zeigte Layiwola, wie zeitgenössische Kunst kulturelles Erbe wieder mit lebendigen Traditionen verbindet. Zugleich widersprach sie der Argumentation westlicher Museen, afrikanische Sammlungen seien dort besser geschützt. Restitution, so ihr Fazit, müsse die Beziehungen zwischen Objekten und den Gemeinschaften wiederherstellen, aus denen sie hervorgegangen seien.
Samba Yonga: From Colonial Collections to Living Knowledge
Samba Yonga bezeichnete viele afrikanische Sammlungen in schwedischen Museen als »versteinerte Archive«: materiell erhaltene Objekte, die jedoch von den Wissenssystemen getrennt wurden, denen sie einst angehörten. Museen bewahrten Artefakte, löschten dabei jedoch häufig deren sozialen und kulturellen Zusammenhang aus. Eine bloße Restitution könne diesen Verlust nicht ausgleichen. Stattdessen schlug Yonga den Ansatz der »epistemic repair« vor, der Provenienzforschung, Beteiligung der Herkunftsgemeinschaften und gemeinsame Interpretation verbindet. Museen sollten sich von der Präsentation isolierter Objekte lösen und stattdessen lebendige Wissenssysteme fördern.
Tuli Mekondjo: Performing Memory and Healing Colonial Landscapes
Die Künstlerin Tuli Mekondjo (Windhoek), geboren während des namibischen Unabhängigkeitskampfes (1978–1988) in einem Flüchtlingslager in Angola, sprach über Erinnerung, Vertreibung und koloniale Kontinuitäten. Namibia, so ihre These, habe seine koloniale und Apartheid-Vergangenheit bis heute nicht umfassend aufgearbeitet – insbesondere angesichts des fortbestehenden kolonialen Landbesitzes aus der Zeit der deutschen Herrschaft (Deutsch-Südwestafrika, 1884-1915). Mit Lebensmitteln, Textilien und Alltagsgegenständen entwickelt Mekondjo Performances, die Körper, Landschaft und Ahnenwissen wieder miteinander verbinden. Obwohl sie die Rückgabe namibischer Kulturgüter begrüßt, betonte sie, dass historische Gerechtigkeit mehr verlange als die Rückführung von Objekten: Sie erfordere neue Beziehungen zwischen Erinnerung, Ort und Gemeinschaft.
Elaine Adorno: Ritual Cartographies of Belonging
Die brasilianische Künstlerin Elaine Adorno (Mailand) näherte sich dem Planetaren über den Körper. Zu Beginn lud sie das Publikum zu einer kurzen Übung ein und argumentierte, dass der Kolonialismus die Beziehungen zwischen Körper, Land und Ahnen zerstört habe. Ihre Wiederherstellung sei daher ein Akt des Widerstands. Mit dem Yoruba-Konzept Ori (wörtlich »Kopf«) stellte Adorno ein spirituelles Prinzip vor, das den Menschen mit dem Wissen der Vorfahren verbindet. Trotz des transatlantischen Sklavenhandels blieb Ori in Brasilien erhalten und wurde zu einer Quelle von Identität und kollektiver Erinnerung. In partizipativen Performances kartiert Adorno die Beziehungen zwischen Körper, Territorium und Erinnerung. Das Planetare, so ihr Fazit, gründe auf Fürsorge, Verantwortung und Verbundenheit – nicht auf Besitz.
Élisio Macamo: Planetary Responsibility and the Ethics of Understanding
In seinem Vortrag argumentierte der Soziologe Élisio Macamo (University of Basel), dass das Planetare weniger ein geografischer als vielmehr ein ethischer Begriff sei. Wissen entstehe stets in konkreten historischen Zusammenhängen; echtes Verstehen setze jedoch Dialog voraus und nicht lediglich das Nebeneinander unterschiedlicher Perspektiven. Den Eurozentrismus verstand Macamo daher nicht als geografisches, sondern als normatives Problem: Europa habe universelle Werte propagiert, sie im Kolonialismus jedoch selbst verletzt. Dem stellte er eine »Ethik der Verständlichkeit« entgegen, die Offenheit gegenüber anderen Wissensformen verlangt. Afrikas intellektuelle Traditionen, so sein Fazit, eröffneten Einsichten in die menschliche Existenz, die in dominanten Erzählungen häufig übersehen werde.
Freda Nkirote: Indigenous Stewardship as Planetary Knowledge
Die Archäologin Freda Nkirote (The National Museum of Kenya, Nairobi) zeigte anhand der Gabra- und Borana-Gemeinschaften im Norden Kenias, wie indigenes Umweltwissen tragfähige Modelle nachhaltigen Handelns bietet. Archäologische Funde, heilige »singing wells« und materielle Kultur dokumentierten über Jahrhunderte gewachsene Formen ökologischer Anpassung, in denen Ritual, soziale Organisation und Umweltverantwortung eng miteinander verbunden seien. Zugleich kritisierte Nkirote Entwicklungsprojekte, die lokales Wissen durch externe Technologien ersetzten und dadurch funktionierende Systeme schwächten. Indigene Expertise, so ihr Fazit, sei unverzichtbar, um heutige ökologische Herausforderungen zu bewältigen.
Adama Delphine Fawundu: Art, Ancestry and Collective Healing
Die Künstlerin Adama Delphine Fawundu (Columbia University, New York) versteht Kunst als einen Prozess kollektiver Heilung. Ihr Textilprojekt Kpoto Patchwork fügt durch koloniale Gewalt zersplitterte Geschichten zu neuen Formen gemeinschaftlichen Ausdrucks zusammen. Mit Performances und dem Körper als lebendigem Archiv setzt sich Fawundu mit Sklaverei, Widerstandskraft und Ahnenwissen auseinander. Partizipative Rituale – darunter eine Reinigungszeremonie an einem ehemaligen Ort der Versklavung – verwandeln Orte der Gewalt in Räume des Gedenkens. Heilung entstehe, so Fawundu, durch Gemeinschaft, Kreativität und die erneute Verbindung mit dem Wissen der Vorfahren.
Ayesha Hameed: Writing Across Oceans
Die Künstlerin und Wissenschaftlerin Ayesha Hameed (Goldsmiths, University of London; University of the Arts Helsinki) versteht Schreiben als eine Möglichkeit, fragmentierte Geschichten zu erschließen. Ihr Langzeitprojekt Black Atlantis (nach Paul Gilroy, 1993) verfolgt die Wege versklavter Menschen in Ausstellungen, Radiosendungen, Büchern und Performances und begreift den Ozean zugleich als ökologischen Raum und bewegliches Archiv. Durch die Verbindung von Text, Klang und visuellen Medien entwickelt Hameed Erzählformen, die Erfahrungen von Vertreibung, Unterbrechung und Transformation sichtbar machen. Künstlerische Forschung, so ihre These, gehe über bloße Dokumentation hinaus und eröffne neue Zugänge zur Vergangenheit.
Edgar Nabutanyi: Science-Fiction und ökologische Imagination in Uganda
Edgar Nabutanyi (Makerere University, Kampala) untersuchte die zeitgenössische ugandische Science-Fiction als Reaktion auf die ökologische Krise. Vor dem Hintergrund rasanter Entwaldung verknüpften Autor*innen wie Charles Onyango-Obbo (*1958, Uganda) und Immaculate Acan (*1996, Uganda) Umweltzerstörung mit kolonialer Ausbeutung und ungleicher Entwicklung. Ihre spekulativen Erzählungen hinterfragten technologische Heilsversprechen und stellten Fürsorge, Gemeinschaft und ökologische Verantwortung in den Mittelpunkt. Afrikanische Science-Fiction, so Nabutanyi, entwickele eigenständige Antworten auf globale Umweltprobleme, die in lokalen Erfahrungen verwurzelt seien.
Lucia Allais: Colonial Architecture and the Politics of Mobility
Die Architekturhistorikerin Lucia Allais (Columbia University, New York) schloss das Symposium mit einer Analyse luftgestützter Kuppelbauten aus der späten Kolonialzeit ab. Am Beispiel der von dem amerikanischen Architekten Edwin Wallace Neff (1895–1982) entwickelten Konstruktionen zeigte sie, wie vermeintlich innovative Wohnformen zu Instrumenten kolonialer Planung und Arbeitskontrolle wurden. Anhand von Beispielen aus Dakar machte Allais deutlich, wie Architektur soziale Hierarchien festige und imperiale Expansion unterstütze. Auch wenn viele dieser Projekte scheiterten, seien sie bis heute materielle Zeugnisse kolonialer Ambitionen. Architektur, so ihr Fazit, sei selbst ein planetares Archiv, das die dauerhaften Verflechtungen von Infrastruktur, Imperium und Umweltwandel sichtbar macht.
Fazit
Das Symposium machte über Disziplingrenzen hinweg – von Archäologie und Architektur über zeitgenössische Kunst und Literatur bis zur Museumsforschung – deutlich, dass das Planetare weniger als geografischer Raum denn als Geflecht von Beziehungen zu verstehen ist. Archive erschienen nicht nur als institutionelle Sammlungen, sondern ebenso als Landschaften, Körper, Objekte, Rituale und mündliche Überlieferungen. Die Beiträge zeigten übereinstimmend, dass die Auseinandersetzung mit kolonialen Vergangenheiten ökologisches Denken, Restitution, indigenes Wissen und neue Formen der Zusammenarbeit erfordert. An die Stelle universeller Antworten trat das Plädoyer für eine planetare Ethik, die auf Dialog, historischer Verantwortung und Fürsorge für menschliche wie mehr-als-menschliche Lebenswelten gründet.
Anfragen und Kontakt:
- Dr. Christine Kramer







