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LIAS-Fellow Ini Dele-Adedeji im Porträt: „Die eigentliche Arbeit beginnt, wenn die Gewalt vorbei ist“

25.08.2026 Was geschieht, wenn die Gewalt endet? Für LIAS Fellow Ini Dele-Adedeji beginnen hier einige der schwierigsten Fragen. Seine Forschung zu Boko Haram und den Folgen der Gewalt hat ihn von den Schlagzeilen in die Gemeinschaften Nord-Nigerias geführt, wo er auf eine weitaus komplexere Realität stieß, als es die vertrauten Kategorien von Opfer und Täter vermuten lassen. Heute untersucht er, wie Menschen dort wieder Vertrauen aufbauen, wo formale Institutionen an ihre Grenzen stoßen – im Umgang mit Aspekten der Gerechtigkeit und den Voraussetzungen für Frieden.

©Julia Knop
„Ich möchte, dass Menschen aufhören, Nord-Nigeria ausschließlich als Ort der Gewalt zu sehen, und es stattdessen als einen Ort wahrnehmen, an dem Menschen aktiv – wenn auch unvollkommen – an der schwierigen Arbeit des Wiederaufbaus arbeiten“, sagt LIAS Fellow Ini Dele-Adedeji.

Für LIAS Fellow Ini Dele-Adedeji begann die Beschäftigung mit Boko Haram nicht mit einem Schlüsselerlebnis, sondern entwickelte sich eher langsam aus seiner neugierigen Haltung. Während seines Masterstudiums, las er 2011 regelmäßig nigerianische Zeitungen, in denen Boko Haram, jene islamistische bewaffnete Gruppierung, die seit den 2000er-Jahren vor allem im Nordosten Nigerias aktiv ist und durch Anschläge, Entführungen und andere Formen politischer Gewalt große Teile der Region destabilisiert hat, noch nicht als globales Synonym für Terrorismus dargestellt wurde, sondern als nationales Phänomen. Was ihn interessierte, war zunächst eine einfache Frage: Warum fand diese Bewegung überhaupt Gehör?

Sie führte den an der School of Oriental & African Studies (SOAS) der Universität London beschäftigten wissenschaftlichen Mitarbeiter von der Lektüre ins Feld. Während seiner Promotion forschte der Brite zwischen 2013 und 2016 in Borno und Kano. Dort begegnete er Menschen, deren Erfahrungen wenig mit den Bildern gemein hatten, die den öffentlichen Blick auf Boko Haram prägten: Familien, die Kinder auf Schulen der Bewegung geschickt, Menschen, die ihre sozialen Angebote genutzt hatten, und Frauen, die in die Strukturen der Organisation hineingezwungen worden waren. Wie konnten die Menschen im Umfeld dieser Terrororganisation leben? „Die Spannung zwischen den materiellen Lebensbedingungen und den Kategorien, mit denen wir Konflikte erklären, beschäftigt mich bis heute“, sagt Dele-Adedeji. Aus dieser Spannung heraus, veränderte er seine Forschungsperspektive: Aus der Beschäftigung mit politischer Gewalt entwickelte sich ein Arbeitsschwerpunkt zu Transitional Justice und der Frage, wie Gesellschaften nach massiver Gewalt wieder zusammenfinden können.

Quellen gesellschaftlicher Widerstandskraft

Es dauerte nicht lange, bis der junge Forscher seine eigenen Kategorien überprüfen musste: Opfer oder Täter? Freiwillig oder gezwungen? Schuldig oder unschuldig? Im Feld verschwammen die scheinbar eindeutigen Gegensätze: „Diese Kategorien sind viel zu glatt für das, was ich tatsächlich vorgefunden habe“, sagt er. Ein Mensch kann unter Zwang Teil einer gewalttätigen Organisation werden, überleben und anschließend von Staat und Gesellschaft trotzdem ausschließlich als Bedrohung betrachtet werden. Dele-Adedejis Forschungsinteresse richtet sich deshalb zunehmend auf das „Danach“. „Ich bin an der Phase nach dem Konflikt interessiert, weil dort die langfristigen politischen Herausforderungen liegen.“ Denn Frieden bedeutet für Dele-Adedeji mehr als das Ende der Kämpfe. Er muss sich im Alltag konkret bewähren, wenn ehemalige Kämpfer zurückkehren, Nachbarn wieder miteinander leben und Gemeinschaften entscheiden müssen, wem sie vertrauen können.

Transitional Justice setzt genau hier an: Gerichte und Strafverfahren können Schuld feststellen aber sie können nicht allein Beziehungen wiederherstellen, die durch Gewalt zerstört wurden. „Wenn eine Gemeinschaft, die wieder miteinander lebt, Vertrauen zurückgewinnen muss, werden Aspekte von Beziehungen und Legitimität berührt, nicht nur von Urteilen“, fasst Dele-Adeji den Grundgedanken der Transitional Justice zusammen und richtet den Blick auf das, was in offiziellen Programmen übersehen wird: Ältestenräte, religiöse Autoritäten, Frauengruppen und informelle Kommunikation. Sie vermitteln bei Konflikten, begleiten Rückkehrer, schaffen Räume für Erinnerung und helfen Vertriebenen: „Das ist geduldige und unspektakuläre Arbeit.“ Aber gerade darin sieht er eine wesentliche Quelle gesellschaftlicher Widerstandskraft. 

Zwischen den Kategorien von Täter, Opfer und Verdächtigen

Feldforschung in einem ehemaligen Konfliktgebiet bedeutet für ihn, Pläne immer wieder infrage zu stellen. „Man überprüft ständig die eigenen Risiken – aber noch wichtiger sind die Risiken für die Menschen, mit denen man spricht, denn sie bleiben zurück, wenn man selbst wieder abreist.“ Aufmerksamkeit für Zwischentöne verbindet Dele-Adedeji mit einer grundsätzlichen Skepsis gegenüber einfachen Lösungen. Weder westliche Modelle von Transitional Justice noch vermeintlich authentische lokale Traditionen betrachtet er als Patentrezepte. Entscheidend sei vielmehr, wem ein Verfahren nützt – und wer außen vor bleibt. Vielleicht erklärt das auch, warum sein Blick auf Nord-Nigeria heute ein anderer ist als zu Beginn seiner Forschung: „Ich möchte, dass Menschen aufhören, Nord-Nigeria ausschließlich als Ort der Gewalt zu sehen, und es stattdessen als einen Ort wahrnehmen, an dem Menschen aktiv – wenn auch unvollkommen – an der schwierigen Arbeit des Wiederaufbaus arbeiten.“

Am LIAS untersucht Dele-Adedeji nun konkret, wie gemeinschaftlich getragene Formen von Transitional Justice in Nord-Nigeria zu dauerhaftem Frieden und gesellschaftlicher Widerstandskraft beitragen können. Dafür nimmt er unter anderem staatliche Maßnahmen zur Aufarbeitung des Boko-Haram-Konflikts und die umstrittenen Gerichtsverfahren gegen mutmaßliche Unterstützer der Organisation in den Blick. Er fragt, was geschieht, wenn Menschen zwischen die Kategorien von Täter, Opfer und Verdächtigen geraten. Im Vergleich mit Erfahrungen aus Kenia untersucht er zudem, welche Rolle Frauen, junge Menschen und religiöse Akteure dabei spielen, Vertrauen und sozialen Zusammenhalt nach der Gewalt neu aufzubauen. Transformation bedeutet für ihn deshalb, Veränderung mitzugestalten. Genau darin liegt für Dele-Adedeji die Verbindung zum universitätsübergreifenden Schwerpunkt der Transformationsforschung der Leuphana: „Menschen warten nicht auf Frieden. Sie versuchen selbst, ihn herzustellen.“

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