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Gegen Gewalt vor Gericht: Frauen und ihre Strategien im Río de la Plata

11.09.2026 Vor mehr als 200 Jahren wandten sich Frauen in der Region Río de la Plata an die Gerichte, um der Gewalt in ihrer Ehe zu entkommen. Die Historikerin María Laura Mazzoni, LIAS Fellow 2026/27, untersucht rund 470 kirchliche Gerichtsfälle, um ihre Geschichten aufzudecken – und die Strategien, mit denen sie sich Gehör verschafften. In diesem Interview erläutert sie, was diese Fälle über das Leben der Frauen, ihre Gemeinschaften und das patriarchalische Rechtssystem, mit dem sie konfrontiert waren, aussagen. Außerdem erörtert Mazzoni, warum ihre Handlungen sowohl als Akte des Widerstands als auch als politische Handlungen verstanden werden können – und was uns ihre Geschichten heute sagen können.

María Laura Mazzoni, LIAS Fellow 2026/2027, Leuphana ©Julia Knop
„Ich bin davon überzeugt, dass uns die Untersuchung der Gewalt gegen Frauen in der kolonialen und frühen republikanischen Zeit wichtige Anregungen geben kann. […] Sie können uns konzeptionelle Instrumente an die Hand geben, über Widerstand sowie über Möglichkeiten zur Prävention und zum Umgang mit Gewalt heute nachzudenken“, sagt LIAS Fellow María Laura Mazzoni.

Ihr Forschungsprojekt konzentriert sich auf Frauen, die sich vor mehr als 200 Jahren gegen häusliche Gewalt gewehrt haben. Was hat Sie an diesem Thema besonders fasziniert?

Ich hatte mich zunächst damit beschäftigt, auf welche Weise die Diözesanverwaltung und die Bischöfe im Kontext der Reformen und Revolutionen, die das späte 18. und frühe 19. Jahrhundert in den zur spanischen Krone gehörenden amerikanischen Gebieten prägten, eine bedeutende Autoritätsquelle in der Region Río de la Plata (dem heutigen Argentinien sowie Bolivien, Uruguay und Paraguay) darstellten. Bischöfe waren wichtige Persönlichkeiten innerhalb ihrer Gemeinschaften und beteiligten sich zudem aktiv an der Politik, und zwar in einem kulturellen Rahmen, der weitgehend von der katholischen Kirche geprägt war. Meine Doktorarbeit konzentrierte sich daher auf die Leitung der Diözese Tucumán durch die Bischöfe dieser Zeit. Diese Forschung machte mir deutlich, dass ein wesentlicher Teil der Autorität und Macht der Bischöfe in ihrer Rolle als Rechtsverwalter lag: Sie fungierten als Richter innerhalb ihrer Gemeinschaften. Von diesem Zeitpunkt an begann ich, mich mit der kirchlichen Rechtsprechung zu beschäftigen, und im Rahmen dieser Forschung stieß ich auf die Ehesachen, die den Großteil der Akten des Bischofsgerichts ausmachen.

Als ich begann, diese Fälle und die Scheidungsanträge zu untersuchen, war ich überrascht, auf die Stimmen von Frauen zu stoßen, die vor kirchlichen Gerichten Klage einreichten und sich gegen eine ihrer Meinung nach ungerechte Behandlung verteidigten. Diese Gerichte standen der Auflösung der Ehe, die als heiliges Band galt, besonders ablehnend gegenüber und waren nur sehr zögerlich bereit, ihr zuzustimmen. Vor allem beeindruckte mich die Eigeninitiative dieser Frauen und ihre aktive Rolle vor Gericht. Dies ist ein Aspekt, der in der Geschichtsschreibung für diesen speziellen Zeitraum im Allgemeinen wenig Beachtung gefunden hat.

Sie untersuchen Gerichtsakten aus dem späten 18. Jahrhundert und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Was verraten diese Quellen über den Alltag und die Lebensrealität der betroffenen Frauen?

Die Dokumente bieten Einblicke in das Leben von Frauen, die in einem größeren sozialen Kontext standen. In den Gerichtsverfahren bin ich auf Frauen gestoßen, die im Allgemeinen einer ländlichen, bäuerlichen Welt angehörten und deren Familien dort Grundbesitz besaßen. Dies ist kaum überraschend in einer Region deren wirtschaftliche Tätigkeit und Wohlstand weitgehend von der Viehzucht und der landwirtschaftlichen Produktion abhingen.

Diese Frauen waren in der Regel Teil von Haushalten, die mittelgroße ländliche Grundstücke besaßen. Diese Haushalte hatten zudem versklavte Männer und Frauen, die auf ländlichen Estancias (großen Landgütern) arbeiteten, sowie Hausangestellte, die die Hausarbeit verrichteten. In einigen Fällen bin ich auf Frauen gestoßen, die in der Lage waren, mit ihrem Namen zu unterschreiben, was auf ein gewisses Maß an Bildung oder Lese- und Schreibfähigkeit hindeutet und sie in eine relativ privilegierte Position innerhalb der Gesellschaft rückt, verglichen mit ärmeren ländlichen Bevölkerungsgruppen, in denen sowohl Männer als auch Frauen oft nicht in der Lage waren, Dokumente zu unterschreiben. Es gibt auch weitere Hinweise in den Gerichtsakten, die Aufschluss über den sozialen Status dieser Frauen geben. Viele von ihnen wurden beispielsweise als Doña bezeichnet, was »Frau« oder »Dame« bedeutet – ein Titel, der auf ein gewisses Maß an gesellschaftlicher Stellung oder Ansehen innerhalb der Gemeinschaft hindeutete.

Die Frauen wussten wahrscheinlich, dass ihre Erfolgschancen gering waren. Was genau hofften sie zu erreichen?

In den Fällen, die ich für dieses Projekt analysiere, beantragten Frauen die Scheidung. Allerdings hatte Scheidung damals nicht dieselbe Bedeutung wie heute. Die Ehe war eine heilige Institution, die von der katholischen Kirche in der Region Río de la Plata – und im weiteren Sinne in ganz Iberoamerika – geweiht und geregelt wurde und daher als unauflösbares Band galt. Was diese Frauen tatsächlich beantragten, war die Erlaubnis des Bischofs, getrennt von ihren Ehemännern zu leben. Obwohl es höchst unwahrscheinlich war, dass die katholische Kirche ihnen die Erlaubnis erteilen würde, getrennte Haushalte zu führen, gab es dennoch solche Fälle, und sie zeigen, dass Frauen sehr spezifische Strategien anwandten, um ihre Ziele vor kirchlichen Richtern zu erreichen.

Welche Strategien entwickelten sie, um sich vor Gericht Gehör zu verschaffen?

Ich sehe sowohl kollektive als auch politische Strategien. Ich bezeichne sie als kollektive Strategien, da eine Analyse der Fälle zeigt, dass Frauen Verbindungen zu Verwandten, Nachbarn und Bekannten pflegten und mobilisierten, die vor Gericht zu ihren Gunsten aussagten. Auf diese Weise bezogen sie ihre Gemeinschaften oft in Konflikte ein, die über die Grenzen des Haushalts hinausgingen. Andererseits handelte es sich auch um politische Strategien. Selbst Handlungen, die auf den ersten Blick individuell erscheinen mögen – wie beispielsweise der Antrag einer Frau auf Trennung –, können und sollten als politische Handlungen verstanden werden. Diese Vorgänge verschoben die Grenzen dessen, was im 18. und 19. Jahrhundert über Frauen bekannt war, akzeptiert oder von ihnen erwartet wurde – natürlich nicht nur im Bistum Tucumán, sondern auch in einem breiteren atlantischen Kontext.

In Dokumenten dieser Art stößt man zudem häufig auf formelhafte oder sich wiederholende Formulierungen. Dies gilt nicht nur für eine juristische und kanonische Terminologie, die an sich schon repetitiv und für die Zwecke der Forschung möglicherweise weniger aussagekräftig ist. Es gibt auch bestimmte »gängige Strategien«: wiederkehrende Muster in den von Frauen verwendeten Wörtern und Ausdrücken, die uns letztlich etwas über gemeinsame Erfahrungen und Vorgehensweisen verraten können. Sie können auf Gespräche innerhalb der Gemeinschaft hindeuten, was vor Gericht zu sagen ist, aber auch auf die Existenz spezialisierter Rechtsvertreter – wie Staatsanwälte, Rechtsbeistände und kirchliche Richter –, die mit dem Gerichtsverfahren vertraut waren und die Frauen wahrscheinlich berieten, was vor Gericht am wirkungsvollsten wäre. Formulierungen wie »mein Leben ist in Gefahr« oder »ich bin von zu Hause weggelaufen, weil ich wusste, dass er mich umbringen würde« tauchen in diesen Fällen wiederholt auf, manchmal fast wortwörtlich.

Gab es Unterschiede zwischen Frauen unterschiedlicher sozialer Herkunft? Hatten beispielsweise Bäuerinnen oder indigene Frauen andere Möglichkeiten oder Einschränkungen als Angehörige der Elite?

Ich untersuche diese Frage derzeit eingehender. Es gibt Studien zu ähnlichen Petitionen aus derselben Zeit, die Frauen in Oberperu – dem heutigen Bolivien – und im Vizekönigreich Peru betreffen, sowie aus anderen Kontexten wie der portugiesisch-amerikanischen Welt, dem heutigen Brasilien. In diesen Studien haben Forscher gezeigt, dass der Zugang zu diesen Gerichten sowie die dort verfügbaren rechtlichen Strategien und Petitionen auch für indigene und bäuerliche Frauen und sogar für versklavte Frauen afrikanischer Abstammung möglich war. In meiner Fallstudie gehe ich jedoch zum gegenwärtigen Stand der Forschung nicht davon aus, dass es sich bei den Frauen in Tucumán, die Zugang zu diesen Gerichtsverfahren hatten, um Frauen mit geringem Einkommen oder versklavte Frauen handelte. Sie mögen Bäuerinnen gewesen sein, in dem Sinne, dass ihr Kapital bzw. ihr Familienvermögen auf ländlichem Besitz und Viehzucht beruhte. Im Allgemeinen besaßen sie jedoch versklavte Männer und Frauen, konnten sich die mit den Gerichtsverfahren verbundenen Kosten leisten und verfügten über Kontaktnetzwerke, die darauf hindeuten, dass sie gut in die Kolonialgesellschaft und in die als »spanisch« oder »weiß« geltende kreolische Gesellschaft integriert waren. 

Sie beschreiben diese Strategien als »kollektiv«. Welche Rolle spielte die größere Gemeinschaft bei Konflikten, die innerhalb einer Ehe begannen?

Wir müssen bedenken, dass ich Gesellschaften und Gemeinschaften untersuche, die von einem sehr starken Miteinander geprägt waren. Sowohl in ländlichen als auch in städtischen Gebieten der iberoamerikanischen Welt war das soziale Leben eng mit der katholischen Identität der Gemeinschaften verbunden. Die Kirche war ein Ort der Zusammenkunft, an dem neben religiösen Praktiken auch eine Vielzahl sozialer Aktivitäten stattfanden. Die in Städten und Dörfern abgehaltenen Feste waren oft religiöse Feierlichkeiten, die den Menschen wichtige Gelegenheiten boten, sich zu treffen und Kontakte zu knüpfen. Pfarrer waren Autoritätspersonen und Ansprechpartner, die Gemeindemitglieder um Rat baten.

Die gesamte Gemeinschaft konnte daher von einem Konflikt innerhalb einer Familie oder einer Ehe wissen. Dies lässt sich oft an den Zeugenaussagen erkennen, die von beiden Seiten in Ehesachen vorgelegt wurden. Dabei handelte es sich in der Regel um Verwandte und Bekannte, aber auch um Personen, die innerhalb dieser kleinen Gemeinschaften einen gewissen Status oder eine gewisse Autorität innehatten – zum Beispiel den Pfarrer, einen Vikar oder einen lokalen Amtsträger, der als alcalde de la hermandad [Bürgermeister] bekannt war.

Können Sie ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür nennen, wie ein solcher Konflikt zu einer Angelegenheit der gesamten Gemeinschaft werden konnte?

Es gibt einen Fall, der besonders repräsentativ für das ist, was ich beschreibe, obwohl er sicherlich nicht der einzige ist. Ich erinnere mich daran, weil er den kollektiven Charakter dieser Konflikte so deutlich veranschaulicht. Der Fall stammt aus dem Jahr 1803, als der Pfarrer von Río Cuarto, einer Kleinstadt in Córdoba, an den Bischof schrieb und ihn um Rat bezüglich eines Konflikts bat, der innerhalb einer Ehe ausgebrochen war. Der Pfarrer erklärte dem Bischof, dass »die Stadt wegen des Skandals in Aufruhr« sei. Der Pfarrer bat den Bischof daher, die notwendigen Genehmigungen und Vollmachten zu erteilen, damit er für die gesamte Gemeinde Exerzitien abhalten könne, mit dem Ziel, den »Skandalen, Unruhen, Streitigkeiten und Ressentiments« ein Ende zu setzen. Die Lösung für die durch den Konflikt verursachten sozialen Spannungen – die wir heute vielleicht als private oder häusliche Angelegenheit betrachten würden – wurde als gemeinschaftliche Lösung konzipiert: Die gesamte Stadt sollte in die Kirche gehen und an Exerzitien teilnehmen!

Was genau war das »Bischofsgericht der Diözese Córdoba del Tucumán am Río de la Plata«?

Das Bischofsgericht der Diözese Córdoba del Tucumán im Río de la Plata war ein Gericht, dessen Richter der Bischof war und dessen rechtlicher Rahmen durch das kanonische Recht der katholischen Kirche gebildet wurde. Das spezielle Gericht, das die von mir untersuchten Fälle verhandelte, gehörte zur Diözese Córdoba del Tucumán. Als Gericht war es für die Ausübung der kirchlichen Rechtsprechung in Angelegenheiten der Priester zuständig, aber auch solchen, die von der katholischen Kirche geregelt wurden, wie beispielsweise die Ehe. Innerhalb dieses Gerichts war der Bischof die höchste richterliche Instanz, doch waren eine Reihe weiterer Rechtsakteure an der Rechtspflege beteiligt, darunter Staatsanwälte, Rechtsbeistände, Notare und untergeordnete Richter, die ebenfalls Priester waren. Die Diözese Córdoba del Tucumán war ein sehr großes, im 16. Jahrhundert gegründetes Gebiet, das bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts einen großen Teil des heutigen zentralen, nördlichen und westlichen Argentiniens umfasste.

Welche Rolle spielten Richter, Priester oder andere Vermittler im Verlauf dieser Verfahren? Wer waren diese Männer und gab es innerhalb des Rechtssystems einen Ermessensspielraum?

Justizbeamte spielten im Rechtswesen eine entscheidende Rolle. Innerhalb des bischöflichen Gerichts waren die Richter der unteren Instanzen Priester, ebenso wie der Bischof, der sowohl als Richter als auch als religiöses Oberhaupt der Kirche amtierte. Andere Beamte oder Vertreter gehörten eher der säkularen Welt an, wie beispielsweise der Notar. Im Allgemeinen waren auch der Provisor und der Staatsanwalt Priester. Diese Persönlichkeiten waren unverzichtbare Vermittler, um durch das Rechtssystem zu navigieren. Selbst die rechtliche Vertretung der Parteien wurde einem Justizbeamten anvertraut.

Die Richter der unteren Instanzen und der Bischof verfügten in der Regel über fundierte Kenntnisse im kanonischen Recht. Aufgrund ihrer institutionellen Stellung und ihrer Ausbildung hielten sie während dieser Verfahren selbstverständlich am Prinzip der Unauflösbarkeit der Ehe und letztlich an einer patriarchalischen Gesellschaftsstruktur fest und bekräftigten diese. 

Der von Ihrer Studie untersuchte Zeitraum der 1770er- bis 1850er-Jahre umfasst die Unabhängigkeitsbewegungen in Südamerika. Hatten diese politischen Umwälzungen auch Auswirkungen auf die Rechteund Handlungsspielräume der Frauen?

Trotz der Rhetorik rund um die Unabhängigkeit und den Übergang von Untertanen zu Bürgern und trotz des republikanischen Rahmens, der mit dem Grundsatz der Gleichheit vor dem Gesetz einherging, hatte diese Gleichheit sehr unklare Grenzen und Einschränkungen – nicht nur für Frauen, sondern auch für versklavte Menschen afrikanischer Herkunft, indigene Völker und untergeordnete Gruppen im Allgemeinen. 

Im Falle der Frauen brachten der Beginn des 19. Jahrhunderts und die Krise der kolonialen Ordnung keine wesentlichen Veränderungen mit sich. Die aus der Revolution von 1810 hervorgegangene herrschende Elite sowie die Einbindung des Río de la Plata in die atlantische kapitalistische Wirtschaft waren für die soziale Reproduktion und die Entwicklung eines Arbeitsmarktes auf die Institution der Ehe angewiesen. In diesem Sinne haben einige Wissenschaftler argumentiert, dass die Beziehungen zwischen Männern und Frauen noch restriktiver wurden, wobei Frauen eine untergeordnete Position einnahmen. Abweichendes oder normwidriges Verhalten wurde strenger sanktioniert, während die Erwartungen und Pflichten im Zusammenhang mit der Mutterschaft expliziter, allgemeiner anerkannt und anspruchsvoller wurden, da von Frauen in erster Linie erwartet wurde, eine reproduktive Rolle zu erfüllen. Dies könnte es für Frauen noch schwieriger gemacht haben, vor Gericht ein günstiges Urteil zu erlangen, wenn sie versuchten, einer gewalttätigen Ehe zu entkommen. Dies ist ein Aspekt, den ich derzeit noch untersuche.

Sie arbeiten mit etwa 470 kirchlichen Gerichtsfällen. Wie sieht Ihre tägliche Forschungsarbeit mit einer so umfangreichen Quellensammlung aus?

Bei diesen Gerichtsakten handelt es sich um handschriftliche Dokumente, die von verschiedenen Justizbeamten erstellt wurden, von denen jeder seine eigene Handschrift hatte. Gleichzeitig beeinflusst der physische Zustand der Dokumente die Qualität ihrer Digitalisierung. Aufgrund der Konservierungsprobleme, von denen Papiere aus dem 18. und 19. Jahrhundert betroffen sind, haben digitale Reproduktionen oft eine schlechte Qualität. Daher erfordert die Archivforschung selbst Kenntnisse in Paläografie sowie Vertrautheit mit den Abkürzungen und Schriftzügen, die in der untersuchten Epoche verwendet wurden. Dies ist eine technische Fertigkeit, die ich im Laufe der Jahre erlernt und weiterentwickelt habe, die aber auch äußerst zeitaufwendig ist. Das Transkribieren von Dokumenten und die Archivarbeit im Allgemeinen sind langwierige Prozesse, die Geduld, Konsequenz und Engagement erfordern.

Gleichzeitig ist diese Arbeit ungemein anregend. Das Lesen der Quellen und die intensive Auseinandersetzung mit den Dokumenten bringen oft neue Ideen hervor oder decken neue Hinweise auf, die die Forschung bereichern und dynamischer machen. Für mich bleibt es eine Form des Handwerks, denn würde man diesen Prozess durch eine Technologie ersetzen, die die Dokumente automatisch transkribieren kann, bestünde die Gefahr, dass ein Großteil des dabei stattfindenden generativen und kreativen Prozesses verloren ginge.

Häusliche Gewalt und der Zugang zur Justiz sind bis heute relevante Themen. Welche Erkenntnisse aus Ihrer historischen Forschung können uns helfen, aktuelle Debatten besser zu verstehen?

Ich bin davon überzeugt, dass uns die Untersuchung der Gewalt gegen Frauen in der kolonialen und frühen republikanischen Zeit wichtige Anregungen geben kann. Das gilt auch für die Strategien, die Frauen damals entwickelten, um mit dieser Gewalt umzugehen. Sie können uns helfen, über Widerstand sowie über Möglichkeiten zur Prävention und zum Umgang mit Gewalt heute nachzudenken.

Beispielsweise halte ich es für wichtig, zu bedenken, dass Einschränkungen und Zwänge, die auf religiösen Überzeugungen beruhen, die Entscheidungsfreiheit von Frauen und ihre Rechte als vollwertige Rechtssubjekte einschränken können.

Ein weiterer Aspekt, der sich aus der Erforschung von Gewalt gegen Frauen im 18. und 19. Jahrhundert ergibt, – auch wenn manche dieses Forschungsgebiet vielleicht lediglich als Trend oder vorübergehende akademische Modeerscheinung betrachten: die Untersuchung dieser historischen Prozesse kann Belege liefern und zu unserem Verständnis beitragen, wie tief Gewalt gegen Frauen in patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen verwurzelt ist.

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