LIAS Workshop »Afterlife of Networks«
29. Juni - 30. Juni
Organisiert von Nathalia Lavigne (LIAS Fellow 2025/26) mit Giselle Beiguelman, Lisa Deml, Daniel Jablonski, Aline Motta und LIAS Faculty Fellow Vera-Simone Schulz
©LIAS
Datum: Sonntag, 28. und Dienstag 30. Juni 2026
Kunstraum-Ausstellung bis Freitag 3. Juli 2026
Ort: Campus | Kunstraum, Zentralgebäude | C40.530
Halle für Kunst, Reichenbachstraße 2, Lüneburg
Metaphern rund um Netzwerke haben eine lange Geschichte. Ab dem 19. Jahrhundert, als sie von buchstäblichen Netzen und Geweben zu komplexen Systemen wie Eisenbahnen und Telegraphen übergingen, wurden Netzwerke zu einem transdisziplinären und wandernden Konzept. Das galt vor allem für die Zeit nach einem konzeptuellen Wandel Mitte des 20. Jahrhunderts, als Netzwerke eingesetzt wurden, um andere Formen der Interaktion im sozialen Bereich zu beschreiben. Anfang der 2000er-Jahre wurde die Verbreitung dieses Begriffs von wissenschaftlichen und kulturellen Studien in die Umgangssprache als »Netzwerkfieber« bezeichnet. Doch wie lassen sich jetzt, da Netzwerke weithin mit Plattformen sozialer Medien assoziiert werden, andere Auffassungen des Konzepts erfassen? Wo finden sich andere potenzielle Netzwerke jenseits der digitalen Sphäre und außerhalb von Plattformen?
Diese Veranstaltung präsentiert drei künstlerische Interventionen, die das Verständnis von Netzwerken auf andere Blickwinkel erweitern. All diese Arbeiten spiegeln die Kontinuität von Verbindungen nach einer unerwarteten Unterbrechung wider: Wie können Archive als Netzwerke jenseits ihrer ursprünglichen materiellen Form weiterbestehen? Was passiert, wenn wir ein Gespräch wieder aufgreifen, das plötzlich unterbrochen wurde? Wie ließe sich Wasser als ein verbindendes Element zwischen verschiedenen Zeiten, historischen und persönlichen Ereignissen verstehen? Das Konzept des Nachlebens von Netzwerken beschwört entweder Kunstwerke, die digitale Plattformen als Ausgangsmaterial einsetzen, oder weitere, die andere metaphorische Einsatzformen von Netzwerken und Verbundenheit reaktivieren.
Diese Veranstaltung ist zudem der Auftakt zur Ausstellung After Memory (Kurator*innen: Nathalia Lavigne, Lisa Deml, Víctor Fancelli Capdevila), die von 11. Juli bis 12. Oktober im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Berlin, stattfindet. Weitere Informationen zum Projekt finden sich unter: www.aftermemory.net
Programm
28. Juni 2026
Halle für Kunst Lüneburg | Reichenbachstraße 2 | 21335 Lüneburg
17:00–17:15
Nathalia Lavigne (Einführung)
17:15–19:30
Lisa Deml, „Die Ausstellung TRANS/VERSAL: Anhaltende Resonanzen & relationale Landschaften“ mit Werken von Inas Halabi, Moses März und Studierenden der Leuphana Universität
30. Juni 2026
Campus | Kunstraum & C40.530
12:00–13:30
Daniel Jablonski: »Fwd: Sorry for the Delay« (2017–2026)
Im Gespräch mit Nathalia Lavigne
(Kunstraum)
15:00–16:00
Künstler*innengespräch mit Giselle Beiguelman
Q&A: Nathalia Lavigne (Moderation)
(Campus | C40.530)
18:15–19:30
Vorführung von Water is a Time Machine
Aline Motta
Q&A: Vera-Simone Schulz (Moderation)
(Kunstraum)
Vortragende und Kunstwerke
Lisa Deml (Exhibition TRANS/VERSAL: Lasting Resonances & Relational Landscapes)
Mittels Kartographie wird die Welt nicht nur abgebildet, sondern auch strukturiert. Als Werkzeug kolonialer Expansion diente sie dazu, Territorien zu definieren und Grenzen zu fixieren. Kartographische Methoden können aber auch dazu eingesetzt werden, um Machtverhältnisse sichtbar zu machen und Widerstandsbewegungen aufzuzeigen. Die in der Ausstellung versammelten Arbeiten skizzieren, wie sich geopolitische und soziohistorische Beziehungen in Landschaften, Infrastrukturen und Diskursen einschreiben und auch im Kontext Lüneburgs fortwirken.
Aline Motta: Water is a Time Machine
Beruhend auf den persönlichen Dokumenten ihrer Mutter erzählt Aline Motta eine Geschichte über das Leben ihrer Familie in Rio de Janeiro zu Beginn des 20. Jahrhunderts, einer Zeit politischer Unruhen unmittelbar nach der Abschaffung der Sklaverei. In Form eines Romans, eines Videos und einer Performance spürt sie den Bruchlinien zwischen historischen Aufzeichnungen und persönlichen Erinnerungen nach und verwebt diese in ein nicht-lineares Narrativ, das sich bis zum heutigen Tag erstreckt.
Aline Motta ist bildende Künstlerin und Schriftstellerin. Ihre Arbeiten beruhen auf spekulativen Studien, in denen sie Archivrecherche, Feldstudien und Berichte mündlicher Geschichte miteinander verbindet. In ihrem Kunstschaffen ist sie bestrebt, koloniale Tilgungen in ihrer Familiengeschichte aufzuzeigen und die Lücken zu füllen. Ihre Arbeit besteht aus Videos, Fotografien, Installationen und Performances. Aktuelle Ausstellungen umfassen: Sharjah Biennale 15, 2023; Chosen Memories: Contemporary Latin American Art, Museum of Modern Art (MoMA), New York, 2023; 35. São Paulo Biennale, 2023; und Stellenbosch Triennale, 2025. Motta lebt und arbeitet in São Paulo, Brasilien.
Giselle Beiguelman, The Afterlife of Forgotten Networks: Archives, Memory, and Rebellious Traces
Unter Bezugnahme auf Kunst- und Forschungsprojekte, die sich mit künstlicher Intelligenz, Erinnerung und digitalen Archiven befassen, untersucht dieser Vortrag Archive als Netzwerke, die jenseits ihrer ursprünglichen materiellen Form weiterbestehen. Durch fragmentierte Sammlungen, fehlende Dokumente und per Computer rekonstruierte Bilder untersucht er, wie unterbrochene Verbindungen wieder aktiviert werden können und wie die Überreste verschwundener Institutionen, Objekte und Narrative weiterhin Bedeutung generieren. Anstatt Netzwerke einzig und allein als digitale Plattformen zu begreifen, schlägt die Präsentation vor, sie als Infrastrukturen von Überleben und Fiktion zu betrachten, die in der Lage sind, entfernte historische Augenblicke, individuelle Erinnerungen und kollektive Prozesse von Fantasie miteinander zu verbinden. In diesem Sinn entwickeln sich Archive nicht nur als Lagerstätten der Vergangenheit, sondern auch als mögliche Orte, an denen vergessene Beziehungen, unterdrückte Geschichte und nicht verwirklichte Zukünfte wiederauferstehen können.
Der Vortrag beruht auf den Projekten Botannica Tirannica und Poisonous, Harmful, and Suspicious (Venenosas, Nocivas e Suspeitas) der Künstlerin, die eine Geschichte vorschlagen, die durch die Erinnerung von Pflanzen erzählt wird, die durch Kolonialisierungsprozesse an den Rand gedrängt wurden. Durch die Reaktivierung vernachlässigten botanischen Wissens, ausgelöschter Narrative und Formen von Resilienz, die trotz aller historischer Gewalt überlebt haben, untersuchten diese Arbeiten, wie Archive menschliche und nicht-menschliche Geschichte im Laufe der Zeit miteinander verbinden können.
Giselle Beiguelman ist Künstlerin und ordentliche Professorin am Fachbereich Architektur, Stadtplanung und Gestaltung der Universität São Paulo (USP). Sie ist unter anderem Verfasserin von Políticas da Imagem: Vigilância e Resistência na Dadosfera (Image Politics: Surveillance and Resistance in the Datasphere, Ubu, 2021) und Mit-Verfasserin von Boundary Images (University of Minnesota Press, 2023) und Technologies of Invention (Autêntica, erscheint in Kürze). Ihre Arbeiten sind Teil der Sammlungen von Institutionen wie dem ZKM, dem Jüdischen Museum Berlin, der Kadist Foundation, MAC-USP, MAR-RJ und der Pinacoteca de São Paulo. Sie hat zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen erhalten und ist Leitern des FAPESP Thematic Project Digital Archives and Research: Art, Architecture, Design and Technology.
Daniel Jablonski, Fwd: Sorry for the Delay (2017–2026)
Fwd: Sorry for the Delay (2016) wurde ursprünglich für eine Ausstellung im Instituto Tomie Ohtake in São Paulo konzipiert, bei der der Fokus auf Kunst im Zeitalter der Telekommunikation lag. Mittels eines offenen Aufrufs lud der Künstler das Publikum ein, ihm die eigenen verzögerten oder unbeantworteten E-Mails zu schicken: Liebesbriefe, Geschäftsabschlüsse, Junkmail, verpasste Anschlüsse oder ausstehende Vorschläge – alles, was aus unterschiedlichen Gründen noch keine Antwort erhalten hatte (oder nicht einmal abgeschickt wurde). Im Laufe eines Monats agierte der Künstler als Vermittler zwischen Absender*in und Adressat*in, und garantierte eine temporäre Amnestie für Kommunikation, die für Tage, Monate oder sogar Jahre unterbrochen gewesen war. Zum Ende des Projektes wurden die Botschaften kurz als Installationsarbeit ausgestellt.
Das Projekt, das sich rund um eine Idee des argentinischen Schriftstellers Ricardo Piglia entwickelt hatte, warf Fragen zu Kommunikation als finanzieller Transaktion – insbesondere Schulden – auf, die zudem eine Interaktion ermöglichte, die andernfalls nicht noch einmal stattgefunden hätte. Zehn Jahre später für Afterlife of Networks reaktiviert, wirft die Arbeit heute andere Fragen auf, wie etwa die Relevanz von E-Mail in einer Epoche von Instant Messaging. Ist es zu einem überflüssigen Medium geworden oder hat sich sein Platz nur in ein weiteres Panorama weltweiter Kommunikation verlagert?
Daniel Jablonski (Rio de Janeiro, 1984) ist bildender Künstler, Lehrer und Forscher. Er lebt und arbeitet zwischen Brasilien und Frankreich, und absolviert aktuell ein praxisbasiertes Doktoratsstudium für Kunst an der École nationale supérieure d’arts de Paris-Cergy & CY Cergy Paris Université, Frankreich. Durch die Kombination von Theorie und Praxis wendet er wissenschaftliche Forschungsmethoden auf sein eigenes alltägliches Leben an, um Kunstwerke zu schaffen, die als echte »Fallstudien« dienen. Diese wurden in Einzel- und Gruppenausstellungen in Lateinamerika und andernorts gezeigt, insbesondere im Instituto Tomie Ohtake (São Paulo, Brasilien), der Fundación ArtNexus (Bogotá, Kolumbien) und der Fondazione Antonio Ratti (Como, Italien). In den vergangenen Jahren hat er zahlreiche Auszeichnungen im Rahmen von Messen und Ausstellungen erhalten und wurde zweimal für den brasilianischen Kunstpreis PIPA nominiert, aber auch für das Cisneros Fontanals Art Foundation Grants and Commissions Program (Miami, USA). Er hat an zahlreichen internationalen Residency-Programmen teilgenommen, z. B. Lugar a Dudas (Cali, Kolumbien), Fonderie Darling (Montreal, Kanada), Cité Internationale des Arts (Paris, Frankreich) und Terra Foundation (Giverny, Frankreich).
Anfragen und Kontakt:
- Dr. Christine Kramer