Mehmet Celil Çelebi
Fellow 2026/27
Mehmet Celil Çelebi ist ein Politikwissenschaftler, der sich vornehmlich theoretisch und analytisch mit der Krise der Demokratie befasst. Er konzentriert sich auf die Frage, wie populistische und autoritäre Bewegungen als Ausdruck tieferer psychologischer und soziologischer Dynamiken verstanden werden können. Sein alternatives Interpretationsmodell begreift populistische Politik als Form kollektiver narzisstischer Identifikation. Çelebi analysiert den schleichenden Wandel demokratischer Ordnungen sowie die Frage, wie Narrative, Diskurse und symbolische Praktiken Teil dieses Prozesses sind. Seine in der Türkei angesiedelte Recherche bedient sich eines vergleichenden Blickwinkels, der autoritäre Entwicklungen im Westen und Globalen Süden als Ausdruck einer uniformen »Krise der Demokratie« interpretiert. Er trägt damit zur weiteren Entwicklung kritischer Demokratietheorie bei und eröffnet neue Möglichkeiten zum konzeptuellen Verständnis autoritärer Dynamiken.
Forschungsskizze
Beyond Ontological Security: Reassessing Populism’s Psychological Appeal Through Narcissism and Critical Theory
Mein Projekt ist eine theoretische Untersuchung der psychologischen Anziehungskraft von Populismus, durch das Hinterfragen des Konzepts »ontologischer Sicherheit« – eine häufige Erklärung für den Aufstieg des Populismus als Reaktion auf individuelle und kollektive Unsicherheiten in einer sich rasch verändernden Welt. Die Studie greift auf die Kritik des Existenzialismus der Frankfurter Schule und deren psychoanalytische Interpretation des Faschismus zurück und vermutet, dass Populismus so großen Anklang findet, weil er Unsicherheiten und die narzisstische Sehnsucht nach Überlegenheit, Identität und Macht anspricht. Die Untersuchung beleuchtet kollektiven Narzissmus und hinterfragt die Ansicht, Populismus sei in erster Linie eine Reaktion auf soziale Instabilität.
Vielmehr befriedigt dieser wohl das tiefere psychologische Bedürfnis nach Macht und Identität seiner Anhänger*innen.
Die Forschungsfrage lautet: Entspringt Populismus vor allem existenziellen Unsicherheiten oder entsprechen seine psychologischen Fundamente eher der narzisstischen Sehnsucht nach Anerkennung und Überlegenheit? Ich behaupte, dass aktueller Populismus, wie historisch-faschistische Bewegungen, seinen Anhänger*innen psychologische Genugtuung durch ein Gefühl von Bedeutung, moralischer Überlegenheit und kollektiver Macht durch die Identifizierung mit einer Führerperson bietet. Durch die Neubewertung der Kritik der Frankfurter Schule an existenzialistischer Psychologie und dem Fokus auf narzisstischer Identifizierung, sieht die Studie Populismus als Teil eines Bewegungskontinuums, das psychologische Mechanismen ausnutzt, die mit Selbstwert und Macht verbunden werden. Ich untersuche, wie populistische Rhetorik, abseits ontologischer Sicherheit, latent narzisstische Sehnsüchte aktiviert und Führerfiguren und ihre Bewegung als allmächtige Identifizierungsinstanzen heranzieht.
Ausbildung
2016 PhD Politikwissenschaft, Universität Oregon, Eugene, Oregon, USA
2006 MA Medien- und Kulturstudien, Technische Universität des Nahen Ostens, Ankara, Türkei
2003 BA Politikwissenschaft und politische Verwaltung, Technische Universität des Nahen Ostens, Ankara, Türkei
Jüngste wissenschaftliche Positionen
Assistenzprofessor für Politikwissenschaft, Abdullah Gul Universität, Kayseri, Türkei
Jüngste Veröffentlichungen
Western Democracy and the AKP: A Dialogical Analysis of Turkey’s Democratic Crisis. London 2023.
mit G. Tarhan Çelebi, »Bölünmüş toplumlarda anayasa yargısı: İsrail Yüksek Mahkemesi kararları ışığında İsrail’de vatandaşlığın sınırları« [Verfassungsmäßige Rechtsprechung in gespaltenen Gesellschaften: Die Grenzen der Staatsbürgerschaft in Israel im Licht der Entscheidungen des Obersten Gerichtshofes in Israel]. Legal Hukuk Dergisi 256 (2024), S. 1631–1648.
»Otoriterlik–Demokrasi dikotomisi ve Türkiye’nin rejimi üzerine« [Zur Dichotomie Autoritarismus–Demokratie und dem türkischen Regime]. Birikim 408 (2023), S. 93–105.