Prerna Agarwal

Fellow 2026/27

Prerna Agarwal befasst sich in ihrer Forschung mit der mit der sozialen Frage am Schnittpunkt von sozialer und globaler Geschichte. Sie befasst sich mit der Rolle von Arbeit, Arbeiterbewegungen und tagtäglichen Lebensbedingungen als Triebkraft politischer Transformation. Sie tut dies vor allem im Kontext moderner asiatischer Geschichte und ihrer Verflechtung in globale politische Dynamiken, und verbindet eine Rekonstruktion lokaler Kämpfe mit Analysen globaler Wirtschaftszyklen.
Einerseits untersucht sie die konkreten Lebensumstände und Konflikte von Arbeiter*innen »von unten«; andererseits verortet sie diese Prozesse im weiteren Kontext der »Dritten Welt« oder des Kalten Krieges. Damit arbeitet sie zugleich an der Wiederentdeckung vergessener Geschichten untergeordneter Akteur*innen und an der kritischen Neubewertung politischer Ordnungen in postkolonialen Gesellschaften. Damit leistet sie einen bedeutenden Beitrag zur Neudefinition der Rolle von Arbeit zum Verständnis von Demokratie, Autoritarismus und sozialen Krisen.

Forschungsskizze

India’s Long Emergency: Postcolonial States, Labour, and Crises

Der Eisenbahnstreik von 1974, an dem mehr als zwei Millionen Arbeiter*innen beteiligt waren, brachte die indische Wirtschaft zum Stillstand und wurde zu einem eindrucksvollen Symbol der nationalen Krise. Bald darauf rief Indira Gandhi den Ausnahmezustand aus (1975–1977), mit ausgesetzten Wahlen und Verfassungsrechten, und begründete damit Indiens erste Diktatur. Dennoch werden der Streik und der Ausnahmezustand selten innerhalb eines gemeinsamen historischen Rahmens betrachtet. Mein Projekt entwickelt eine »lange Geschichte« des Ausnahmezustands, indem es die Arbeit in den Mittelpunkt stellt, und aufzeigt, wie Staatsbildung im postkolonialen Indien zutiefst mit der Arbeiterfrage verbunden war. Es verortet den Ausnahmezustand nicht als plötzlichen Riss, sondern sieht ihn vielmehr als symptomatisch für umfangreichere Krisen innerhalb des Entwicklungsstaates. Durch das Nachverfolgen dieser Dynamiken zeigt meine Untersuchung die Rolle von Arbeiter*innen in postkolonialer Politik auf und erforscht die Schnittstelle von Arbeit, Progressismus und Autoritarismus.
Aus einer vergleichenden Perspektive untersucht das Projekt die 1970er-Jahre als Jahrzehnt der Umbrüche im Globalen Süden, von Chile bis Bangladesch, gekennzeichnet von Staatsstreichen, Diktaturen und Transformationen – vom progressiven Nationalismus bis zur autoritären Herrschaft. Der Fall Indiens, der sich aufgrund der kurzen Dauer und der nachgeordneten Rolle des Militärs von anderen unterschied, beleuchtet, wie eine starke politische Führung und ein bürokratischer Apparat in der Lage waren, den postkolonialen Verlauf in eine neue Richtung zu lenken. Dieses Zwischenspiel markierte zudem eine umfangreichere Transformation: vom Progressismus Nehrus bis zum hinduistischen Nationalismus.

Ausbildung

2018 PhD in History and Contemporary India, King’s College London, Großbritannien
2012 MA in Political Economy of Development, School of Oriental and African Studies, Großbritannien
2010 MA in Philosophie, University College London, Großbritannien

Jüngste wissenschaftliche Position

Marie Curie Postdoctoral Fellow, Centre for Modern Indian Studies, Universität Göttingen

Jüngste Veröffentlichungen

»›Trains Were Running on Time‹: Railway Strike of 1974 as a Prelude to the Indian Emergency (1975–77)«, in: Ravi Ahuja (Hg.), India’s Forces of Labour and the Limits of Democratisation: An Exploratory Compendium, erscheint in Kürze.
»Vers une histoire de Calcutta comme ville portuaire«, in: Le Mouvement Social 287, 2 (2024), S. 95–110.
»The War at the Workplace: Calcutta’s Dockers and Changing Labour Regime, 1939–1945«, in: International Review of Social History 67, 3 (2022), S. 179–207.