Porträt von Thomas Wein ©Leuphana/Brinkhoff/Mögenburg
"Es gibt zwei Argumente für das Impfen: den Selbstschutz und den Schutz der Gesellschaft."
Herr Professor Wein, was spricht aus ökonomischer Sicht für eine Impfpflicht?
Ich möchte eine Diskussion anstoßen, die wir jetzt dringend führen müssen: Wenn sich nicht genügend Menschen impfen lassen, wird die Pandemie nicht enden. Das kann teuer werden. In Deutschland wird uns der Fluch der guten Tat treffen. Kein anderes Land in der EU gibt im Moment so viel Geld für Wirtschaftshilfen aus wie Deutschland. Ich pflichte dem Finanzminister zwar bei: Wenn die Wirtschaft nach der Pandemie wieder schnell funktioniert, werden wir das Geld rasch in die Staatskassen zurückspülen können. Aber im Moment haben viele das Gefühl: Eigentlich kostet uns die Pandemie nichts. Ökonomen sprechen von einer Fiskal-Illusion. Dabei hat sich allein bis November 2020 unsere Staatsverschuldung von 60 auf 70 Prozent erhöht. In diesem Jahr könnte der Wert auf 80 Prozent steigen. 2022 wären 95 Prozent möglich, wenn wir nichts tun. Irgendwann leiht uns niemand mehr Geld, und Steuern werden auch nicht mehr ausreichend eingenommen. Deshalb sollten wir jetzt über die Folgen einer möglichen Impfverweigerung sprechen, sonst führen wir bald ein ganz anderes Leben.
Jetzt ist also jede*r Einzelne gefragt?
Es gibt zwei Argumente für das Impfen: den Selbstschutz und den Schutz der Gesellschaft. Wenn ich streng rational denke, sehe ich aber nur auf mich. Wenn ich mich impfen lasse, habe ich nicht nur den Nutzen, gesund zu bleiben, sondern auch Kosten aufgrund möglicher Impfreaktionen meines Körpers. Deshalb kann ich auch argumentieren: Wenn sich alle impfen lassen, dann muss ich mich nicht mehr impfen lassen und habe dennoch den Nutzen. Die Unsicherheit macht die Entscheidung noch schwieriger. Ich weiß nicht, ob ich mich noch anstecken werde und wie schwer mich die Erkrankung dann möglicherweise trifft. Aber ich weiß auch nicht, wie stark die Reaktion meines Körpers auf die Impfung sein wird. Wir sehen das in der aktuellen Diskussion um die Hersteller: Alle wollen Biontech; AstraZeneca wird dagegen unbeliebter. Was, wenn das noch weiter kippt? Wir sprechen in der Ökonomik von einer klassischen Fehlsteuerung durch Fehlanreize.
Aber werden sich nicht auch Menschen im Sinne des Gemeinwohls impfen lassen?
Durch die eigene Impfung kann ein positiver externer Effekt entstehen: Ich werde nicht mehr krank und kann höchstwahrscheinlich auch niemanden mehr anstecken. Es gibt Verhaltensökonomen, die sagen, dass Menschen in Situationen wie einer Pandemie altruistisch handeln. Aber die Hypothesen wurden vor allem unter Laborbedingungen getestet. Altruistisches Verhalten passiert eher in kleinen Gruppen. Menschen kennen sich und möchten deshalb etwas füreinander tun. In größeren Gruppen wird der Effekt aber schwächer.
Was könnte Unentschlossene dazu bringen, sich impfen zu lassen?
Klassisch orientierte Ökonomen antworten bei ähnlichen Problemen: Kosten senken und Vorteile erhöhen. Die Privatwirtschaft könnte Vorgaben machen, beispielsweise würde ein Wirt nur Geimpfte in seiner Kneipe bedienen. Einschränkungen sollten allerdings erst gemacht werden, wenn es genug Impfstoff gibt. Sonst diskriminieren diese Maßnahmen. Schwieriger wird es bei Einrichtungen wie der Deutschen Bahn, da es eigentlich keine alternative Reisemöglichkeit beim Schienenverkehr gibt. Denkbar wären auch steuerliche Vorteile für Geimpfte, also ein monetärer Ausgleich. Rechtlich ist die Impfpflicht möglich. Das Infektionsschutzgesetz sieht sie vor. Nach meinem Eindruck lehnen sie Politiker momentan ab, um die Proteste der Corona-Leugner nicht noch weiter anzufachen. Wir müssen uns aber im Klaren sein: Wenn sich nicht genügend Menschen impfen lassen, gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Wir können die Pandemie laufen lassen, dann sterben vielleicht 1000 Menschen am Tag. Oder es wird weitere Lockdowns geben mit fatalen Folgen für die Wirtschaft und weiteren Kosten durch staatliche Überbrückungshilfen. Deshalb muss man alles dafür tun, dass sich die Menschen impfen lassen. Wenn es nicht anders funktioniert, eben durch eine Impflicht wie es sie auch bei den Pocken gab. Die Krankheit gilt heute als ausgerottet.