Stempel vom Grundsatzamt für Unmögliches ©© Daniel Hoernemann
Mehr als nur eine Skulptur: Im Grundsatzamt für Un-Mögliches konnten Verwaltungsmitarbeitende und Bürger*innen Themen vortragen, die sie bisher für nicht realisierbar hielten.

Daniel Hoernemanns Schreibtisch stand gleich am Eingang des Rathauses der Samtgemeinde Wathlingen. Auf dem Sekretär lagen Schreibmaschine, Zettelkasten und Stempelkissen. Eben alles, was ein Künstler braucht, um zu irritieren. Der Bonner Performer und Bildende Künstler bearbeitete nämlich keine klassischen Verwaltungsfragen, er war Leiter des Grundsatzamts für Un-Mögliches. Diese Arbeit war Teil des experimentellen Modellprojekts „Künstlerisch-wissenschaftliche Politik- und Öffentlichkeitsberatung“ geleitet vom Soziologen Harald Heinrichs. Der Forscher beschäftigt sich bereits seit einigen Jahren mit der Verbindung von Kunst und Wissenschaft um ganzheitliche Einsichten in menschliche Erfahrungen zu gewinnen: „Wissenschaft analysiert; Kunst reflektiert“, fasst Harald Heinrichs zusammen.

Gemeinsam mit seinem Forscher*innen-Team sammelte der Wissenschaftler in der Samtgemeinde Wathlingen/Niedersachsen Daten zur nachhaltigen Entwicklung der Kommune. Welche Erwartungen gibt es? Wo werden Veränderungspotentiale gesehen? Wo möchten Bürger*innen sich einbringen? Wichtige Ergebnisse waren etwa der Wunsch nach weniger „Verwaltungszentrierung“ und mehr Gemeinschaftsengagement sowie einem nachhaltigen Verkehrskonzept verbunden mit einem stärkeren ÖPNV und Radwegenetz. Die drei Dörfer der Samtgemeinde sind durch eine Landstraße miteinander verbunden. Innerhalb der Datenerhebung analysierten die Wissenschaftler*innen auch Verwaltungsdokumente, die sich mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigten. „An dieser Stelle würde in der Politikberatung ein Abschlussbericht mit der wissenschaftlichen Analyse erfolgen. Damit wäre unsere Arbeit getan“, erklärt Projektleiter Harald Heinrichs. Für ihn beantwortet die Forschung aber nur einen Teil der Fragen in der Nachhaltigkeit. „Es gibt noch eine leibliche, emotionale Dimension des Menschen, die wir mit unseren Methoden nicht hinreichend abbilden können, die aber von hoher Bedeutung für die Lebensqualität ist“, erklärt Harald Heinrichs.

Hier kommt die Kunst ins Spiel. Das Grundsatzamt für Un-Mögliches war nämlich nicht nur eine soziale Skulptur, sondern hat Konkretes angestoßen. „Verwaltungsmitarbeitende und Bürger*innen haben dort Themen vorgetragen, die sie bisher für nicht realisierbar hielten. So kommt etwas in Bewegung“, beschreibt Harald Heinrichs. Vorgebrachte Anliegen wurden schriftlich beurkundet und mit einem Stempel des Grundsatzamtes für Un-Mögliches versehen. Die künstlerischen Interventionen griffen Ergebnisse aus der Forschung auf. Daniel Hoernemann thematisierte aber auch eigene Eindrücke aus der Samtgemeinde. Zu den vier sozialen Skulpturen im Forschungsprojekt gehört auch das Abschlussfest und der Nachhaltigkeitstag „ichduwiralle“. Voraussichtlich im Sommer sollen die Forschungsergebnisse im Rahmen einer Vernissage in Wathlingen präsentiert werden. „Wir haben bewusst keine wissenschaftliche Präsentation gewählt. Kunst soll für eine höhere Sichtbarkeit und Erfahrbarkeit sorgen“, erklärt Harald Heinrichs. Die Ergebnisse werden als Bilder im Rathaus bleiben und wie in einer Gemälde-Ausstellung gehängt: „Wir möchten Perspektiven öffnen, das Denken und Imagination anregen. Dies ist insbesondere für nachhaltige Entwicklung relevant, bei der es neben der Analyse auch stark um die Gestaltung der Zukunft geht.“

Kontakt

Prof. Dr. Harald Heinrichs
Universitätsallee 1, C11.226
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-2931
harald.heinrichs@uni.leuphana.de