Der European Research Council (ERC) fördert Prof. Jens Newig mit renommiertem Advanced Grant
23.06.2026 Prof. Dr. Jens Newig und sein Team untersuchen in den kommenden fünf Jahren, wie und wann Bürgerbeteiligung nachhaltige, gerechte und demokratisch legitime Entscheidungen fördert. Künstliche Intelligenz ermöglicht erstmals einen weltweiten Vergleich.
©Leuphana/Tengo Tabatadze
Bürgerräte beraten zu Klimapolitik, Gemeinden lassen die Öffentlichkeit über den Haushalt mitbestimmen und selbst in autokratisch regierten Ländern gibt es partizipative Planungen. Bürgerbeteiligung soll bessere und gerechtere Entscheidungen für Umwelt und Klima und eine lebendigere Demokratie fördern. Doch obwohl Beteiligung weltweit boomt, kann die Forschung bislang nicht genau erklären, wann solche Formate funktionieren – und wann nicht. Die bestehende Forschung stützt sich überwiegend auf einzelne Fallstudien oder regional begrenzte Untersuchungen und erlaubt daher nur eingeschränkte Verallgemeinerungen.
Hier setzt das nun mit 2,5 Mio. Euro geförderte Projekt „GAPS – Global Assessment of Participation in Sustainability Governance“ an. Es soll erstmals systematisch analysieren, welche Formen der Beteiligung zu wirksamen, gerechten und demokratisch legitimierten Entscheidungen beitragen: „Es gibt weltweit Tausende von Einzelfallstudien zu Beteiligungsprozessen. Wir wollen dieses Wissen zusammenführen und vergleichbar machen“, erklärt Professor Dr. Jens Newig, Professor für Governance und Nachhaltigkeit von der Fakultät Nachhaltigkeit der Leuphana Universität Lüneburg. Mit seinem Team möchte er nahezu alle weltweit dokumentierten Beteiligungsprozesse der vergangenen Jahrzehnte auswerten.
Ein Großteil dieser Studien ist nicht international auf Englisch erschienen, sondern in Sammelbänden, Berichten oder lokalen Publikationen und damit international kaum sichtbar. „Ein rein menschliches Team könnte diese Auswertung nicht leisten“, sagt Newig. Methodisch kombiniert das Projekt statistische Analysen und qualitative Fallstudien mit innovativen KI-gestützten Verfahren: Große Sprachmodelle wie Claude oder Gemini helfen dem Forschungsteam, tausende Texte in unterschiedlichen Sprachen auszuwerten. Damit betritt das Team wissenschaftliches Neuland. Alle Analysen werden mit mehreren unabhängigen Auswertungen abgesichert.
Berücksichtigt werden sowohl klassische demokratische Staaten als auch Länder des Globalen Südens sowie autoritär regierte Staaten. „Wir wissen aus früheren Studien, dass echte Mitbestimmung häufig ein entscheidender Faktor für erfolgreiche Nachhaltigkeitsentscheidungen ist. Nun wollen wir die Gründe verstehen und klären, ob die Zusammenhänge weltweit gelten“, sagt Jens Newig.
Eine zentrale Herausforderung des Projekts sind westlich geprägte Verzerrungen. „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht unbewusst westliche Maßstäbe an Beteiligungsprozesse in ganz anderen Kontexten anlegen", betont Newig. Das Team begegnet dem mit einem theoretisch fundierten Auswertungsschema und bezieht bewusst Studien aus möglichst vielen Sprachen, Ländern und Publikationsformen ein. Auch die Künstliche Intelligenz selbst birgt Risiken: Sprachmodelle können Texte unterschiedlich deuten oder im Lauf der Auswertung „abdriften“. Deshalb wird jeder Fall von mehreren Modellen bearbeitet und stichprobenartig mit der Einschätzung menschlicher Kodierer abgeglichen. „Künstliche Intelligenz ist für uns ein Werkzeug, kein Orakel“, betont Newig. „Am Ende zählt, dass die Ergebnisse wissenschaftlich belastbar sind.“
Langfristig soll aus den Ergebnissen eine frei zugängliche Wissensgrundlage entstehen. Verwaltungen, Ministerien und Organisationen könnten darin vergleichbare Fallstudien recherchieren und Anhaltspunkte für die Gestaltung eigener Beteiligungsprozesse gewinnen.
Für die Umsetzung baut Newig ein internationales Team auf; geplant sind eine Postdoc-Stelle sowie vier Promotionsstellen.
Die ERC Advanced Grants bieten erfahrenen Forschenden die Möglichkeit, ehrgeizige Projekte zu verfolgen, die zu bedeutenden wissenschaftlichen Durchbrüchen führen können und gehören zu den renommiertesten und höchstdotierten Forschungsförderungen in Europa, die vom European Research Council im Rahmen des Programms Horizon Europe vergeben werden.
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- Prof. Dr. Jens Newig