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Alumna im Porträt: Anna Petersen – Ein Herz fürs Lokale

02.08.2021 Nach einem journalistischen Volontariat bei der Uelzener Allgemeinen Zeitung entschied sich Anna Petersen für ein Bachelorstudium der Kulturwissenschaften. Neben dem Studium arbeitete sie weiterhin als Lokaljournalistin für die AZ und die LZ. Für ihre Reportage über eine junge Frau mit dem Fetalen Alkoholsyndrom wurde sie jetzt mit dem Theodor-Wolff-Journalistenpreis in der Kategorie „Bestes Lokales Stück“ ausgezeichnet.

Preisträgerin Anna Petersen mit dem Moderator ©©Marcus Zumbansen
Benjamin Piel, Chefredakteur vom Mindener Tageblatt, überreicht Anna Petersen den Theodor-Wolff-Preis in der Kategorie "Bestes Lokales Stück".

Wie fühlt sich ein Schwein im Mastbetrieb? Und kann man mit einer Wünschelrute tatsächlich Wasser im Boden aufspüren? Die Themen, mit denen sich Anna Petersen bei der Landeszeitung Lüneburg beschäftigt, sind vielfältig. „Ich bin grundsätzlich ein neugieriger und vielseitig interessierter Mensch. Daher schätze ich es sehr, mich bei meiner Arbeit mit ganz unterschiedlichen Themen beschäftigen zu können. Aus dem selben Grund habe ich mich damals auch für das Studium der Kulturwissenschaften entschieden.“ Nach Stationen in verschiedenen Redaktionen vor und während des Studiums, unter anderem beim Süddeutsche Magazin, wurde der 27-jährigen Redakteurin immer klarer, wo sie sich im Journalismus verortet: im Lokalen. Möglichst nah am Menschen und mitten im Geschehen möchte sie sein. Seit der Auszeichnung für die Reportage „Chaos im Kopf“, die erstmalig im Februar 2020 in der Landeszeitung Lüneburg erschien, ist das Interesse an Petersens Person groß. Plötzlich findet sie sich immer öfter selbst in der Rolle der Befragten und Portraitierten wieder, anstatt die Fragen zu stellen. Ob sie jetzt zu einer größeren Zeitung wechseln wolle, wird sie seitdem oft gefragt. Für Anna Petersen habe sich diese Frage nie gestellt – ihr Herz schlägt für den Lokaljournalismus.

„Wie kommt man auf ein solches Thema?“, fragt der Moderator am Abend der Preisverleihung. „Es wurde mir praktisch in die Wiege gelegt“, antwortet Anna Petersen. „Da meine Mutter Reittherapie für Kinder anbietet, bin ich schon früh in Kontakt mit Menschen mit Behinderung gekommen. Jedoch brach der Kontakt nach Ende der Therapie meist schnell wieder ab. Ich habe mich dann oft gefragt, wie sich die Biografien der einzelnen Kinder weiterentwickelt haben und beschloss, diese Frage journalistisch anzugehen: Menschen mit Behinderung auf ihrem Weg zu begleiten, ihre Geschichten zu erzählen und auf diese Weise Berührungsängste abzubauen.“ Für ihre ausgezeichnete Reportage hat die Lokaljournalistin über den Zeitraum von einem Jahr eine junge Frau mit dem Fetalen Alkoholsyndrom beim Erwachsenwerden verfolgt – beim Einzug in die erste eigene Wohnung, mit ihrem ersten Freund und im ersten Job. Dabei ist das Leben der Protagonistin, die in dem Artikel Julie genannt wird, nicht immer einfach: Sie ist oft traurig und hat mit Depressionen zu kämpfen, ist manchmal ziemlich wütend und will dann nur noch weinen und schreien. Die Reportage erzählt aber auch von glücklichen Momenten: vom Pilzesammeln mit Julies Pflegevater Karsten oder dem Moment, als ihr Freund Finn auf dem Kalkberg vor ihr auf die Knie geht und ihr einen Heiratsantrag macht.

Die Preisjury vom Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger lobte Anna Petersen vor allem für die „respektvolle, empathische Annäherung“ an die Protagonistin, sowie die „beharrliche und präzise Verfolgung der Geschichte über ein ganzes Jahr voller unvorhergesehener und dramaturgisch klug aufbereiteter Wendungen“. Zur Landeszeitung Lüneburg kam sie durch ein Seminar unter der Leitung von Anna Sprockhoff, mittlerweile stellvertretende Chefredakteurin der Tageszeitung Märkische Allgemeine in Potsdam und Petersens Vorgängerin bei der LZ. Auch das Praktikum beim Süddeutsche Zeitung Magazin ergab sich durch ein Seminar im Rahmen des Studiums, geleitet von SZ-Redakteur Tobias Haberl, der Petersen im Anschluss in die Redaktion nach München einlud.  

Zuletzt war Anna Petersen zudem auf der Leinwand im Lüneburger Programmkino Scala zu sehen: Im Dokumentarfilm „Die letzten Reporter“ begleitet der Regisseur und Grimme-Preisträger Jean Boué mehrere Lokaljournalist*innen bei ihrer Arbeit und zeigt auf, wie sich das Berufsbild in Zeiten vom rasant wachsenden Online-Journalismus wandelt und neu erfindet. Anna Petersen ist eine davon. Sie selbst sieht sich jedoch keinesfalls als „letzte Reporterin“ und blickt der Zukunft zuversichtlich entgegen. Sie sagt: „Zwar hat sich der Lokaljournalismus in den letzten Jahren sehr gewandelt, aber eine Veränderung ist nicht gleich der Tod. Es wird immer einen Bedarf an lokalen Nachrichten geben – wie diese Inhalte zu den Menschen transportiert werden, das bleibt ein Aushandlungsprozess.“