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Konferenzwoche 2022: Flucht und Migration – „Mammutaufgabe unserer Zeit“

08.03.2022 Wie können wir Einwanderungspolitik menschwürdig gestalten? Am letzten Tag der diesjährigen Konferenzwoche diskutierten Mattea Weihe, Seenotretterin bei Sea-Watch, und Gerald Knaus, Soziologe und Migrationsforscher, zu Flucht und Migration. Ihr Fazit: „Wir müssen betroffene und zivile Perspektiven integrieren!“

Mattea Weihe diskutiert mit Gerald Knaus ©Anastasia Adasheva
Seenotretterin Mattea Weihe und Moderatorin Omeima Garci im Studio der Konferenzwoche.

„Wir [Europa] haben eine tödliche Grenze und wir haben eine Situation der permanenten und politisch gewollten Rechtlosigkeit“, startet Migrationsforscher Gerald Knaus die Diskussion. An keiner Grenze weltweit ist die Wahrscheinlichkeit auf der Flucht zu sterben für illegale Einwander*innen so hoch, wie an der europäischen Außengrenze. Seenotretterin Mattea Weihe ergänzt, dass etwa die zivile Seenotrettung im Mittelmeer durch Kriminalisierungsfälle ehemaliger Kapitän*innen aktiv blockiert werde.

„Wir können nicht mehr mit Libyen kooperieren, denn dort werden Menschen misshandelt“, stellt Knaus klar. Seit vielen Jahren arbeitet die Europäische Union mit Libyen zusammen, um Geflüchtete an der Mittelmeerüberquerung zu hindern. Knaus schlägt zwei Strategien vor, um mit der großen Fluchtbewegung der Gegenwart umzugehen: Flüchtende sollten ohne VISA direkt an sichere Orte gelangen können und der Ausbau von sogenannten Resettlement-Programmen, die eine dauerhafte Umsiedlung von Schutzbedürftigen vorsehen, müsse vorangetrieben werden. Weihe betrachtet diese Ideen skeptisch. Die Seenotretterin sieht in Knaus Vorschlägen lediglich die Einführung eines neuen Abschiebeverfahrens. Es bedürfe eines genauen Blicks auf unsere europäischen Strukturen: Wie können wir Migration und vor allem Willkommenskultur in der Zukunft denken?

Die Frage, welches Klima es bedarf, um langfristig für alle Menschen die gleichen Rechte geltend zu machen, erklärt Weihe zur „Mammutaufgabe unserer Zeit“. Sie fordert die Politiker*innen im Bundestag auf, zivilgesellschaftliche Akteur*innen wie Seenotretter*innen stärker zu unterstützen. Denn ebendiese seien agil, hervorragend vernetzt und hätten die Fähigkeit, die Gesellschaft von unten zu verändern. Abschließend teilte sie ihre persönliche Vision für Politik: „Wenn wir an einem großen Tisch Akteur*innen vereinen wie Gerald Knaus, zivile Seenotretter*innen, die Innenministerin und betroffene Personen, dann können wir zu Lösungen kommen.“

Omeima Garci, die Moderatorin der Diskussion, schloss den finalen Studio-Talk der Konferenzwoche 2022 mit einem Appell an die etwa 1300 Erstsemester-Studierenden: „Mutig sein und die eigenen Privilegien hinterfragen, wenn es um Flucht und Migration geht!“

Im Zentrum der diesjährigen Konferenzwoche stand die Frage nach einem neuen Gesellschaftsvertrag. Angesichts des Aufstiegs totalitärer Gewalt in Europa, gilt es im Gegenzug umso mehr, unsere Demokratie mit all ihren Werten zu stärken. Neben Mattea Weihe und Gerald Knaus waren viele weitere prominente Gäste aus Wissenschaft und Gesellschaft vertreten, mit denen Studierende und Interessierte diskutieren konnten.