Christina Wessely im Porträt ©Leuphana/Brinkhoff/Mögenburg
„Die Arbeit für die Leopoldina hängt thematisch eng mit meinem aktuellen Forschungsvorhaben zusammen. Ich freue mich auf die bereichernde Aufgabe.“

Ernst Haeckel gehört zu den bedeutendsten, aber auch umstrittensten Figuren der deutschen Wissenschaftsgeschichte. Kaum ein Zweiter verbreitete im 19. Jahrhundert die Evolutionslehre Darwins außerhalb Großbritanniens so engagiert wie er. Er nutzte neuartige Formate zur Vermittlung seiner Erkenntnisse und entwickelte in einer Vielzahl von Vorträgen und populären Schriften die Vorstellung von Naturwissenschaft als Weltanschauung, was ihn zu einem der Begründer der Wissenschaftspopularisierung werden ließ. Dabei wies Haeckels Naturlehre immer auch eine politische Dimension auf. So forderte er die Aufnahme von Darwins Erkenntnissen in die Lehrpläne der Schulen, er propagierte aber auch Eugenik und Sozialdarwinismus. Mit der Edition seiner Briefe möchte die Leopoldina das komplexe Schaffen des Zoologen tiefgehend erforschen. Das Vorhaben startete bereits 2013 und soll 2037 abgeschlossen werden.

Dr. Christina Wessely, Professorin für die Kulturgeschichte des Wissens, ist zunächst für fünf Jahre in den wissenschaftlichen Beirat berufen worden, zu dem weitere renommierte Expert*innen der Geschichte der Lebenswissenschaften gehören. Der Beirat unterstützt Projektleiter Dr. Thomas Bach, Universität Jena, und seine Projektmitarbeiter*innen. Er fördert die Weiterentwicklung des Projekts und bereitet Evaluationen vor. Aufgrund der 25-jährigen Projektlaufzeit wird die Forschungsrichtung regelmäßig ausgelotet. Christina Wessely möchte vor allem die politischen Implikationen von Haeckels Einsichten sowie seine Rolle als Mittler zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit reflektieren.

Die Historikerin setzt sich seit ihrer Promotion mit der Geschichte der Lebenswissenschaften auseinander. Sie schrieb ihre Doktorarbeit zur Kulturgeschichte zoologischer Gärten und forscht derzeit zur Geschichte der Ökologie. Zuletzt veröffentlichte sie gemeinsam mit ihrem Mitarbeiter Florian Huber einen Sammelband zur Historie und Theorie des Milieubegriffs. Die Bedeutung Haeckels sieht sie auf mehreren Ebenen, wobei sie sich insbesondere für die (proto)ökologischen Dimensionen seiner Erkenntnisse interessiert. 1866 führte der Naturforscher den Begriff in die deutschsprachigen Lebenswissenschaften ein: Ökologie verstand er dabei als „Ökonomie der Natur“. „Haeckel war ein wichtiger Protagonist bei der Herausbildung moderner ökologischer Wissensformen. Heute gehört die Ökologie angesichts von Klimawandel, Biodiversitätsverlust und Umweltverschmutzung zu den bedeutendsten Forschungsfeldern unserer Gegenwart, die nicht zufällig mit der Epochenbezeichnung des Anthropozäns belegt wurde“, erklärt Christina Wessely. „Dabei werden Begriffe wie Umwelt, Ökosystem oder Lebensraum oft weitgehend unreflektiert verwendet – eine kritische Analyse ihrer historischen Gewordenheit und ihrer politischen wie gesellschaftlichen Implikationen scheint dringend geboten.“

Über die tausenden Briefe lässt sich Haeckels umfangreiches und thematisch äußerst diverses Werk gut erschließen. „Er war ein gleichzeitig leidenschaftlicher wie strategischer Netzwerker. Seine Korrespondenzen weisen somit über Haeckels eigene Arbeiten hinaus. Sie geben einen Eindruck von den wichtigsten Diskussionen in den Lebenswissenschaften im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, von ihren Protagonisten, Themen, Forschungsfragen und widerstreitenden Paradigmen“, erklärt die Historikerin.

Zurzeit plant Christina Wessely ein großes DFG-Projekt zur Geschichte der Ökologie: „Die Arbeit für die Leopoldina hängt thematisch eng mit meinem aktuellen Forschungsvorhaben zusammen. Ich freue mich auf die bereichernde Aufgabe.“

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  • Prof. Dr. Christina Wessely