Solvejg Wolfers-Pommerenke ©Leuphana/Marvin Sokolis
Solvejg Wolfers-Pommerenke fuhr im Mannschaftsbus mit, war beim Training dabei und saß gemeinsam mit den Spielern in der Kabine. Die Sprachwissenschaftlerin interessierte, wie Teamzusammenhalt in und durch Kommunikation entsteht und ‚gemacht‘ wird.

Der Profi-Fußball macht sich öffentlich gegen den Rassismus stark: Spieler tragen Trikots mit der Aufschrift „#blacklivesmatter“; es gibt Video-Kampagnen gegen Ausgrenzung; Funktionäre betonen, wie wichtig es sei gegen Vorurteile aufzustehen. Meist sind diese Botschaften nach außen gerichtet. Die Linguistin Dr. Solvejg Wolfers-Pommerenke erlebte bei ihrer Forschung im Profi-Fußball eine andere Perspektive: „,Racialized humor‘ ist hier Teil der Aushandlung von Teamzusammenhalt.“ Das heißt: Witze über etwa ethnische, kulturelle oder religiöse Stereotype konstruieren In-, Out- und Sub-Gruppen innerhalb des Teams. „Dieser Humor kann selbst- und fremdgerichtet sein“, beschreibt die Linguistin.

Im Rahmen einer Ethnografie sammelte die Forscherin über 56 Stunden Audio-Material bei einem deutschen Profi-Verein mit multi-ethnischer Spielerschaft. Solvejg Wolfers-Pommerenke fuhr im Mannschaftsbus mit, war beim Training dabei und saß gemeinsam mit den Spielern in der Kabine. Die Sprachwissenschaftlerin interessierte, wie Teamzusammenhalt in und durch Kommunikation entsteht und ‚gemacht‘ wird: „Ich hatte ursprünglich nicht vor, zu Humor zu forschen“, sagt sie. Doch sie beobachtete, dass unter anderem „racialized humor“ die Mannschaft als Ganzes wie aber auch Untergruppen konstruierte. Spieler im Team mussten es sich paradoxerweise erst verdienen, dass Witze über sie gerissen wurden – und oftmals waren diese rassistischen Ursprungs. Der einzige Spieler mit asiatischen Wurzeln etwa wurde beispielsweise wiederholt von einem anderen Fußballer gefragt, ob er Katze zum Frühstück gegessen hatte. Darüber wurde dann meist gemeinsam gelacht: „Die Spieler argumentieren: So sei Fußball eben, das müsse man wegstecken können. Die Sprüche seien ja nicht ernst gemeint und würden auch von niemandem ernst genommen. Inwieweit es nicht doch Spieler verletzt, steht auf einem anderen Blatt. Die Grenze zwischen Humor und Mobbing ist teamspezifisch, aber eben auch individuell“, sagt Solvejg Wolfers-Pommerenke.

Die Forscherin benutzt den Begriff „racialized humor“ (anstelle von „racist humor“), da viele Witze über Stereotypen auch selbstgerichtet waren: „In einigen ethnischen Untergruppen diente der Humor dem Selbstschutz, aber auch Empowerment. Gemeinsamkeiten wurden betont und so der Zusammenhalt untereinander gestärkt“, berichtet sie. Deshalb unterscheidet die Linguistin zwischen „biting, nipping“ und „bonding humor“: „Meines Erachtens muss vertieft diskutiert werden, wie Spieler durch die Mobilisierung rassifizierter Kategorien Grenzen zwischen Untergruppen herbeireden und so die Mannschaft auf der Grundlage diskriminierender Stereotype effektiv fragmentieren. Ein besseres Verständnis darüber, wie diese mehrdeutige diskursive Strategie eingesetzt wird, wie sie funktioniert und wie sie sich auf Gruppenzugehörigkeitsansprüche in diesem Kontext auswirkt, bietet wichtige Einblicke für ein besseres Verständnis und letztendlich für die Bekämpfung von Rassismus im Fußball.“

Solvejg Wolfers-Pommerenke ordnet auch ihre eigene Rolle als Forscherin kritisch ein: „Ich habe eine männliche multi-ethnische Mannschaft untersucht und muss mich deshalb auch fragen, welchen Einfluss intersektionale Faktoren wie mein Geschlecht und ethnischer Hintergrund auf Datenerhebung und -auswertung haben.“

Der Sammelband „Football and Discrimination: Antisemitism and Beyond“ wird von Pavel Brunssen und Stefanie Schüler-Springorum herausgegeben und erscheint im Routledge Verlag.

Kontakt

Dr. Solvejg Wolfers-Pommerenke
Universitätsallee 1, C5.103b
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-1660
solvejg.wolfers@leuphana.de