Christian Welzel im Gespräch ©Leuphana
„Langfristig stehen die Chancen zugunsten der Demokratie und gegen die Autokratie“

Viele Prognosen klingen pessimistisch: Autoritäre Herrscher machen Schlagzeilen und selbst die vermeintlich stabilen Demokratien im globalen Norden seien durch den Aufstieg rechtspopulistischer Parteien erschüttert. Kurz: Die Demokratie ist in Gefahr. Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Christian Welzel aber widerspricht der Dekonsolidierungsthese: „Der aktuelle Abschwung ist Teil des politischen Lebenszyklus und historisch nichts Neues. Entscheidend ist die langfristige Betrachtung. Und hier sehe ich in den Daten sogar eine Stärkung der Demokratie“, sagt der Professor für Politische Kulturforschung und Vize-Präsident der World Value Survey Association.

Christian Welzel analysierte basierend auf der Weltwertestudie öffentliche Meinungsdaten aus allen Teilen der Erde und glich diese mit globalen Regimetrends bis zum Jahr 1900 zurückgehend ab. Im Mittelpunkt der Analyse standen die Einstellungen zu emanzipatorischen Werten: Wie wichtig sind den Menschen beispielsweise Geschlechtergerechtigkeit, der Schutz der Meinungsfreiheit, Zugang zu politischen Ämtern oder Chancengleichheit? „Es ist irreführend, die Menschen direkt nach ihrer Demokratiezustimmung zu fragen, weil die Demokratieverständnisse zwischen den Kulturen zu unterschiedlich sind. 50 Prozent und mehr der Menschen in Kirgisistan oder Simbabwe sagen etwa, dass Gehorsam gegenüber den Regierenden ein ‚essentielles‘ Merkmal der Demokratie sei. In Äthiopien und im Iran erreicht eine gerechte Verteilung des Einkommens die gleiche Prozentzahl“, erklärt Welzel.

Seine Auswertung der emanzipatorischen Werte zeigt keinen allgemeinen Rückgang der Unterstützung für die Demokratie weltweit – im Gegenteil: „Die Korrelation zwischen den emanzipatorischen Werten der Menschen und dem Zustand der Demokratie ist frappierend. Während dieser Wandel in den westlichen Gesellschaften bisher am weitesten fortgeschritten ist, scheint der Trend globaler Natur zu sein und alle Regionen der Welt in unterschiedlichem Tempo zu erfassen“, sagt Christian Welzel. Grund sei unter anderem zunehmender Wohlstand: „Sobald die basalen Bedürfnisse gesichert sind, gewinnen emanzipatorische Werte an Bedeutung“, erklärt der Politikwissenschaftler. Selbst Diktaturen mit gedeihender Wirtschaft wie in den 70er Jahren Francos Spanien etwa seien dafür kein Gegenargument: „Gerade, weil die Wirtschaft damals wuchs, konnte sich die Diktatur nicht halten.“ Dennoch können politische Maßnahmen Demokratisierungsprozesse behindern wie beispielsweise die chinesische Silk-Road-Initiative: „Nationale Missionen erzeugen Konformitätsdruck: Da ist der Westen; wir sind anders. Emanzipatorische Werte passen nicht zu dieser Einstellung“, erklärt Christian Welzel.

Neben Wohlstand nennt der Politologe die zunehmende Bildung als starken Treiber der Demokratie: „Überall auf der Welt erfahren die Menschen mehr Schulbildung. Wir erleben eine kognitive Mobilisierung, die zum Moment der Aufklärung führt. Für Diktatoren wird es dann schwierig“, erklärt der Forscher. Insgesamt nähmen die emanzipatorischen Werte von Generation zu Generation zu, weil sie von den jungen Menschen weitergegeben werden: „Beim Brexit oder der Trump-Wahl stimmten noch insbesondere die älteren Bevölkerungsteile zu“, erklärt Welzel.

Trotz der jüngsten Schlagzeilen in Myanmar, Hongkong, Belarus und anderswo spiegele der weltweite Trend, den Erfolg der Modernisierung wider: „Langfristig stehen die Chancen zugunsten der Demokratie und gegen die Autokratie“, sagt Christian Welzel.

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