Countdown: Die Bildung der Bildung
So viel ist klar: In Schulen und anderen Bildungseinrichtungen gärt es. So wie es in der Gesellschaft überhaupt gärt. Man fragt sich nach jeder Wahlprognose verschärft, kommt mehr Essig oder Wein raus? Wie vergoren ist das Land?*
Wir setzen auf den Wein (na ja, auch auf guten Essig).
Wir fangen Neues an und sind keineswegs Anfänger. Viele kommen aus dem Archiv der Zukunft, andere von Schule im Aufbruch oder sie machen künftig bei derSchmetterlingsakademie (Wutöschingen) mit.
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„Be part“, Wände einreißen und ein Schüler, der es verstanden hat
COUNTDOWN: DIE BILDUNG DER BILDUNG 2
Wenn Eruptionen in Bildungslandschaften gemessen würden, wie Beben und Erdstöße, dann hätten meine Membranen in der zweiten Juliwoche starke Ausschläge registriert - und ein Nachbeben.
1800 Kinder und Jugendliche sowie Lehrerinnen und Lehrer der Stadtteilschule Alter Teichweg sind am vorletzten Tag vor den Ferien zur „Finish Show“ ins Musical Theater am Hamburger Hafen gekommen, wo sonst vor 2000 Zuschauern Harry Potter gespielt wird.
In Niedersachen waren da schon Ferien. In Hanstedt in der Nordheide werden an diesem Tag Wände bisheriger Klassenräume eingerissen. Tischler arbeiten ein Stock tiefer an Arbeitsplätzen fürs Lernbüro.
Und Hasem, ein Kind von der Elbinsel Finkenwerder, hat bei mir ein Nachbeben ausgelöst, schon seit Wochen. Er bringt die Sache auf den Punkt.
©Reinhard Kahl
Die drei Schulen werden im Atelier auf der Utopie-Konferenz dabei sein.
Erste Station: Der Alte Teichweg:
Als Björn Lengwenus dort vor elf Jahren Schulleiter wurde, war eine seiner ersten Handlungen ein Wochenende mit den Klassensprechern. Das wurde zu seiner Initiation. Man muss wissen, die Grund- und Stadtteilschule liegt im Hamburger Stadtteil Dulsberg, einer mit dem niedrigsten „Sozialindex“ der Hansestadt. Dort waren freie Bauplätze für einen Olympia Stützpunkt. So wurde der ATw, weil die benachbarte Schule, zur „Eliteschule des Sports“ erweitert, die einzige in Hamburg und Schleswig-Holstein. Diejenigen, die dort Tennis oder Golf trainieren, kommen aus ganz anderen Wohnvierteln. Nicht so die Fußballer. Damit hat diese Schule vermutlich die größte Spreizung in der „Schülerpopulation“ in Deutschland. Sportler fahren zu internationalen Wettkämpfen oder spielen in der U-17 Fußball. Andere aus dieser Schule sind aus ihrem Stadtteil noch nie rausgekommen und glauben häufig, das werde auch immer so bleiben.
Als Björn Lengwenus bei seinem ersten Wochenend-Workshop die Schüler fragte, „wofür steht die Schule“, hörte er: „Für Sportler und Asoziale“. Das liess ihn nicht schlafen. Und das gärt immer noch. Und es ist eine von inzwischen vielen Gärungen, aus denen Wein wird oder guter Essig gemacht wird. Wie geht das? Wie versauert man nicht?
Zum Abschluss dieses Workshops verabschiedete er die SchülerInnen mit dem an jenem Wochenende erfundenen Spruch: Be part. Gehöre dazu. Ihr alle seid Teile vom Ganzen. Und auch das bedeutet nach nun 11 Jahren dieser Spruch: Wir tun was wir können, um gut zusammen zu leben und dass unsere Schule ein guter Ort wird. Man will doch nur Teil eines guten Ganzen sein. Da gibt es noch viel zu tun: Aber „BE PART“, der Spruch wird seitdem Wirklichkeit. Schritt für Schritt. Das geht nur, weil Leute wie Björn einen weiten Horizont im Blick haben. Zukunft, Gegenwart und Herkunft, also dass die Kinder oder ihre Eltern aus 130 Ländern gekommen sind. Was für eine „Eine-Welt-Schule“. Keine schäbige „Brennpunktschule“. Vielmehr, oh, jeder ein Brennpunkt wie eine Primzahl. Alle eigen. Und dann die Frage: Mit was für einer „Mathematik“ wird das Zusammenspiel möglich? Jedenfalls nicht mit Buchhalterrechnen. Wie wärs mit Spieltheorie?
©Reinhard Kahl
Das Produkt einer „Gärung“ ist wie seit Jahren der vorletzte Tag vor den Sommerferien, der gefeiert wird. Alle in einem großen Saal. Zunächst war es das Cinemax Kino. Dann reichte dort der Platz nicht mehr und das Theater am Großmarkt sprang ein. Und da sind sie nun alle. 1800 Kinder und Jugendliche und ihre LehrerInnen. Man muss in die Gesichter schauen. Axel, der Kameramann ist begeistert.
Ein zierliches Mädchen aus der Grundschule verzaubert am Klavier den Saal. Das wird keiner vergessen. Und ein Weltmeister im Zaubern, der derzeit im ausverkauften Hansa-Theater auftritt, und jeden Monat zur „Eliteschule des Zauberns“ in die Schule kommt, bittet Kinder in eine Box, in der sie auf nicht nachvollziehbare Weise verschwinden und zum Schluss wieder auftauchen. Seine Zauberlehrlinge lassen die Manuskriptseiten des Schulleiters wegflattern. Wie geht das? Ist fast wie bei Harry Potter, der abends läuft. Und viele, viele Kinder und Jugendliche werden an diesem Vormittag mit dem Be-part-Band ausgezeichnet. Ein Ehemaliger, der es als Rapper weit gebracht hat, singt und eine aus Kindern, Jugendlichen und Lehrern gemischte Band spielt auf. Und so weiter und so weiter.
Nicht zu unterschätzen, was es bedeutet, dass sie alle sind von diesem Theater eingeladen sind. Den Theaterleuten gefällt diese Schule. Auch so eine Erfahrung bildet. Eingeladen zu werden nun schon seit vier Jahren. Kontinuität, schon wieder so ein Bildungsfaktor, der nicht im Stoffplan steht. Man ist erstaunt wieviele Menschen hinter der Bühne, in den Gängen, hinter Mischpulten und Tresen pro Bono für diese Schule arbeiten, weil - wie soll man es sagen - diese Schule ein so liebenswertes Individuum ist, geworden ist. An diesem Tag bekommt sie versprochen, wenn das Theater für ein neues Musical umgebaut sein wird, „dann könnt ihr immer wiederkommen“. Und auch das: Getränke und Popcorn werden für einen Euro verkauft. „Die meisten unserer Kinder,“ so Lengwenus, kämen nie hierher. Man könnte das Ganze eine Erfahrung von Großzügigkeit nennen.
Und weil dieses, wie eigentlich alles, was einmal gut geworden ist, seine Geschichte nicht nur hat, sondern eine Geschichte ist, eine die weitergeht, müsste man jetzt noch viel erzählen. Mehr Ende August in Lüneburg und demnächst auch hier in weiteren Countdown Lettern. Etwa was Kultur bedeutet! Und welche Rolle die „Kulturagenten“ am Alten Teichweg spielen. Ohne diese Dritten ginge es nicht. Was sind eigentlich Dritte in der Schule? Und was könnte jenes „Dritte“ sein, was in der kruden Entweder-oder-Welt von Richtig oder Falsch seit jeher das „ausgeschlossene Dritte“ ist - nicht nur an Schulen?
Oho, das sind aber Fragen… Wir wollen sie zumindest stellen und bei der Utopie-Konferenz besprechen. Und irgendwann gibt es auch einen Film darüber. Einen neuen. Es gibt schon Superfilme aus dieser Schule.
Bitte diesen Film nicht verpassen, der kürzlich einen Preis gewonnen hat:
Eine Schildkröte wird Schulleiterin und was passiert dann?
Und weil die Schüler in Filmworkshops am liebsten Gangsterfilme drehen, haben auch die Lehrer einen gemacht.
Und wer über und von Björn Lengwenus mehr erfahren will, kann ihn hier sehen und hören.
Zweite Station: Die Integrierte Gesamtschule Hanstedt
Wir fahren vom Hamburger Hafen, wo in der ehemaligen Großmarkthalle Musicals aufgeführt werden, und sich an diesem Tag eine Schule feiert, eine Stunde südwestlich Richtung Nordheide, nach Hanstedt. Damit die Schule „pädagogisch“ erneuert werden kann, wird sie in den Ferien umgebaut. Und weil ich für den Vormittag bereits Axel, den Kameramann und Thomas, der den Ton macht, engagiert habe, bietet es sich an, auch dort zu filmen. Die Schule gehört zu den inzwischen zahlreichen, die von den Ideen und vor allem nach der Anschauung in der Alemannenschule in Wutöschingen infiziert sind.
Das wird im Atelier „Die Bildung der Bildung“ gleich zu Anfang ein Thema sein. Stefan Ruppaner aus Wutöschingen ist dabei und auch Olaf-Axel Burow (Uni Kassel). Beide haben ein Buch über die „Schmetterlings-Pädagogik“ geschrieben (Beltz Verlag, erscheint im September). - Schmetterlings-Pädagogik dieses Yin und Yang der Pädagogik aus selbstorganisierten Lernen und aus Lernen aus Erlebnissen und Erfahrung.
Es ist erstaunlich wie sich in einer gewissermaßen bodennahen Ansteckung der Lernvirus verbreitet. Was ist dieses Bodennahe? Anders als mehr oder weniger von oben, über Ideen in Vorträgen, Büchern oder auch Filmen - von oben, hat ja auch seinen Sinn. Mein jüngst fertig gewordener Film „Peter Fratton - der Lernvirus vom Bodensee“ (90 Minuten) in dem auch die Alemannenschule eine Hauptrolle spielt, wird auf der Utopie-Konferenz in der Spätvorstellung am Mittwoch und Donnerstag gezeigt. Das ist die vertikale Perspektive, eher von oben.
Die bodennahe Infektion springt horizontal. Es geht von Schule zu Schule. Jede macht es etwas anders, auf ihre Weise. Das Horizontal ist voller Mutationen. Sie sind der Weg einer jeden Entwicklung, des Wandels, jenseits der (autoritären) Verführung etwas zu kopieren. Das wird auf der Konferenz auch eine Thema von Antje Pochte sein, Schulleiterin der freien Schule in Salzwedel.Der Eigensinn dieser Schule hat sich in vielen Reisen zu anderen Schulen gestärkt, tatsächlich „gebildet“. Dabei auch Antje Schierhorn und Claudia Schwegmann, die SoulTeachers, Lehrerinnen, die jetzt Hebammen in der Entwicklung all der Schulindividuen sind.
Zurück nach Hanstedt, wo Wände fallen und - auch das vielleicht erstaunlich - oder doch schon selbstverständlich ? - der Landkreis Harburg diesen Umbau großzügig unterstützt. Wieder Großzügigkeit!
„Wir holen das Lernen in die Schule zurück“ sagt Swantje Herrmann, eine der Drei von der Schulleitung, die uns bei Bohrer- und Presslufthammerlärm durch das Haus führen. Auch für sie gilt, dass Leidenschaft häufig von Leiden kommt. Andreas Berton, der Schulleiter, erzählt von seinem Sohn. „Was ich in der Schule eigentlich nur lerne“, zitiert er ihn, „ist das alles irgendwie zu ertragen.“ Erziehung zur Passivität? Und auch nolens volens zum Egoismus? Der berühmte heimliche Lehrplan: hauptsächlich man selbst kommt durch.
Ihren Weg zu Eigenständigkeit und Zusammenarbeit nennen sie „Hanstedter Modell“. Die niedersächsische Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne), bekennender Fan der Alemannenschule, und zum Abschlussforum unseres Ateliers eingeladen, nennt diese einstürzenden Altbauten und das, was nun errichtet wird: „Schule der Zukunft“. Es keimen neue Bündnisse. Ist auch ein Wandel in der Atmosphäre in Gang? Verdunstet etwas von der Angst vor Veränderungen?
In vielen Schulen werden Raum und Zeit neu gedacht. Räume, in denen sich Schülerinnen und Schüler frei bewegen um ihren Patz und ihr Ding zu finden. Und sich ihre Zeit auch selbst einteilen und das mit ihren Lernbegleitern besprechen. Es gibt viel mehr Gespräche. Das sind starke Anfänge. Wie geht es weiter? Und wie geht man mit Sackgassen und Misserfolgen um, die es auch gibt? Auch und gerade das soll in Lüneburg besprochen werden. Also kein reformpädagogischer Feldgottesdienst in dem man sich immerzu einig ist!
Dritte Station, die eigentlich die erste war, die Hamburger Stadtteilschule Finkenwerder.
Thorben Gust, der Schulleiter hatte mich zu einem Vortrag mit Filmausschnitten über Wutöschingen eingeladen. Es schloss sich ein zweiter Besuch an. Dort hörte ich tolle Sachen. LehrerInnen hatte eine andere Stadtteilschule, die in Wilhelmsburg besucht, die sich ihrerseits Ideen aus dem Schwarzwald (Wutöschingen) anverwandelt hatte. Das hat die Pädagogen aus Finkenwerder angefixt. Sowas wollten sie auch. Und so blieben mehrere von ihnen zwei Wochen in den letzten Sommerferien in der Schule und haben ausgeräumt und gestrichen und neu eingerichtet. Dazu sagte die Lehrerin Meike Naruhn: „Wir haben in diesen zwei Wochen aus Scheiße Gold gemacht.“ Uff.
Ich hospitiere bei den Schülern, also den LernpartnerInnen. Stimmt das, frage ich sie? Hat sich hier was verändert? Was hat es mit der „Graduierung der Lernpartner, also der SchülerInnen auf sich, wodurch sie schrittweise Freiheit gewinnen?Wie ist das mit Bewegungsspielräumen in der Schule und auch draußen bis hin zum Lernen zu Hause? Was bei Peter Fratton die drei Graduierungsstufen Beginner, Advancer und Master of Learning sind, heißt hier nun Hafen, Elbe, Meer und Ocean. Der Hafen, das sind die umgebauten Klassenräume, dort alles unter Lehreraufsicht. Elbe sind der Flur mit neu eingerichteten Arbeitsplätzen und Räumen, um sich zu treffen, auch zum Rumfletzen auf Sesseln oder dem Teppichboden, was in Wutöschingen der Marktplatz ist. Und raus aufs Meer heißt, man kann sich überall auf dem Schulgelände aufhalten. Auf den Ocean darf man erst ab der 9. Klasse und das bedeutet an seinen Sachen auch außerhalb der Schule, etwa in einer Bibliothek, vielleicht auch im Wald oder zu Hause arbeiten zu dürfen.
Wie das geht erklärt uns am besten Hasem:
©Reinhard Kahl
Nach all dem, was in diesem Text nicht nur gut klingt, sondern auch gut ist, möchte man die Erich Kästner Frage umdrehen. Er wurde nach dem Äußern seiner Kritik gefragt: „Und wo bleibt denn das Positive?“ Wir werden die Frage im Atelier umkehren: Wo bleibt das Negative? Denn das könnte eine Gefahr sein, überbelichtete Bilder des Gelingens, nachdem wir so lange so sehr nach dem Gelingen in all dem Schlamassel gelechzt haben.
Es geht also weiter, zunächst mit dem Countdown und dann vom 26. bis 28. August an der Leuphana in Lüneburg.
Zeit haben und Großzügigkeit
COUNTDOWN: DIE BILDUNG DER BILDUNG 1
In der vor zwei Jahren auf der Utopie-Konferenz erstmals vorgestellten Alemannenschule in Wutöschingen, nahe der Schweizer Grenze im Schwarzwald - die Gesamtgemeinde aus fünf Ortschaften hat 6726 Einwohner - gibt es inzwischen 60 Lernhelfer. Leute aus den Dörfern. Ingenieur, Hausfrau, Bäuerin und Bauer, mehrere aus dem Altenheim und neuerdings auch der nun pensionierte Schulleiter Stefan Ruppaner. Für diese gilt, was auch sonst das Wasserzeichen dieser Schule ist, sie haben Zeit. Auch die hauptamtlichen LernbegleiterInnen (früher Lehrer) unterrichten nur noch die Hälfte des Deputats, sind aber 35 Zeitstunden die Woche da. Sie alle haben Zeit. Sind ansprechbar. Wie großzügig. Zeit vor allem für Gespräche. Lernhelfer haben noch einen Vorteil gegenüber den Lehrpersonen. Sie sind Botschafter aus der tätigen Welt. Damit könnte man in jeder Schule morgen anfangen. Anderes braucht etwas mehr Zeit. Und man muss auch die Räume umbauen.
Und natürlich ist diese Großzügigkeit nicht irgendwie selbstlos. Sie bereichert alle. Man muss nur mit diesem Pingpong von Großzügigkeit und Resonanz anfangen und sich nicht geizig zurück halten.
Der Kahl hat gut reden, denkt Ihr/ denken Sie jetzt vielleicht. Bei uns geht so was nicht. Einen Moment bitte. Gucken wir genauer hin - und befragen wir in acht Wochen Stefan Ruppaner.
Egomanie wird in Schulen zwar nicht gelehrt, aber gelebt. Was heißt es denn eigentlich, wenn die Lehrpersonen alle (fast alle) keine Zeit haben? Und sich viele SchülerInnen langweilen. Und es ihnen allen (fast allen) reicht irgendwie durchzukommen? Und ist Durchkommen nicht überhaupt das Mantra unserer Gesellschaft?
Vor allem seit die Zukunfts-Fatamorgana der kapitalistischen Industriegesellschaft, das endlose Wachstum, wegschrumpft? Was dann gärt erzählen uns die Wahlforscher. Wenn aber, siehe oben, in diesem Dorf im Schwarzwald die Schule zum guten Ort wird und sogar weltberühmt, Hospitanten kommen sogar aus China und wenn die Besucherliste bei der tausendsten Bewerbung erst mal geschlossen wurde und wenn Leute von weit her in diesen Südschwarzwaldflecken wegen der Schule umziehen und sich der Bürgermeister freut weil Bauplätze verkauft werden und wenn die einstige Hauptschule, die geschlossen werden sollte, nun eine Gemeinschaftsschule geworden ist, die auch das Abitur abnimmt und dabei besser abschneidet als der Landesdurchschnitt in Baden-Württemberg (mit all den ehrwürdigen Gymnasien) und wenn ein großer Teil der dortigen Abiturienten nie eine Gymnasialempfehlung hatte, und wenn diese Kette weiter und weiter wirkt - dann hat das etwas mit einer ursprünglichen Großzügigkeit zu tun, die einen Anfang gemacht hat… Nämlich mit dem Zeitgeiz aufzuhören. („Ich brauche diese Stunden unbedingt für mein Fach Biologie, für Geschichte… sonst komme ich nicht durch….“)
Wenn man ein Pensum erfüllen muss, und das entscheidende Wort ist „muss“, dann reicht die Zeit nie. Dann müssten Menschen eigentlich ein erstes Leben in Schulen verbringen, um dann nach einer Seelenwanderung zum Handeln, zur Praxis, zur Tätigkeit zu kommen. Wahrscheinlich erst nach einem dritten Leben in der Lehrplanschule um all den Stoff durchzubekommen, zu prüfen und zu wiederholen… Oder? Es reicht halt nie und so wird auch niemand froh. Da hilft auch kein noch so schönes Reförmchen.
Wir wollen in unserem Atelier „Die Bildung der Bildung“ Elemente einer veränderten DNA des Zusammenlebens, Zusammenlernens und Zusammenarbeitens sezieren. Also Haltungen. Und möglichst ganz genau die jeweils einzigartigen Geschichten erzählen / hören. Um Muster zu erkennen.
Wer hätte denn gedacht, dass so etwas ausgerechnet aus Wutöschingen kommt? Wie es dort geht, wollen wir all denjenigen sagen, die so viele Gründe haben, dass bei ihnen so was nicht geht. Aber die kommen ja nicht zur Utopie-Konferenz. Also müssen wir es heraus pusten. Und das heißt gleichermaßen die Geschichten solcher „Empowerments“ (es gibt mehrere) zu erzählen und um dann deren Grammatik herausarbeiten. Denn einfach nachmachen kann man es nicht. Das wäre die Falle.
Also anfangen! Darf man Platon zitieren, ohne ein Platoniker zu sein? „Der Anfang ist auch ein Gott“, schrieb er, „wo er waltet rettet er alles.“ Genauso geht Weltrettung. Und jeder Anfang ist konkret. Am Anfang war die Tat.
Oder diese Art, wie es Seiltänzer machen. Ihre Schritte können gar nicht klein genug sein, wenn sie denn genau und behutsam gesetzt sind. Nichts von wegen sind nur kleine Schritte. Der Blick der Seiltänzer geht zum Horizont. Der ist eine Funktion des Gleichgewichtssinns. Wer stehen bleibt und auf seinem Standpunkt beharrend auf die Füße blickt, stürzt ab.
Ist das Seiltänzerische nicht genau die Utopie, die wir brauchen?
Horizontblick und Schritt für Schritt im aufrechten Gang.












