Countdown: Die Bildung der Bildung
DIE BILDUNG DER BILDUNG COUNTDOWN 1
noch 8 Wochen bis zur Utopie-Konferenz
Zeit haben und Großzügigkeit
In der vor zwei Jahren auf der Utopie-Konferenz erstmals vorgestellten Alemannenschule in Wutöschingen, nahe der Schweizer Grenze im Schwarzwald - die Gesamtgemeinde aus fünf Ortschaften hat 6726 Einwohner - gibt es inzwischen 60 Lernhelfer. Leute aus den Dörfern. Ingenieur, Hausfrau, Bäuerin und Bauer, mehrere aus dem Altenheim und neuerdings auch der nun pensionierte Schulleiter Stefan Ruppaner. Für diese gilt, was auch sonst das Wasserzeichen dieser Schule ist, sie haben Zeit. Auch die hauptamtlichen LernbegleiterInnen (früher Lehrer) unterrichten nur noch die Hälfte des Deputats, sind aber 35 Zeitstunden die Woche da. Sie alle haben Zeit. Sind ansprechbar. Wie großzügig. Zeit vor allem für Gespräche. Lernhelfer haben noch einen Vorteil gegenüber den Lehrpersonen. Sie sind Botschafter aus der tätigen Welt. Damit könnte man in jeder Schule morgen anfangen. Anderes braucht etwas mehr Zeit. Und man muss auch die Räume umbauen.
Und natürlich ist diese Großzügigkeit nicht irgendwie selbstlos. Sie bereichert alle. Man muss nur mit diesem Pingpong von Großzügigkeit und Resonanz anfangen und sich nicht geizig zurück halten.
Der Kahl hat gut reden, denkt Ihr/ denken Sie jetzt vielleicht. Bei uns geht so was nicht. Einen Moment bitte. Gucken wir genauer hin - und befragen wir in acht Wochen Stefan Ruppaner.
Egomanie wird in Schulen zwar nicht gelehrt, aber gelebt. Was heißt es denn eigentlich, wenn die Lehrpersonen alle (fast alle) keine Zeit haben? Und sich viele SchülerInnen langweilen. Und es ihnen allen (fast allen) reicht irgendwie durchzukommen? Und ist Durchkommen nicht überhaupt das Mantra unserer Gesellschaft?
Vor allem seit die Zukunfts-Fatamorgana der kapitalistischen Industriegesellschaft, das endlose Wachstum, wegschrumpft? Was dann gärt erzählen uns die Wahlforscher. Wenn aber, siehe oben, in diesem Dorf im Schwarzwald die Schule zum guten Ort wird und sogar weltberühmt, Hospitanten kommen sogar aus China und wenn die Besucherliste bei der tausendsten Bewerbung erst mal geschlossen wurde und wenn Leute von weit her in diesen Südschwarzwaldflecken wegen der Schule umziehen und sich der Bürgermeister freut weil Bauplätze verkauft werden und wenn die einstige Hauptschule, die geschlossen werden sollte, nun eine Gemeinschaftsschule geworden ist, die auch das Abitur abnimmt und dabei besser abschneidet als der Landesdurchschnitt in Baden-Württemberg (mit all den ehrwürdigen Gymnasien) und wenn ein großer Teil der dortigen Abiturienten nie eine Gymnasialempfehlung hatte, und wenn diese Kette weiter und weiter wirkt - dann hat das etwas mit einer ursprünglichen Großzügigkeit zu tun, die einen Anfang gemacht hat… Nämlich mit dem Zeitgeiz aufzuhören. („Ich brauche diese Stunden unbedingt für mein Fach Biologie, für Geschichte… sonst komme ich nicht durch….“)
Wenn man ein Pensum erfüllen muss, und das entscheidende Wort ist „muss“, dann reicht die Zeit nie. Dann müssten Menschen eigentlich ein erstes Leben in Schulen verbringen, um dann nach einer Seelenwanderung zum Handeln, zur Praxis, zur Tätigkeit zu kommen. Wahrscheinlich erst nach einem dritten Leben in der Lehrplanschule um all den Stoff durchzubekommen, zu prüfen und zu wiederholen… Oder? Es reicht halt nie und so wird auch niemand froh. Da hilft auch kein noch so schönes Reförmchen.
Wir wollen in unserem Atelier „Die Bildung der Bildung“ Elemente einer veränderten DNA des Zusammenlebens, Zusammenlernens und Zusammenarbeitens sezieren. Also Haltungen. Und möglichst ganz genau die jeweils einzigartigen Geschichten erzählen / hören. Um Muster zu erkennen.
Wer hätte denn gedacht, dass so etwas ausgerechnet aus Wutöschingen kommt? Wie es dort geht, wollen wir all denjenigen sagen, die so viele Gründe haben, dass bei ihnen so was nicht geht. Aber die kommen ja nicht zur Utopie-Konferenz. Also müssen wir es heraus pusten. Und das heißt gleichermaßen die Geschichten solcher „Empowerments“ (es gibt mehrere) zu erzählen und um dann deren Grammatik herausarbeiten. Denn einfach nachmachen kann man es nicht. Das wäre die Falle.
Also anfangen! Darf man Platon zitieren, ohne ein Platoniker zu sein? „Der Anfang ist auch ein Gott“, schrieb er, „wo er waltet rettet er alles.“ Genauso geht Weltrettung. Und jeder Anfang ist konkret. Am Anfang war die Tat.
Oder diese Art, wie es Seiltänzer machen. Ihre Schritte können gar nicht klein genug sein, wenn sie denn genau und behutsam gesetzt sind. Nichts von wegen sind nur kleine Schritte. Der Blick der Seiltänzer geht zum Horizont. Der ist eine Funktion des Gleichgewichtssinns. Wer stehen bleibt und auf seinem Standpunkt beharrend auf die Füße blickt, stürzt ab.
Ist das Seiltänzerische nicht genau die Utopie, die wir brauchen?
Horizontblick und Schritt für Schritt im aufrechten Gang.