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Promovieren: Dr. Christian Heise – Experiment Open Science

10.08.2026 Der ehemalige Präsident der Hamburg Media School wechselte als Chief Strategy and Technology Officer jetzt zur SPIEGEL Gruppe. Seine Doktorarbeit verfasste er an der Leuphana Universität Lüneburg zu einer provokanten Frage: Kann man eine Doktorarbeit live im Netz schreiben?

©Sebastian Isacu
„Wissenschaftler*innen sollten sich klar machen: Wo sie ihre Ergebnisse veröffentlichen, hat auch eine politische Dimension", sagt Dr. Christian Heise.

Vor rund zehn Jahren wagte Christian Heise ein Experiment, das nur wenige für möglich hielten: Er schrieb große Teile seiner Doktorarbeit öffentlich im Netz – von der Datenauswertung über die Literaturrecherche bis zum Schreiben samt dokumentierten Änderungen. Christian Heise wollte beweisen, dass Open Science nicht nur eine theoretische Idee ist. Damals kam der Politikwissenschaftler an die Leuphana und ihr Centre for Digital Cultures (CDC). Mit seiner radikalen Idee stieß er auf offene Ohren: „Ich traf auf eine Atmosphäre zwischen kritischem wissenschaftlichem Denken und großer Experimentierfreude“, erinnert sich der Alumnus. Seine Daten und Texte sind bis heute auf der Plattform offene-doktorarbeit.de nachzulesen. 

Für Christian Heise ist Open Science mehr als eine Methode, sondern Überzeugung: „Wir leben in einer Welt, in der Polarisierung zu einem Geschäftsmodell geworden ist.“ Offenheit könne helfen, Räume für kritisches Nachfragen und differenzierte Debatten zu schaffen: „Transparenz ist keine Einbahnstraße“, erläutert er.

Im Rahmen seiner Doktorarbeit fragte er deshalb rund 1.000 Wissenschaftler*innen, wie sie zu offener Forschungskommunikation stehen. Auch hier war das Ergebnis eindeutig: Das Interesse war groß, im Forschungsalltag wurde sie jedoch nur selten umgesetzt. 

Gleichzeitig griff das Projekt eine grundlegende Debatte aus dem Wissenschaftsbetrieb auf: Christian Heise kritisiert die dominante Rolle wissenschaftlicher Verlage und setzt sich dafür ein, Forschungsergebnisse möglichst offen zugänglich zu machen: „Wissenschaftler*innen sollten sich klar machen: Wo sie ihre Ergebnisse veröffentlichen, hat auch eine politische Dimension.“ 

Christian Heise arbeitete rund neun Jahre bei Google bevor er Präsident der Hamburg Media School wurde. Heute verantwortet er als Chief Strategy and Technology Officer bei der SPIEGEL Gruppe Strategie- und Technologiethemen. Zudem war Christian Heise als Sachverständiger bei Anhörungen des Bundestages geladen. 

Heute noch lehrt er an der Hamburg Media School für die Leuphana im Studiengang „Digital Media“. Die Leuphana beschreibt er als einen „außergewöhnlichen Ort“. Besonders das Centre for Digital Cultures habe ihm einen Raum geschaffen, indem er Wissenschaft und digitale Kultur zusammendenken konnte: „Es war ein Experimentierraum, den ich in dieser Form sonst nirgendwo gesehen habe.“

Möglicherweise ist die Grundidee seiner Dissertation aktueller denn je. Angesichts der rasanten Entwicklung künstlicher Intelligenz und digitaler Technologien brauchten klassische wissenschaftliche Veröffentlichung häufig zu lange, bis sie verfügbar seien. „Wie will man Künstliche Intelligenz erforschen, wenn der Publikationsprozess ein Jahr dauert?“, fragt Christian Heise. Gleichzeitig betont er, dass Offenheit nicht bedeute, wissenschaftliche Qualität aufzugeben, sondern Forschungsergebnisse schneller zugänglich zu machen. Christian Heises Experiment ist abgeschlossen, die Debatte um Open Science noch nicht.