Sami Khatib

Projekt: Ästhetik des Sinnlich-Übersinnlichen: Von der Kritik des Spektakels zur spekulativen Kritik

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An der Schnittstelle von Dekonstruktion, Ästhetik und Medientheorie fragt mein Forschungsprojekt nach den Konsequenzen der Marxschen Entdeckung des Topos des „Sinnlich-Übersinnlichen“: Gibt es ein Medium, in dem sich die nichtempirische Materialität gesellschaftlicher Beziehungen im Kapitalismus darstellen lässt? Medium meint hier nicht vermittelnder Zwischenraum, sondern eine je historisch spezifische Konstellation von Raum, Zeit, Sprache und Technik. Die Ästhetik des Sinnlich-Übersinnlichen verweist somit auf einen Bereich nichtempirischer Materialität, in dem warenförmige Verhältnisse in ihrer räumlichen, zeitlichen, sprachlichen und technischen Verfasstheit ins Bild treten. Der Modus der Bildwerdung ist vom (selbst)bewussten Erkenntnissubjekt entkoppelt und erschließt Forschungsgebiete, die unbewusste Strukturen in Sprache, Politik und Ökonomie in den Blick nehmen. Kritische Begriffe wie „Ware“, „Spektakel“ und „Phantasma“ lassen sich dergestalt als dezentrierte Bildproduktionen im Medium des Sinnlich-Übersinnlichen begreifen.

Sami Khatib war im WS 2017/18 und von Oktober 2018 bis September 2019 im Kolleg als Gastwissenschaftler tätig. 

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    Das Projekt untersucht künstlerische Videos und Filme seit 2008, die einerseits auf die voranschreitende Finanzialisierung der Ökonomie und andererseits auf gouvernementale Machttechnologien (M. Foucault) reagieren. Untersuchungsgegenstand sind dabei Videos und Filme, die auf hervorstechende Art und Weise die Frage nach der Darstellbarkeit des Kapitalismus, des Finanzkapitals, von Kapitalflüssen oder auch der globalen Ökonomie adressieren (etwa bei Melanie Gilligan, Allan Sekula, Hito Steyerl etc.). Sie treten auf jeweils unterschiedliche Art der Annahme entgegen, dass der Kapitalismus als umfassende gesellschaftliche Dynamik nicht in visuellen und filmischen Medien darstellbar sei, und entwickeln divergierende Strategien, mit denen diese Undarstellbarkeit kommentiert oder unterlaufen wird: 1. mittels figurierender Darstellungsweisen, 2. mittels struktureller Homologien, 3. durch symptomatische Lesarten historischer Lagerungen des Kapitalismus. Im zweiten Schritt geht das Projekt von der Beobachtung aus, dass sich in den zu untersuchenden Videos formale Strukturen, Semiotiken oder Poetiken der Verflüssigung, der Liquidität, des Flows und der Gasförmigkeit nachzeichnen lassen, die aus Verschiebungen in den gouvernementalen Machtstrukturen resultieren. Ziel ist es, die Potenziale künstlerisch-kritischer Praktiken zu untersuchen, die danach trachten, nicht nur die kulturelle Logik jüngerer Verschiebungen in den ökonomischen Machtstrukturen zu registrieren, die unter Begriffen wie Spätkapitalismus, surveillance- oder capture-capitalism diskutiert werden, sondern sie auch erfahr- und damit überhaupt erst prägnant kritisierbar zu machen.

    Die unentrinnbare Verflechtung von kulturellen Produkten und finanziellem Wissen mündet hier gerade nicht in die These vom „Elend“ oder der „Kooptierbarkeit“ von Kritik. Ganz im Gegenteil lassen sich an den künstlerischen Arbeiten unterschiedliche Wege, Formen, Formate der Kritik beschreiben, die gerade aus dem Problem der Verflechtung jeder kritischen Subjektivität mit den Prozessen der Macht heraus auf eine Machtanalyse zielen, die im Sinne von Foucault auf die Nicht-Notwendigkeit und Nicht-Akzeptabilität spezifischer Konfigurationen von Wissen und Macht bzw. von „Wahrheitsregimen“ (M. Foucault) abhebt.

    Liza Mattutat

      Transforming Care – Transformative Care. Zur politischen Theorie der Sorgearbeit

      Die Erfahrung der Pandemie hat die Frage nach der Stellung der Sorgearbeit in der Gesellschaft mit einer neuen Dringlichkeit versehen. Allerorts wird die Entlastung, Anerkennung und bessere Entlohnung von Sorgearbeitenden gefordert. Diese Forderungen aufgreifend, entwickeln feministische Theoretiker:innen zurzeit einen Begriff von Sorge als eine Kraft, die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaften grundlegend transformieren kann. Ihren Thesen zufolge weisen Sorgebeziehungen über die Verwertungslogik hinaus, da sie das Leben unmittelbar selbst (re‑)produzieren (z. B. von Redecker). Davon ausgehend ließen sich neue Konzepte politischer Teilhabe konzipieren (z. B. Lorey), und Sorgebeziehungen könnten bereits für sich genommen als Quelle des alltäglichen Widerstands gegen Patriarchat, Rassismus, Behindertenfeindlichkeit und Ausbeutung gelten (z. B. Garbes).

      Das Projekt Transforming Care – Transformative Care will dieses transformative Potenzial der Sorge genauer bestimmen: Worin besteht es? Ist es sorgenden Praktiken als solchen inhärent oder liegt es in spezifischen Weisen der Organisation von Lohn- und Sorgearbeit begründet? Welche alternativen – d. h. nicht-marktförmigen und nicht-familiären Weisen – der Organisation von Sorge gibt es und welche Wirkungen haben sie auf die Beteiligten?

      Diesen Fragen geht das Projekt durch eine Verzahnung von philosophischer Begriffsarbeit, politischer Ökonomie und sozialwissenschaftlicher Empirie nach: Philosophisch rekonstruiert es die Ideengeschichte eines politischen Konzepts von Sorge. Wie wurde der Zusammenhang von Politik und Sorge in der Philosophiegeschichte gefasst? Welcher Begriff von Sorge muss einem transformativen Ansatz zugrunde gelegt werden? Politisch-ökonomisch folgt das Projekt der Perspektive der feministischen Ökonomie, der zufolge die historischen Veränderungen der Organisation von Lohn- und Sorgearbeit maßgeblich durch die Erfordernisse der kapitalistischen Produktionsverhältnisse bestimmt sind. Politische Maßnahmen, die Sorgetätigkeiten wie Kindererziehung und Altenpflege defamilisieren, können demnach ebenso funktional für den Kapitalismus sein wie familisierende Maßnahmen. Ob es Alternativen gibt, die sich dieser Funktionalität entziehen, untersucht das Projekt mithilfe von ethnographischen Interviews in Gegeninstitutionen, in denen Sorgearbeit weder als Familienarbeit noch als Dienstleistung organisiert ist, sondern von kollektiven Strukturen getragen wird.

      • Heiko Stubenrauch

          Kontakt: heiko.stubenrauch@leuphana.de

          Obwohl sie nicht viel verbindet, so verbindet sie doch ihre Kantlektüre. Theodor W. Adorno und Gilles Deleuze behaupten, dass dieser in seiner Kopernikanischen Wende ein Subjekt entwerfe, welches der beruhigenden Selbstgleichheit willen die Fähigkeit zur verändernden Erfahrung der Welt einbüße. Die kritische Philosophie Kants sichere diesen Zusammenhang zwischen identischem Subjekt und unveränderbarem Gegenstand bloß ab, so dass sie die emanzipatorischen Ziele der Aufklärung nicht einzulösen im Stande sei, vielmehr in Konformismus münden müsse. Durch Kants Kopernikanische Wende seien die modernen Kritikbemühungen in eine falsche Richtung geleitet worden; eine Richtung, der sich einzig durch eine Kurskorrektur im Rückgriff auf Kant entgegenzustemmen sei: durch eine Zweite Kopernikanische Wende in der Kritik.
          Dass es einer solchen Zweiten Kopernikanische Wende in der Kritik bedarf, darin sind sich Adorno und Deleuze noch einig, wie eine solche Wende genau auszusehen habe, darin weisen die Vorstellungen der beiden Philosophen jedoch stark auseinander und stellen in diesem Auseinanderweisen meiner Promotion ihre Aufgabe. Es gilt, das weite und unübersichtliche Feld dieser so verschiedenen, jedoch gleichermaßen die Identität des kantischen Transzendentalsubjekts hinter sich lassenden Kritikbegriffe zu vermessen, die Scheidewege zwischen dem negativen Kritikbegriff Adornos einerseits und dem affirmativen Kritikbegriff Deleuzes andererseits zu markieren und ihre Unterschiede als Fragestellungen zwischen einer Negativität des Leidens und einer Positivität des Begehrens, zwischen einer Dialektisierung der Urteilstheorie und einer Abwendung vom Urteilen, zwischen einer Epistemologie des Nichtidentischen und einer Ontologie des Lebens, zwischen einer Forderung nach Transzendenz und einer Affirmation der Immanenz aufzuwerfen.

          • Dr. Mimmi Woisnitza

              assoziierte Postdoktorandin

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              Das Projekt schlägt einen Perspektivwechsel vom Regietheater, das sich auf von einem einzigen (um 1900 fast ausschließlich männlichen) Regisseur autorisierten Theaterproduktionen bezieht, hin zur Herausbildung inszenatorischer Theaterarbeit als künstlerische Praxis vor. Ein solcher Perspektivwechsel erlaubt es einerseits, neben dem etablierten und institutionalisierten Theater auch kollektive und kollaborative Theaterformen zu berücksichtigen, die sowohl politisch als auch künstlerisch autoritäre Machtstrukturen zu unterwandern versuchten. Andererseits betont das Konzept der "Inszenierung" als "in-Szene-setzen" die soziale Situiertheit sowohl etablierter als auch marginalisierter Theaterformen, indem es verschiedene, eng miteinander verbundene Register, wie die sozialen und politischen Produktions- und Aufführungsbedingungen, die Struktur und Verteilung der künstlerischen Arbeit sowie die Mittel der szenischen Darstellung, in Betracht zieht. Darüber hinaus werden auch die Intentionen und programmatischen Anliegen der Theatermacher berücksichtig, außertheatrale Gegebenheiten szenisch zu rahmen und dadurch greifbar und sichtbar zu machen. Diese Frage betrifft weit über den Aspekt des Werkbezugs oder gar der Werktreue hinausgehend den Kritikanspruch theatraler Formen. Als eine Kritikalität der Praxis, die je nachdem programmatisch oder auch immanent sein kann, wird Kritik dabei nicht rein negativ, d.h. als urteilende Analyse, verstanden. Vielmehr entspricht das für die inszenatorischen Praktiken der Theater-Avantgarde charakteristische Entwerfen und Erproben alternativer Formen des Zusammenlebens sowie der künstlerischen Arbeitsweisen und Darstellungsverfahren einem affirmativen und auf Kreativität ausgerichteten, performativen Kritikbegriff.

              Als Praktiken schöpferisch affirmativer Kritik verstanden, kommen in den Theaterformen der historischen Avantgarde (1905-1927) Lebenskonzepte zum Einsatz als Gegenentwurf im Zeichen von Industrialisierung und Kapitalismus, Kriegsauswirkungen und zunehmender Nationalisierung eine zentrale Bedeutung zukommt. Der für die Avantgarden zentrale Topos der Verschleifung von Leben und Kunst betrifft die Medienspezifiität des Theaters als transitorisch-lebendige Kunst und geht damit über die oft behaupteten Bezüge zum Existenzialismus (Kierkegard, Nietzsche), zur Phänomenologie (Husserl) oder zu anderen lebensphilosophischen Strömungen (Bergson, Simmel, Plessner) hinaus. Die programmatische Forderung nach einer neuen Beziehung zwischen Leben und Kunst ist daher von ganz eigener Bedeutung für Praktiken der "Inszenierung", die Prozesse der kollektiven und kollaborativen Verlebendigung impliziert. Das Projekt nimmt drei exemplarische Fälle (Max Reinhardt, Asja Lacis, Erwin Piscator) in den Blick, um dieses Verhältnis anhand von drei miteinander in Wechselwirkung stehenden Schwerpunkten (Humanismus, (Für)Sorge, Technik) zu untersuchen.