Forschungsprojekt

Eigentum, Investition und Wertschöpfung in der Pferdewelt

Dieses am Institut für Politikwissenschaft angesiedelte Forschungsprojekt widmet sich aktuellen Fragen der Politischen Ökonomie und Wirtschaftssoziologie aus einer neuen Perspektive. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass sich zentrale Themen wie Eigentum, Investitionen und Wertschöpfung in der Pferdewelt in besonders verdichteter Form beobachten lassen. Im Austausch mit zentralen Stakeholdern aus Sport, Zucht und angrenzenden Bereichen soll ein vertieftes Verständnis der Funktionsweisen der Pferdewelt gewonnen und neue Einblicke in diese Zusammenhänge ermöglicht werden. Ziel ist es, auf dieser Grundlage zu einer mikrofundierten Analyse gegenwärtiger wirtschaftlicher Transformationen beizutragen.

Pegasus als geflügeltes Wunderpferd der griechischen Mythologie
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Reiterdenkmal von Viktor Emanuel II., dem ehemaligen König von Italien
©Photo by Niccolò Chiamori on Unsplash
Silbernes mechanisches Pferd "Zeus" bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2024 in Paris
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Worum geht es in dem Forschungsprojekt?

Seit seiner Domestizierung vor etwa 5 500 Jahren spielte das Pferd eine äußerst wichtige Rolle in Prozessen territorialer Expansion, militärischer Eroberung, landwirtschaftlicher Transformation und wirtschaftlicher Entwicklung. Mit der Industrialisierung sowie den darauffolgenden Innovationen in Transport und Kommunikation wurde das Pferd schrittweise ersetzt und war spätestens Mitte des 20. Jahrhunderts weitgehend auf sportliche und freizeitbezogene Aktivitäten beschränkt. Damit schien es den außergewöhnlichen Stellenwert verloren zu haben, den es über weite Teile der Menschheitsgeschichte eingenommen hatte.

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In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war das Pferd immer noch ein unverzichtbarer Bestandteil des gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und militärischen Lebens. Hier zu sehen an der High Street in Richmond, Virginia, im Kontext des Amerikanischen Bürgerkriegs.
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Die gemeinsame Geschichte von Mensch und Pferd reicht jedoch viel weiter zurück, wie diese gemalten Darstellungen im Inneren des thrakischen Grabmals von Kazanlak (4. Jahrhundert v. Chr.) zeigen.

Dieses Forschungsprojekt stellt diese Sichtweise in Frage und argumentiert, dass das Pferd bis weit in die Gegenwart hinein eine breitere sozioökonomische Bedeutung bewahrt hat. Die Pferdewelt hat sich zu einem dynamischen Wirtschaftssektor entwickelt, der vollständig in die globale Wirtschaft integriert ist. Der geschätzte jährliche weltweite Umsatz beträgt rund 300 Milliarden US‑Dollar und umfasst etwa 60,5 Millionen Pferde, 335 Millionen Reiter*innen sowie 4,2 Millionen Arbeitsplätze (FEI, 2024).

Der Fokus des Projekts liegt auf den Welten des Reitsports, etwa im Springreiten und in der Dressur, sowie des Pferderennsports, die mehrere zentralen Merkmale teilen. Beide sind in institutionelle Rahmen eingebettet, die unter anderem durch Reiterliche Vereinigungen und Zuchtverbände organisiert sind. Zugleich werden sie von global agierenden Großunternehmen, bedeutenden technologischen Innovationen sowie umfangreichen finanziellen Investitionen geprägt. In dieser Hinsicht bieten sie ein besonders geeignetes Untersuchungsfeld, um zentrale Themen der globalen politischen Ökonomie und der Wirtschaftssoziologie zu analysieren.

Springpferd bei einem internationalen Turnier
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Pferd in einer Dressurprüfung
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Pferderennen beim Hong Kong Jockey Club
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Was lässt sich daraus lernen?

Aktuelle Forschung an der Schnittstelle von politischer Ökonomie und Wirtschaftssoziologie weist auf wichtige Veränderungen in der Organisation gegenwärtiger Ökonomien hin, insbesondere auf die wachsende Bedeutung von Vermögenswerten gegenüber Waren sowie von Kapitalinvestitionen gegenüber dem Marktaustausch. Bestehende Arbeiten haben die übergeordneten Triebkräfte dieser Entwicklungen ebenso wie die Mechanismen untersucht, durch die Vermögenswerte entstehen, und dabei auch deren Auswirkungen auf Prozesse der Vermögensbildung und sozialen Schichtung aufgezeigt. Aufbauend auf dieser Forschung entwickelt das Projekt eine mikrosoziologische Analyse gegenwärtiger wirtschaftlicher Transformationen, exemplarisch untersucht am Beispiel der Pferdewelt.

Einblicke in die Pferdewelt

  • Wie werden in der Pferdewelt Leidenschaft, Expertise und langfristiges Engagement mit wirtschaftlichen und investitionsbezogenen Überlegungen verbunden?
  • Wenn eine Investitionslogik besteht, welche Motive liegen ihr zugrunde? Welche Aspekte des Sports, des Tieres oder der Zuchtpraktiken beeinflussen Investitionsentscheidungen?
  • Wie wird der Wert eines Pferdes, einer Blutlinie oder eines Pferdesportunternehmens bestimmt, und welche Faktoren tragen langfristig zur Wertschöpfung bei?
  • Wie hat sich die Pferdewelt als Wirtschaftssektor in den letzten Jahren entwickelt, und inwiefern unterscheiden sich diese Entwicklungen zwischen Disziplinen und nationalen Kontexten?

Gegenwärtige wirtschaftliche Prozesse im Fokus

  • Wie werden ökonomische Dinge zu Waren oder Vermögenswerten?
  • Welche Rolle spielt Eigentum dabei?
  • Wie wird ökonomischer Wert definiert und geschätzt, und wie stehen Praktiken der Wertzuschreibung in Beziehung zu Investitionspraktiken?
  • In welchen breiteren wirtschaftlichen, sozialen und institutionellrechtlichen Ökosystemen entfalten sich diese Dynamiken?
  • Wie haben sie sich im Zeitverlauf verändert, und wie unterscheiden sie sich zwischen nationalen Kontexten?

Über mich

Ich bin Postdoktorandin im Bereich Politische Ökonomie am Institut für Politikwissenschaft der Leuphana Universität Lüneburg, wo ich derzeit dieses Forschungsprojekt zur Pferdewelt entwickle. Zuvor war ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bielefeld sowie an der Universität Wuppertal tätig. Mein akademischer Hintergrund liegt an der Schnittstelle von Globaler Politischer Ökonomie, Europaforschung und Public Policy‑Analyse. In meiner Doktorarbeit habe ich Prozesse institutionellen und politischen Wandels in der EU‑Fiskalpolitik untersucht. Meine Forschung wurde in internationalen Fachzeitschriften wie Journal of European Integration, JCMS: Journal of Common Market Studies und The Economists’ Voice veröffentlicht. Zudem bin ich als Gutachterin für vergleichbare wissenschaftliche Journals tätig. Erste Ideen zu diesem Forschungsprojekt habe ich auf internationalen Konferenzen vorgestellt, darunter die Max Planck Summer School for Women in Political Economy sowie der Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Neben meiner wissenschaftlichen Tätigkeit bin ich seit meiner frühen Kindheit in der Normandie in Frankreich begeisterte Pferdeliebhaberin und verbringe bis heute einen Großteil meiner Freizeit im Stall – ein persönliches Interesse, das dieses Forschungsprojekt teilweise inspiriert hat.

Kontakt

Dr. Aanor Roland
Universitätsallee 1, C4.016b
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-2454
aanor.roland@leuphana.de