©Leuphana/Tengo Tabatadze
„Die Frage, was in einer Gesellschaft als Lärm gilt, welche Geräusche ein- und ausgeschlossen werden, ist auch eine kulturelle und politische Frage", sagt Prof. Dr. Maren Haffke.

Frau Professorin Haffke, können wir den Klimawandel hören?

Maren Haffke: Ja, durch Sound Studies werden gerade Veränderungen offensichtlich, die uns im Alltag oft nicht auffallen. Dürre etwa kann man hören. In Kalifornien gab es Regionen, deren akustisches Profil stark vom Klang des Wassers geprägt war. Dieses Rauschen fehlt, wenn die Flüsse austrocknen. Auch den Biodiversitätsverlust können wir hören. Der amerikanische Klangforscher Bernie Krause hat seit den 70er Jahren regelmäßig die Geräusche von Wiesen aufgenommen: Die Jahre 1974, 2004 und 2024 klingen völlig anders. Durch Sonografien, also die grafische Darstellung der Laute, wird deutlich: Ganze Frequenzbereiche fehlen, vor allem in den hohen Bändern, wo unter anderem die Äußerungen von Insekten liegen. Das Sterben der Insekten, für das uns fotografische Darstellungen fehlen, wird über die akustische Aufzeichnung auch visuell erlebbar. Die Bilder sind erschreckend, erstaunlich und bewegend. 

Werden wir bestimmte Geräusche vermissen?

In den 70er Jahren erschien die Schallplatte „Songs of the Humpback Whale“, also Wal-Gesänge. Dieser Veröffentlichung sagt man nach, dass sie wesentlich zur Rettung der Wale beigetragen hat. Die Tiere wurden lange vor allem als Material behandelt: Speicher von Fett und Öl. Auf einmal entdeckten die Menschen die Meeresriesen als Sänger und damit als Subjekte. Durch diese Schallplatte wurde vielen klar: Es wäre schlimm, die Wale zu verlieren. Akustische Medien können starke Emotionen auslösen und Welten zugänglich machen, die uns nicht unmittelbar verfügbar sind. Ein Mikrophon hört anders als ein menschliches Ohr. 

Warum finden wir Naturgeräusche schöner als das Rauschen einer Autobahn?

Das tun wir nicht unbedingt: Die Musik des Futurismus etwa schätzte das Rauschen der Straße durchaus. Oder denken wir an die Musique concrète, die das Rattern der Eisenbahn und Maschinengeräusche von Flugzeugen ästhetisierte. Das Bekenntnis zum vermeintlich 'natürlichen' Klang schließt in der Unterscheidung von Stadt und Land unter anderem an die lange Tradition der Romantik an. Solche Kategorisierungen können etwas Normatives haben, sie werden auch kritisiert: als ästhetischer Moralismus. Die Frage, was in einer Gesellschaft als Lärm gilt, welche Geräusche ein- und ausgeschlossen werden, ist auch eine kulturelle und politische Frage.

Warum hören wir Menschen das Zwitschern der Vögel im Frühling gern?

Es ist ästhetische Erfahrung, die viele Menschen mit Glück verbinden. Die Kunst reflektiert Naturgeräusche seit Jahrhunderten. Kompositionen reichen von Haydn über Strawinsky bis zu Messiaen. Bestimmte Tierlaute in unserer direkten Umgebung erleben wir als Zeichen eines guten, funktionierenden Lebens. In den 60er Jahren erschien das Buch „Silent Spring“. Die Biologin Rachel Carson beschrieb darin die Folgen des DDT-Einsatzes; unter anderem einem Frühling ohne Vogelzwitschern: als Hinweis darauf, dass etwas in der Welt in bedrohlicher Weise aus den Angeln gegangen ist. Ihr Werk sorgte für radikales Umdenken beim Einsatz von Pestiziden. 

Stille kann also bedrohlich wirken. Was ist mit Lärm?

Empirisch ist der gesundheitliche Schaden durch Noise Pollution klar belegt. Lärm lässt uns schlechter schlafen und beeinträchtigt unsere Konzentration. Es gibt in der Forschung Überlegungen, Städte grundsätzlich anders zu planen, damit Menschen häufiger angenehmen Geräuschen ausgesetzt sind. Diese Planungen schließen an die gerade genannten kulturellen Aushandlungen an: was sind für uns ausgewogene Klangumgebungen? Was gehört dazu und was nicht? Für unser Wohlbefinden, aber auch unsere Sozialität spielen Klänge eine große Rolle: Durch Vogelgezwitscher oder Walgesänge erleben wir uns als Teil einer Welt, die über unser eigenes Dasein hinausgeht. Eine geteilte Welt, mit Widersprüchen und Reibungen.  

Vielen Dank für das Gespräch!

Maren Haffke studierte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn Musikwissenschaft, Medienwissenschaft und Psychologie. Ab 2012 war sie Promotions-Stipendiatin der Mercator Research Group „Räume anthropologischen Wissens“ an der Ruhr Universität Bochum (RUB). Ab 2017 war sie Postdoc im RUB-Graduiertenkolleg „Das Dokumentarische – Exzess und Entzug“. 2019 erschien ihre Dissertation unter dem Titel Archäologie der Tastatur – Musikalische Medien nach Friedrich Kittler und Wolfgang Scherer im Fink Verlag. 2025 wurde als Juniorprofessorin für Sound Studies an die Leuphana berufen.

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