Neu an der Leuphana: Prof. Dr.-Ing. Florian Stamer – Wie KI die Industrie verändert

13.04.2026 Die industrielle Produktion steht durch künstliche Intelligenz vor einem tiefgreifenden Wandel. Deutschland verfüge aber über eine besondere Stärke: tiefes Ingenieurwissen und industrielle Erfahrung. „Wenn wir dieses Know-how mit KI kombinieren, entsteht enormes Potenzial“, sagt der neue Professor für Produktionsmanagement.

©Leuphana/Tengo Tabatadze
„Wenn wir KI nicht einsetzen, sind wir nicht mehr konkurrenzfähig", sagt Prof. Dr. Florian Stamer.

Was wie ein kleines Experiment wirkt, steht beispielhaft für den tiefgreifenden Wandel in der industriellen Produktion: Ein Kugelschreiber liegt in Einzelteilen auf dem Tisch. Feder, Hülse, Mine, Kappe. Bisher planten Menschen den Zusammenbau. Längst kann das aber auch die KI: „Das System erkennt die Bauteile, erstellt automatisch einen Arbeitsplan für die Montage und schlägt vor, wie viele Arbeitsplätze benötigt werden“, erklärt Florian Stamer. Die KI berechnet die optimale Reihenfolge der Arbeitsschritte und zeigt, wie sich Durchlaufzeit, Qualität und Kosten verändern.

Die industrielle Produktion steht durch künstliche Intelligenz vor einem tiefgreifenden Wandel. Während vor allem im asiatischen Raum bereits intensiv mit KI gearbeitet werde und viele ausländische Standorte weniger reguliert sind, verfüge Deutschland über eine andere Stärke: „Unser Beitrag kann das Kontextwissen sein, das über Allgemeinwissen hinausgeht. Tiefes Ingenieurwissen und industrielle Erfahrung sind hochkomplex. In Deutschland verfügen wir darüber. Das ist unser Hebel“, erläutert Florian Stamer. Dieses Wissen müsse nun in skalierbare Systeme übertragen werden: „Wenn wir KI nicht einsetzen, sind wir nicht mehr konkurrenzfähig. Wir dürfen nicht zu konservativ denken und versuchen, den Wandel aufzuhalten. Ziel ist es, diese Systeme zu nutzen, um uns zu transformieren und unsere Industrie zu sichern. Denn wenn die Industrie verschwindet, ist unser Wohlstand gefährdet.“

Gerade in diesem Zusammenhang sind Florian Stamers Forschungsergebnisse interessant, denn KI kann zwar Kosten sparen, arbeitet aber nicht fehlerfrei: „Das größte Problem der heutigen KI ist die Robustheit. Die Systeme machen noch zu viele Fehler. In der Produktion kann das im schlimmsten Fall zu erheblichen Mehrkosten führen“, unterstreicht er. 

Die Lernfabrik an der Leuphana kann die Probleme sichtbar machen: Studierende, Forschende und Unternehmen testen Produktionsprozesse in einer realitätsnahen Umgebung – ohne wirtschaftliches Risiko. In der simulierten Produktionsumgebung werden etwa Modelle aus dem Fischer-Technik-System montiert, analysiert und optimiert. Kennzahlen wie Qualität oder Produktivität lassen sich direkt messen. Veränderungen an Arbeitsplätzen oder Abläufen werden unmittelbar sichtbar.

Auch wenn KI künftig mehr Aufgaben übernehme, müsse das kein Nachteil sein. „Unternehmen werden möglicherweise mit weniger Menschen auskommen. Wichtig ist, dass die Wertschöpfung hier stattfindet.“

Universitäten spielen für ihn bei dieser Transformation eine entscheidende Rolle: „Die jungen Menschen brauchen nicht weniger, sondern mehr Wissen. Universitäten müssen Studierende schneller und weiter ausbilden, etwa durch enge Kooperation mit Unternehmen und dem Lernen aus echten Produktionsdaten.“

Die Leuphana sieht er dafür als passenden Ort: „Ich möchte gestalten. Die Leuphana bietet genau den Raum, um Dinge ganz neu zu denken und zu gestalten. Sie ist hier deutschlandweit Vorreiterin." Interdisziplinarität ist für ihn eine der großen Stärken der Leuphana: „Die Herausforderungen sind so groß, dass sie am besten von einem Netzwerk angenommen werden.“

Trotz aller Veränderungen blickt der Professor optimistisch in die Zukunft: „Wandel hat es schon immer gegeben. Entscheidend ist, dass wir ihn aktiv gestalten.“

Florian Stamer studierte Wirtschaftsingenieurwesen mit Fachrichtung Maschinenbau an der RWTH Aachen University. 2017 begann er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Produktionstechnik (wbk) des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). Von Januar 2022 bis Juni 2025 war er dort Oberingenieur und Gruppenleiter im Bereich Qualitätssicherung. Parallel dazu schloss er seine Promotion 2022 ab. Bis 2025 leitete Florian Stamer zudem eine Nachwuchsgruppe. Seit Juli 2023 ist er Research Affiliate bei der internationalen Akademie für Produktionstechnik CIRP. 2025 übernahm Florian Stamer die Professur für Produktionsmanagement an der Leuphana Universität Lüneburg.

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  • Prof. Dr.-Ing. Florian Stamer