Forschungsprojekte

Was zählt die Stimme einer Lehrkraft?

Seit über 50 Jahren wird bereits zum Thema „Lehrerstimme“ geforscht. Egon ADERHOLD wies z.B. 1963 mit folgender Aussage u.a. auf Studien von NEUMANN aus dem Jahre 1930 hin: „Es gibt umfangreiche Untersuchungen und Statistiken über die Lehrerstimme, und es hat nie an ernsten Warnern gefehlt, die dringend mahnten, den Lehrer besser stimmbildnerisch zu betreuen.“ In einer Befragung von NIENKERKE-SPRINGER gaben 53,4% der befragten LehrerInnen an, dass ihre Stimme nicht belastbar sei (1997), bei Claudia HAMMANN waren es sogar 76% (1994). WENTNER und HAVRANEK notierten nach einer Untersuchung zu Arbeitszeit, Zufriedenheit, Beanspru-chungen und Gesundheit von 6861 LehrerInnen in Österreich im Jahre 2000: „Hals- und Stimmprobleme, Kopfschmerzen, Probleme mit dem Stützapparat wurden in der arbeitsmedizinischen Untersuchung von den LehrerInnen als häufigste Beschwerde genannt“ (2000). GUTENBERG (2003) untersuchte 1284 angehende DeutschlehrerInnen und stellte bei 16,86% eine Diagnose über eine Stimmerkrankung, bei weiteren 29,96% eine Prognose über zukünftige Stimmerkrankungen. LEMKE et al. konnten durch eine Studie an der Universität Leipzig zeigen, dass 40% der Lehramtstudierenden bereits Stimm- und Sprechauffälligkeiten aufwiesen. DE JONG et al. (2006) fanden im Rahmen ihrer Untersuchung mit 1.878 holländischen Lehrkräften und 239 Kontrollpersonen heraus, dass über 50% während ihrer Laufbahn unter Stimmbeschwerden leiden.

An der Leuphana Universität Lüneburg wurde unter der Leitung von Frau Professor Dr. Eva Neidhardt und Dagmar Puchalla, Fachkoordinatorin für Sprecherziehung, ein Pilot-Forschungsprojekt zur Stimmbelastung von Lehrkräften Lüneburg durchgeführt. Die Ergebnisse können Sie hier als pdf-Datei herunterladen.

Während in den USA bereits u.a. ein webbasiertes Sprechtraining für Lehrer/innen existiert – die sogenannte Voice Academy –, um möglichst vielen Lehrkräften und Studierenden die Gelegenheit zu geben, wichtige Aspekte für ihre Stimmbildung zu erkennen, gehört in Deutschland die Sprecherziehung nur an wenigen Universitäten zum Lehrerbildungsstudium. An der Leuphana Universität Lüneburg wird Sprecherziehung im Rahmen eines Wahlpflichtmoduls angeboten. Hier liegt eine konsequente Umsetzung der Masterverordnung für Lehrämter in Niedersachsen (2007) vor. Für den Kompetenzbereich  „Sprachwissenschaft, Sprachdidaktik und Sprecherziehung“ ist hier übergreifend für alle Lehramtsstudiengänge bzw. für Lehramtsanwärter/innen in allen Schularten festgelegt, dass die Studierenden Grundsätze der Sprechwissenschaft und Sprecherziehung kennen und Techniken der sprecherischen Gestaltung eigener Redebeiträge anwenden sollen. Dazu gehören praktische Anteile wie Atemübungen, Artikulationsübungen, Körperhaltung ebenso wie Kommunikationstheorien und –modelle zur Analyse und Gestaltung sprachlicher Handlungen.

Übrigens ist die Stimme der Lehrkraft auch für die Schüler/innen wichtig: für das Verstehen von Sprache ist das Verhältnis des Nutzschalls (u.a. Sprache der Lehrkraft) zum Störgeräusch (Umgebung, Geräusche der Mitschüler/innen, Nachhall im Klassenraum) von großer Bedeutung. Im Allgemeinen wird die Abkürzung S/N nach dem englischen „Signal to Noise Ratio“ verwendet (Boothroyd 2004). Eine ausgebildete Lehrerstimme ist also nicht nur für die Lehrergesundheit, sondern auch für den Lernerfolg der Schüler/innen von großem Nutzen. Und last but not least: DIE ZEIT berichtete im Februar 2008 von schätzungsweise 11.000 Unterrichtsstunden pro Jahr, die wegen Stimmproblemen der Lehrkräfte ausfielen (DIE ZEIT, 28.02.2008 Nr. 10). Eine wissenschaftlich fundierte Stimmausbildung dürfte auch unter diesem Aspekt zu einer win-win-Situation führen.