Medienpädagogik und (Medien-) Sozialisation im Spiegel zentraler gesellschaftlicher Herausforderungen des 21. Jahrhunderts

Frühjahrstagung der Sektion Medienpädagogik (DGfE) am Donnerstag, 30. und Freitag, 31. März 2023 an der Leuphana-Universität Lüneburg

Eine Kooperation der Leuphana Universität und der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), organisiert von Henrike Friedrichs-Liesenkötter, Jane Müller, Anja Schwedler-Diesener und Mareike Thumel

Hier finden Sie den Call for Papers.

Thema

„Deutschland und Europa stehen im 21. Jahrhundert vor der Aufgabe, große Veränderungen zu bewältigen, die durch Treiber wie Klimawandel, Globalisierung, Digitalisierung und Demographie beeinflusst werden“ (BMBF 2022). Dabei lassen sich aktuell vielfältige globale Herausforderungen benennen, die eng miteinander verflochten sind. An dieser Stelle möchten wir exemplarisch drei benennen:

Die Themen Umwelt und nachhaltige Entwicklung sind zentrale Themen unserer Gesellschaft, die vielfach diskutiert werden und für die sich insbesondere junge Heranwachsende (Quenzel et al. 2019) durch die Streiks der Fridays for Future-Bewegung lautstark einsetzen. Deren übergeordnetes Ziel ist die Einhaltung der Klimaziele, die die Staaten im UN-Weltklima-Abkommen 2015 in Paris beschlossen. Der Klimawandel wurde zuletzt unter den Eindrücken von Naturkatastrophen medial aufgegriffenen. Parallel dazu erlebt die Gesellschaft einen Digitalisierungsschub. Digitale Medien sind zentrale Kommunikations- und Organisationsmittel in der Freizeit und im Beruf – verstärkt durch die COVID-19-Pandemie – und auch im Bildungsbereich, zumindest in der Schule, wird die Ausstattung mit digitalen Technologien gefördert. Eine hohe Innovationsdichte stellt ein zentrales Charakteristikum der tiefgreifenden Mediatisierung dar. Infolge dieser werden immer neue Geräte auf den Markt gebracht – sei es aus ökonomischen Verwertungslogiken und/oder aus Gründen tatsächlicher Verbesserungen der bestehenden Technik, teils ohne die daraus resultierenden Folgewirkungen mitzubedenken (bspw. ökologischer Rebound-Effekt). Ob das jeweils neue digitale Device tatsächlich gebraucht wird, durch ein Software-Update nötig wird oder der Bedarf erneut einer kapitalistischen Marktlogik entspringt, ist dabei zu diskutieren. Zweifelsfrei steigt der Ressourcenverbrauch, der Bedarf an ‚conflict minerals‘, der Bedarf an elektrischer Energie und die mit der Digitalisierung verbundenen CO2-Emmissionen (Sühlmann-Faul & Rammler 2018). Demgegenüber sind digitale Tools zentral, um mit Herausforderungen wie extremen Wetterphänomenen umgehen zu können (z.B. durch Warnsysteme) (Barberi, Grünberger, Himpsl-Gutermann & Ballhausen 2020) und sind zu allererst auch jene technischen Hilfsmittel, die so etwas wie den Klimawandel erst berechenbar machen (Chun 2015). Es stellt sich unter anderem die Frage, wie die Gesellschaft, ihre Akteur*innen und in diesem Zusammenhang auch die (Medien-) Pädagogik mit Blick auf eine anzustrebende verantwortungsvolle Balance von Digitalisierung und Nachhaltigkeit agieren kann (Schluchter & Maurer 2021).

Doch die Frage nach einer nachhaltigeren Entwicklung unserer Gesellschaft, sollte nicht nur auf die ökologische Dimension beschränkt werden, indem die Digitalität insbesondere auch demokratische Strukturen ins Wanken bringen kann und es insofern ein Mehr an demokratischen Aushandlungsprozessen und „Diskursarenen“ (WBGU 2018) braucht: Digitale Medien, allen voran das Internet, gelten mit ihrer Fülle an Information als Tor zur Welt. Das Thema Desinformation ist in diesem Zusammenhang seit mehreren Jahren bekannt. Im Zuge der Corona-Pandemie und damit aufkommender Verschwörungsmythen sowie durch manipulierte Bilder und Videos, u.a. zum Krieg in der Ukraine, hat das Thema Desinformation in jüngster Zeit jedoch weiter an Brisanz gewonnen und wird nun vermehrt in medienpädagogischen Materialien und Projekten aufgegriffen. Das oftmals formulierte Risiko, dass Desinformationen zur Gefahr von Demokratien werden können, gewinnt im aktuellen politischen Geschehen zunehmend an Brisanz (Schünemann 2021). Dementsprechend stehen sich die mediale Omnipräsenz und schwer zu durchschauende Technologien in vielfältiger Weise als Herausforderungen, aber auch als Chance gegenüber. Einher geht dies mit veränderten Konstellationen aus Akteur*innen, Interessen und Angeboten. Darüber hinaus gewinnt die Aushandlung von Regeln und Normen des Zusammenlebens, die durch die Digitalität (z.B. Algorithmizität, Datafizierung) vielfach irritiert sind, an Bedeutung (Grimm et al. 2019). In diesem Kontext stellt sich unter anderem die Frage, wie die Medienpädagogik zur Förderung und Stärkung der Demokratie beitragen und Bürger*innen unterstützen kann, sich mit gesellschaftlichen und politischen Fragen kritisch auseinanderzusetzen und allen die aktive Teilnahme am politischen Leben zu ermöglichen.

Der Zerfall von Demokratien, Kriege, politische oder religiöse Verfolgungen oder Vertreibungen, aber auch wirtschaftliche Nöte führen zu Flucht- bzw. Migrationsbewegungen. Digitale Medien spielen im Hinblick auf Flucht bzw. Migration eine zentrale Rolle: Medial vermittelte Bilder können Fluchtentscheidungen prägen, etwa wenn besonders geschönte Vorstellungen des Ziellands gezeigt werden. Während der Flucht haben Handys bzw. Smartphones eine existenzielle Bedeutung, indem Fluchtwege navigiert oder Notrufe abgesetzt werden können (vgl. Emmer et al. 2016; Richter et al. 2018). In der Phase nach der Flucht stellen digitale Medien das Bindeglied zu Familie und Freund*innen im Herkunftsland dar. Des Weiteren kann im Ankunftsland einerseits über die Nutzung und Auseinandersetzung mit digitalen Medien in der informellen Lebenswelt sowie in formalen und non-formalen Bildungsarrangements Orientierung, Bildung und Teilhabe vermittelt (Friedrichs-Liesenkötter et al. 2020), andererseits im Zuge einer verschärften Digitalität auch bestehende (digitale) Ungleichheiten weiter verschärft werden (Fujii et al. 2021). Unter anderem stellt sich hier die Frage, wie (medien-)pädagogische Praxis gestaltet sein sollte, um zielgruppengerecht die Bewältigung von Herausforderungen im Lebensalltag von jungen Personen mit Migrations-/Fluchterfahrung begegnen und Prozesse der Medienbildung bzw. media literacy anregen zu können (Bruinenberg et al. 2021).

Die genannten Beispiele können als gesellschaftliche Herausforderungen gerahmt werden, da sie potenziell, direkt oder indirekt auf das Leben und Aufwachsen Einfluss nehmen. Sie finden in einer Gesellschaft statt, die als (tiefgreifend) mediatisiert (Hepp 2021) bzw. durch eine Kultur der Digitalität (Stalder 2016) geprägt beschrieben werden kann. Gesellschaftliche Herausforderungen begegnen Menschen medial vermittelt über unterschiedliche Zugangswege und werden von ihnen ebenso aufgegriffen und weiterverarbeitet. Dabei agieren sie im Rahmen der Möglichkeiten, die Plattformbetreibende, Gesetzgebende oder – im Fall Heranwachsender – Erziehungsberechtigte für sie vorgeben und gestalten. Dies bedeutet für einige Gruppen auch, dass sie durch die vorfindlichen Gesellschaftsstrukturen von entsprechenden Prozessen ausgeschlossen bleiben. Damit wird deutlich, dass globale gesellschaftliche Herausforderungen auf unterschiedlichen Ebenen Lebenswelten und damit heutiges Aufwachsen tangieren und/oder verändern. Sie werden somit für die Medienpädagogik als Fachdisziplin und als Praxisfeld zunehmend relevanter.

Vor diesem Hintergrund möchte die Frühjahrstagung 2023 der Sektion Medienpädagogik der DGfE eine Plattform bieten, sich damit auseinanderzusetzen, inwiefern die beschriebenen Herausforderungen in der Medienpädagogik aufgegriffen werden könn(t)en und soll(t)en.

Einreichungen

Wir freuen uns über Beiträge, die sich mit den folgenden oder daran anknüpfenden Fragestellungen theoretisch oder empirisch auseinandersetzen:

  • Welche Bedeutung haben die (beschriebenen oder weitere) Herausforderungen im Zuge der (Medien-) Sozialisation von Kindern und Jugendlichen und auch über die gesamte Lebensspanne hinweg? Wie werden spezifische (ggf. benachteiligte) Personengruppen durch die Medienpädagogik in diesem Zusammenhang adressiert?
  • Welche Zielstellungen ergeben sich aus den beschriebenen oder weiteren globalen Entwicklungen für die Rolle der Medienpädagogik? Welche (neuen) theoretischen und/oder empirischen Zugänge braucht es? Wie können die Themen in der medienpädagogischen Praxis aufgegriffen werden?
  • Wie greifen verschiedene Akteur*innengruppen aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen in ihrem Alltag auf? Inwiefern beziehen sie sich auf diese? Welche interdisziplinären Anschlussstellen können für die Weiterentwicklung des Faches Medienpädagogik fruchtbar gemacht werden? Welche Schnittstellen/ Themenfelder werden für die Aus- und Fortbildung der pädagogischen Fachkräfte relevant?
  • Welche Rolle kommt digitalen Medien dabei zu, die beschriebenen oder weitere globale Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu bearbeiten? Welche Unterstützung im Hinblick auf diese spezifischen Herausforderungen brauchen die Heranwachsenden sowie die pädagogischen Fachkräfte?

Insofern es im Kontext gesellschaftlicher Herausforderungen auch in gewissem Maße um ein Antizipieren zukünftiger Entwicklungen geht, sind auch solche Beiträge willkommen, die empirische oder theoretische Ansätze sowie Gedankengänge skizzieren, deren Erarbeitung aber noch nicht abgeschlossen ist. Wir möchten insofern auf der Tagung eine „Diskursarena“ eröffnen, wie dies vom WBGU (2018) gefordert wird.

Neben Einreichungen zum aktuellen Thema der Frühjahrstagung besteht die Möglichkeit zur themenunabhängigen Präsentation von (Zwischen-)Ergebnissen aus laufenden Forschungsprojekten. Beiträge sollten bereits im Abstract entsprechend ausgewiesen werden. Die Tagung möchte dazu einladen, über bestehende Forschungsarbeiten zu informieren, aber ebenso die Möglichkeit eröffnen, zukünftige (gemeinsame) Arbeiten (ggf. auch interdisziplinär) anzuregen. Zu diesem Zweck stehen insgesamt vier Formate der Beteiligung zur Verfügung: Poster, Vorträge, thematische Panels und Workshops. Interessierte sind eingeladen, Abstracts im Umfang von 500 Wörtern (exkl. Literatur) für Poster und Einzelvorträge sowie von insgesamt 1500 (exkl. Literatur) Wörtern für Panels (Manteltext und Einzelabstract) bzw. Workshopideen einzureichen.

Beiträge zum Doktorand:innenforum

Im Rahmen der Tagung organisiert das Junge Netzwerk Medienpädagogik ein Doktorand:innenforum für Wissenschaftler:innen in der Promotionsphase. Hierzu können vom Tagungsthema unabhängige Beiträge als Vorträge oder Poster eingereicht werden. Im Doktorand:innenforum werden den Beitragenden etablierte Wissenschaftler:innen aus der Fachgemeinschaft als Critical Friends zur Seite gestellt, die ihnen im Anschluss an ihren Beitrag ein kritisch-konstruktives Feedback zu ihrem Projekt und Hinweise für die weitere Arbeit geben.

Frist und zeitliches Vorgehen

Interessierte sind eingeladen, Abstracts im Umfang von 500 Wörtern (exkl. Literatur)
bis zum 15. Dezember 2022 einzureichen. Für das Doktorand:innenforum bitten wir zusätzlich um eine Kurz-Vita (ca. 500 Zeichen) sowie die Angabe der Namen der aktuellen
Betreuer:innen und evtl. Wünsche für eine:n Critical Friend.

Die Abstracts können über das ConfTool hochgeladen werden. Die Mitteilung über die Annahme der Abstracts erfolgt Anfang 2023.

Die Beiträge der Frühjahrstagung können im Anschluss an die Tagung in ein gleichnamiges Themenheft der Zeitschrift MedienPädagogik eingereicht werden. Daher sind Autorinnen und Autoren aufgerufen, ihre Beiträge bereits frühzeitig zu verschriftlichen, um den Veröffentlichungsprozess zu verkürzen.

Literatur

Barberi, A., Grünberger, N., Himpsl-Gutermann, K., Ballhausen, T. (2020): Editorial 3/2020: Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Medienpädagogik? – Über neue Herausforderungen und Verantwortungen. In: medienimpulse, Jg. 58, Nr. 3. https://journals.univie.ac.at/index.php/mp/article/view/4120/

BMBF (2022): Gesellschaftliche Herausforderungen meistern. Online: https://www.bmbf.de/bmbf/de/forschung/geistes-und-sozialwissenschaften/gesellschaftliche-herausforderungen-meistern/gesellschaftliche-herausforderungen-meistern_node.html zuletzt geprüft 02.08.2022

Bruinenberg, H., Sprenger, S., Omerović, E., & Leurs, K. (2021). Practicing critical media literacy education with/for young migrants: Lessons learned from a participatory action research project. International Communication Gazette, 83(1), 26–47. https://doi.org/10.1177/1748048519883511 

Chun, W. H. K. (2015). On Hypo-Real Models or Global Climate Change: A Challenge for the Humanities. Critical Inquiry, 41(3), 675 703. https://www.jstor.org/stable/10.1086/680090

Emmer, M., Richter, C. & Kunst, M. (2016): Flucht 2.0. Mediennutzung durch Flüchtlinge vor, während und nach der Flucht. Freie Universität Berlin. Berlin: Universitätsbibliothek.

Friedrichs-Liesenkötter, H., Hüttmann, J. & Müller, F.-M. 2020. Teilhabe von geflüchteten Jugendlichen im Kontext digitaler Medien. Digital unterwegs in transnationalen Welten, in: Peterlini, H. K. & Donlic, J. (Hrsg.): Digitale Medien. Jahrbuch Migration und Gesellschaft Band 2019/2020. Bielefeld: transcript, 69 – 84. DOI: 10.14361/9783839444801-005

Fujii, M. S., Hüttmann, J., Kutscher, N. & Friedrichs-Liesenkötter, H. 2021. Participation?! Educational Challenges for Young Refugees in Times of the COVID-19 Pandemic, in: Media Education 11(2): 37-47. doi: 10.36253/me-9605

Grimm, P., Keber, T., Zöllner, O. (2019): Digitale Ethik. Leben in vernetzten Welten. Stuttgart: Reclam.

Hepp, A. (2021): Auf dem Weg zur digitalen Gesellschaft. Über die tiefgreifende Mediatisierung der sozialen Welt. Köln: Herbert von Halem Verlag.

Quenzel, G., Hurrelmann, K., Albert, M. & Schneekloth, U. (2019): Jugend 2019: Eine Generation meldet sich zu Wort. In: Shell Deutschland Holding (Hrsg.): Jugend 2019. Eine Generation meldet sich zu Wort, 313-324.

Richter, C., Emmer, M., & Kunst, M. (2018). Flucht 2.0: Was Geflüchtete wirklich mit ihren Smartphones machen. Social Transformations, 2(2). URL: https://www.socialtrans.de/index.php/st/article/view/20

Schluchter, J.-R. & Maurer, B. (2021): Editorial: Medienbildung für nachhaltige Entwicklung. In merz Zeitschrift für Medienpädagogik. 2021/4. https://www.merz-zeitschrift.de/alle-ausgaben/details/2021-04-medienbildung-fuer-nachhaltige-entwicklung/

Stalder, Felix (2017): Kultur der Digitalität. 3. Auflage, Originalausgabe. Berlin: Suhrkamp

Schünemann, Wolf J. (2021). Das Desinformationsdilemma – Demokratische Herausforderungen durch Falschnachrichten und ihre Bekämpfung. In: Deichmann, Carl/Partetzke, Marc (Hrsg.). Demokratie im Stresstest. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, S. 193–210.

Sühlmann-Faul, F. & Rammler, S. (2018): Der blinde Fleck der Digitalisierung. Wie sich Nachhaltigkeit und digitale Transformation in Einklang bringen lassen. München: oekom Verlag.

WBGU, W. B. der B. G. U. (WBGU). (2018). Digitalisierung Worüber wir jetzt reden müssen.https://www.wbgu.de/fileadmin/user_upload/wbgu/publikationen/factsheets/digitalisierung.pdf

Organisationsteam & Kontakt

Prof. Dr. Henrike Friedrichs-Liesenkötter (Leuphana Universität Lüneburg), Dr. Jane Müller (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg), Anja Schwedler-Diesener (Leuphana Universität Lüneburg), Mareike Thumel (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg)

FA ©Henrike Friedrichs-Liesenkötter
Leuphana ©Leuphana

Anmeldung

Nähere Informationen folgen demnächst.

Programm

Nähere Informationen zum Tagungsprogramm folgen Anfang 2023.

Anreise & Übernachtung

Nähere Infos folgen demnächst.

Sektion Medienpädagogik der DGfE ©Henrike Friedrichs-Liesenkötter