Porträt Prof. Dr. Christoph Brunner ©Leuphana
Christoph Brunner, Juniorprofessur für Kulturtheorie am Institut für Philosophie und Kunstwissenschaft
Freiheit ist gerade ein zentrales Thema im öffentlichen Diskurs, etwa bei den Diskussionen darum, wie weit der Staat im Zuge von Pandemiebekämpfung in Freiheitsrechte eingreifen darf. Ist die gesellschaftliche Freiheit in Gefahr?
Das kommt ganz auf den Standpunkt an. Wenn man derlei liest oder im Fernsehen sieht, sollte man immer nachschauen, wer genau das sagt und unter welchen Bedingungen und aus welcher (Macht-) Position heraus die Person spricht.
Zumindest scheint auch die Wissenschaft davon betroffen zu sein: Vor Kurzem wurde ein nationales „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit“ gegründet.
Im konkreten Fall des Netzwerks für Wissenschaftsfreiheit betreibt eine Gruppe Hochschulangehöriger (im Übrigen in der Mehrzahl männliche Lebenszeitprofessuren) einen Diskurs, der sich im Namen der Freiheit von Lehre und Forschung gegen vermeintlich ideologisierte Angriffe wehrt. Ohne stichhaltige Belegbarkeit wird hier eine Scheindebatte losgetreten, die, so meine Meinung, allein dem Erhalt vorherrschender Machtstrukturen in der Wissenschaft dient - und das unter dem Deckmantel der Unantastbarkeit von Forschung und Lehre. Dabei verkennt das Netzwerk sowohl die eigenen, historisch gewachsenen, Privilegien als auch die Grundlage jeder ernstzunehmenden Wissenschaftlichkeit: kritische Selbstbefragung und Neugierde auf das Andere und Unbekannte. Diese Neugier stellt die Frage nach der Genealogie des Freiheitsbegriffs, seiner Verwendung, seine stetige Differenzierung und Überprüfung im Angesicht der Gegenwart.
Was meinen Sie mit „kritischer Selbstbefragung“?
Viele Menschen befinden sich aufgrund von Glauben, Herkunft, Aussehen, Geschlecht oder politischer Überzeugung in Unterdrückungssituationen. Für sie ist Freiheit ein existenzielles und kein ideelles Gut. Hierzu findet dieses Semester gemeinsam mit den Hochschulen Hannover, Göttingen, Bremen, Oldenburg und dem Scholars at Risk Netzwerk eine Vortragsreihe zu Politics of Repression – Strategies and Resistances in Scholarship statt. Die hier zu Wort kommenden Wissenschaftler*innen haben mit erheblichen Repressalien und lebensbedrohenden Situationen in ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit zu kämpfen. Für mich sind es Positionen wie diese, die helfen können, einen verklärten Freiheitsbegriff des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit vom Kopf auf die Füße zu stellen. Die Debatte zu Freiheit in der Wissenschaft schaut in Deutschland zu wenig über den eigenen Tellerrand hinaus. Im kommenden Wintersemester organisiere ich übrigens dazu gemeinsam mit Andrea Kretschmann auch die Ringvorlesung „Freiheit. Access denied?“.
Wie wird Wissenschaft unterdrückt?
Es gibt ein ganzes Arsenal an Strategien, Taktiken und Instrumenten. Es geht hierbei zumeist um strukturelle, institutionalisierte und redundante Formen von Macht, die nicht ad hoc, sondern zumeist graduell und durch strukturelle Modifikationen vorgenommen werden.
Bitte nennen Sie ein Beispiel.
Etwa die Verbannung der Gender Studies von ungarischen Hochschulen durch die Orban-Regierung. Kürzlich wurden auch die Stiftungsräte an allen ungarischen Hochschulen mit nicht-abwählbaren Fidesz-nahen Personen neu besetzt. In Brasilien passieren momentan ähnliche Dinge, Hochschulleitungen werden aus zentraler Stelle und durch politische Funktionäre aus dem Bolsonaro-Umfeld neu besetzt anstatt über öffentlichen Ausschreibungen. Oder die Universitätsgesetz-Novelle mit der die Kurz-Regierung versucht, die österreichischen Universitätssenate bei der Neubesetzung der Rektorate zu entmachten.
Aber so richtig entlassen wurde ja an diesen Orten trotzdem niemand.
Dem ist leider nicht so: In der Türkei wurden letzthin dutzende vermeintliche Kritiker*innen des Erdoğan-Regimes an Universitäten entlassen. Doch es stimmt schon, meist dauert es lange, bis wirklich Köpfe rollen. Es ist aber zumeist auch gar nicht das Ziel der Unterdrückung. Es geht viel eher um Angst, Einschüchterung und eine sich zunehmend ausbreitende Paranoia, die nicht selten in Selbstzensur mündet. Spannend ist hieran, dass ähnliche Effekte der Zensur im Bedrohungsdiskurs des Netzwerks für Wissenschaftsfreiheit bemängelt werden. Jedoch greift auch hier die Verdrehung einer, meiner Meinung nach, berechtigten Kritik an historischen Machtstrukturen und deren Reproduktion. Mit dem Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit, unter anderem gegen Gender oder Post-Colonial Studies, wird nicht nur ein typisch westlicher normativer Wissenschaftsbegriff fortgeschrieben, sondern auch Freiheit für einen selbst eingefordert und anderen Positionen nicht zugestanden.
Dass anderen Positionen keine Freiheit zugestanden wird, ist ja auch ein Vorwurf an die „Cancel Culture“.
Der Begriff „Cancel Culture“ verstärkt diese Ungleichheit weiter. Die ganzen gegenwärtigen Debatten zur „Cancel Culture“ sind eine Art Fundamentalkritik, mit dem Ziel der Ruhigstellung einer unliebsamen Position. In der Diffamierung von ernstzunehmender und fundierter Kritik als „Cancel Culture“, werden Herrschaftspraktiken fortgeschrieben, die seit Jahrhunderten bestimmte Teile der Menschheit privilegieren - allen voran den weißen, westeuropäischen, heterosexuellen Mann. Dies ist meines Erachtens die zentrale Unterdrückung von Wissenschaft, die es in ihrer historischen Gewordenheit und institutionalisierten Form abzuschaffen gilt.
Im Kontext der „Cancel Culture“-Debatte fällt häufig der Begriff „Ideologie“ und zwar in der Regel nur um die Position der Gegenseite zu beschreiben. Lässt sich mit dem Begriff noch etwas anfangen, lässt er sich vielleicht wieder fruchtbar machen?
Ideologie ist für mich ein machtanalytischer Begriff, der versucht die Verknüpfung von Haltungen, Diskursen, Institutionen, und Praktiken in ihrer umfassenden Durchsetzungskraft zu erfassen. Ideologie ist daher nicht einfach nur eine Gesinnung oder Meinung, sondern ein strukturelles Phänomen. Der Ideologiebegriff ist zumeist an den Wahrheitsbegriff gekoppelt. Dies zeigt sich auch in der Debatte um Wissenschaftsfreiheit. Da wird dann häufig davon ausgegangen, dass man nur irgendwie das Bewusstsein von Ideologie befreien müsste, um dann Wahres von Falschem trennen zu können und so eine verzerrte Realität ins rechte Licht gerückt wird. Ich denke ein solcher Ideologiebegriff reicht nicht aus, um die Komplexität gegenwärtiger kultureller Machtverhältnisse zu verstehen.
Manchmal wird auch Gender Studies oder Nachhaltigkeitswissenschaften vorgeworfen, normativ und ideologisch zu sein.
Ja, der Ideologievorwurf im Sinne eines falschen Bewusstseins wird unter anderem den Gender Studies als unwissenschaftlich entgegengebracht. Dies geschieht aus einer Position der institutionalisierten Sicherheit heraus, die sich qua Existenz legitimiert, inklusive ihrer fachdisziplinären Kategorien, Begriffen und Kommunikationsformen. Aus diesem Nexus von Beziehungen heraus entstehen ein Freiheits-und Wissensbegriff, die sich universalistisch gebaren, jedoch alles andere als universell sind, sobald man das westliche Wissenssystem verlässt.
Aber wäre es nicht deutlich bequemer, es beim jetzigen Stand zu belassen?
Gegenfrage: Ist es nicht legitim zu fragen, wie Freiheit und Wissen „anders“ werden, wenn man die Zentren ihrer Macht gegen eine Vielheit von sich befragenden Perspektiven eintauscht? Das meint nicht, wie einst Alan Sokal behauptete, ein „anything goes“, sondern viel mehr ein Wissenschaftsverständnis, das sehr wohl macht-sensibel und im historischen Bewusstsein agiert und genau dadurch in der Lage ist, den Weg der eigenen Transformation zu beschreiten. Und, klar: Transformation ist unbequem.   
Vielen Dank für das Interview!

Politics of Repression

Zusammen mit der Universität Hannover und weiteren Universitäten organisiert Christoph Brunner im Sommersemester 2021 die Vortragsreihe „Politics of Repression - Strategies and Resistances in Scholarship“. Die Reihe über unterdrückte, verfolgte und bedrängte Wissenschaftler*innen weltweit soll zum Nachdenken anregen, Einblicke in die akademische Realität von Forschenden geben und ein Umdenken initiieren. Hier finden Sie alle Termine der Reihe sowie den an der Leuphana stattfindenden Vortrag von Flavia Meireles.