Earth Overshoot Day: Mit den Ressourcen auskommen, die jetzt zirkulieren

26. Mai

Mit dem Erdüberlastungstag (Earth Overshoot Day) macht das Global Footprint Network den Zeitpunkt sichtbar, zu dem die Menschheit mehr Ressourcen verbraucht, als die Erde regenerieren kann. Würden alle Länder so agieren wie Deutschland, wären die natürlichen Rohstoffe für dieses Jahr bereits am 10. Mai aufgebraucht. In der Leuphana Innovation Community Nachhaltige Produktion arbeiten Forschende, Industrieunternehmen und Wirtschaftsverbände daran, Methoden und Technologien zu entwickeln und zu implementieren, um natürliche Rohstoffe nachhaltiger zu nutzen. Im Interview sprechen Noomane Ben Khalifa, Professor für Fertigungstechnik an der Leuphana, und Dr. Hajo Dieringa vom Helmholtz-Zentrum Hereon über effektive Chancen durch Recycling und Kreislaufwirtschaft made in Europe.

©Julia Valtwies
Dr. Hajo Dieringa vom Helmholtz-Zentrum Hereon und Noomane Ben Khalifa, Professor für Fertigungstechnik an der Leuphana

Julia Valtwies: Laut Global Footprint Network hat Deutschland seine Ressourcen für dieses Jahr rein rechnerisch schon verbraucht. Wo sehen Sie aktuell die größten Hebel in der industriellen Produktion, Ressourcen zu schonen und Emissionen zu senken?

Noomane Ben Khalifa: Wir sollten zuerst das Produktdesign überprüfen. Verwende ich so viel Material wie nötig oder so viel wie möglich? Wie ist die Auswahl der Materialien, kann ich sie durch nachhaltigere ersetzen? Was passiert mit dem Produkt am Ende seines Lebenszyklus? Wie kann ich die Materialien wiederverwenden? 

Hajo Dieringa: Die größten Potenziale, um Ressourcen zu schonen, liegen sicherlich in der Intensivierung von Recyclingstrategien. Dafür ist es etwa bei der Konstruktion neuer Maschinen nötig, mitzudenken, dass die einzelnen Bauteile am Lebensende einer Maschine separierbar sein müssen. Darüber hinaus ist der konsequente Umstieg auf regenerative Energien und die Abkehr von fossilen Brennstoffen der einzige Weg, um Emissionen sinnvoll zu senken. 

Valtwies: Sie beschäftigen sich unter anderem mit Recyclingprozessen von Aluminium, ohne das Metall einzuschmelzen. Das schont nicht nur Ressourcen, sondern spart auch etwa 98 Prozent Energie gegenüber der Primärproduktion ein. Warum wird dieses Potenzial aktuell noch nicht konsequent genutzt?

Ben Khalifa: Statt Aluminium einzuschmelzen, erzeugen wir mittels Strangpresse direkt aus dem Aluminium-Abfall neue Produkte. Derzeit erforschen wir noch offene Fragen, wie, welche Lebensdauer haben diese Profile? Werden ihre Eigenschaften über die Zeit schlechter? Diese Produkte könnten aber schon bald dort zum Einsatz kommen, wo sie nicht besonders stark beansprucht werden, etwa als Trägerprofil für Photovoltaik-Module, als Fensterprofile oder in Teilen der Landwirtschaft.

Das primäre Ziel sollte sein, mit den Ressourcen auszukommen, die jetzt zirkulieren. Für uns ist es egal, ob wir Primär- oder Sekundäraluminium verwenden. Wir können das auf alle metallischen Werkstoffe anwenden.

Research Insight: Nachhaltigkeit in der Späneverwertung

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Valtwies: Hajo Dieringa, Sie erforschen das Potenzial von Magnesium für die produzierende Industrie. Es gilt als besonders leichter Werkstoff und könnte etwa im Fahrzeugbau eine zunehmend wichtige Rolle spielen. Welches Potenzial sehen Sie im Recycling von Magnesium, um den Ressourcen- und Energieverbrauch zu reduzieren? 

Dieringa: Magnesium wurde bereits in den 1960er Jahren intensiv im Automobilbau eingesetzt. Derzeit lässt die Nutzung nach, weil China sich ein Quasi-Monopol geschaffen hat. Das hat keine geologischen Gründe, sondern rein ökonomische. Magnesium gibt es überall. Der Aufbau eines eigenen Recyclingkreislaufes in Europa für Magnesium wäre entscheidend, um ungenutzte Potenziale zu heben. Es ließe sich regional etwa aus vorhandenen Salzlagern, Abraum oder Solen gewinnen. Dafür bräuchte es den politischen Willen und die Förderung am Anfang. Natürlich wäre in Deutschland produziertes Magnesium teurer als aus China. 

Valtwies: Welcher Mehrwert ergäbe sich daraus?

Dieringa: Ein höherer Magnesiumanteil würde Autos, Busse, Züge, aber auch Flugzeuge leichter machen. Damit brauchen sie weniger Treibstoff, was Ressourcen schont und den CO2-Abdruck der Fahrzeuge deutlich senkt.

Research Insight: Unabhängig und nachhaltig: Umformen von Magnesium

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Valtwies: Wie kann die Zusammenarbeit von Wissenschaft und produzierenden Unternehmen, wie in der Leuphana Innovation Community Nachhaltige Produktion, den technologischen Fortschritt hin zu einer ressourcenschonenderen Industrie stärken?

Ben Khalifa: Die Wissenschaft entwickelt und erforscht Methoden und Technologien, um Potenziale aufzuzeigen, wie Unternehmen Ressourcen effizient nutzen. Dafür müssen wir aber die Anforderungen der Industrie kennen, wie eine Anwendung implementiert und skaliert werden kann. Das ist die Aufgabe der Community, in der beide Welten zusammenkommen und voneinander lernen.