Universitätsschule
Lüneburg, April 2026. Universitätskliniken kennt jeder – sie stehen für höchste Kompetenz und sind Anlaufstellen, wenn es kompliziert wird. Ein ähnliches Prinzip schwebt Marc Kleinknecht, Professor für Schulentwicklung und Schulpädagogik, für eine Universitätsschule vor: ein Ort, an dem Praxis und Forschung ineinandergreifen als Labor für besseren Unterricht.
Um diese Idee Wirklichkeit werden zu lassen, hat er Lüneburger Schulleitungen an die Leuphana Universität Lüneburg eingeladen. Neun Schulen folgten dem Aufruf – von Grundschulen über Integrierte Gesamtschulen bis hin zu Berufsschulen. Sie wollen sich darüber austauschen, wie Schule sein könnte und wie sie sein sollte, wenn sie noch einmal neu gedacht wird. „Ich denke uns eint hier die tiefe Überzeugung, dass es eine echte Transformation für unser Schulsystem braucht, um die Herausforderungen, vor denen wir stehen anzugehen. Eine Universitätsschule könnte so etwas sein“, sagt Daniela Roßdeutscher, Leiterin des Montessori Bildungshauses in Lüneburg.
Universitätsschule soll Theorie-Praxis-Lücke schließen
Auch die von Roßdeutscher angesprochenen Herausforderungen kommen in dieser Runde konkret auf den Tisch. Wie kann es gelingen auch die leistungsschwächeren Schülerinnen und Schüler mitzunehmen? Wie kann Schule auf das zunehmend wichtige Thema Neurodivergenz reagieren? Welche Lösung gibt es für Inklusion, die bislang noch nicht ausreichend umgesetzt wird? Und auch: Was braucht es, damit Niedersachsen im Bildungsbereich nicht weiter zurückfällt?
Die Wissenschaft hat dazu viele Ideen und Ansätze, sie finden jedoch zu selten den Weg in die Praxis. „Eine Universitätsschule kann eine Win-Win-Win-Situation für alle sein“, ist sich Marc Kleinknecht sicher. „Erstens können neue Unterrichts- und Schulkonzepte umgesetzt werden, die nachweislich zeigen, dass auch schwierige Probleme lösbar sind. Zweitens lernen und forschen Lehramtsstudierende in einer realen schulischen Umgebung. Drittens ist die Universitätsschule selbst ein Reallabor für Innovationen. Anders gesagt: Sie kann experimentierfreudig und agil auf die Zukunftsthemen unserer Zeit reagieren und ihre Lösungen in die Breite übertragen.“
Eine Idee, die auf Resonanz stößt. Stefan Spöhrer, Schulleiter der Johannes-Rabeler-Schule sieht Chancen für die gesamte Stadt Lüneburg. „Ich kenne solche Konzepte aus Schweden. Dort hat die enge Zusammenarbeit von innovativer Forschung und lokalen Schulen spürbare Entwicklungen für die gesamte Stadt hervorgebracht, nicht nur im Bildungsbereich, sondern vor allem auch wirtschaftliche. In Lüneburg haben wir eine starke Universität, bislang fehlt jedoch eine starke Verzahnung mit den Schulen. Das sollte sich ändern!“
Schule als Start-up denken: Entwicklung eines Prototypen
Ideen, was an einer Universitätsschule anders laufen könnte, liefern die Beteiligten an diesem Nachmittag bereits mit: Dazu zählen neue Arbeitszeitmodelle, multiprofessionelle Teams im Unterricht und in der Schulleitung, jahrgangsübergreifendes Lernen sowie eine systematische Lehrkräftefortbildung und Datenerhebung.
Wichtig ist allen: Es muss keine zusätzliche Schule in Lüneburg entstehen, vielmehr könnten bestehende Schulen sich zu einer Universitätsschule transformieren. Auch mit der Hoffnung, das Profil der Lüneburger Schullandschaft um ein neues attraktives Bildungsangebot weiterzuentwickeln.
Für die Umsetzung der Idee will das Entwicklungsteam rund um Professor Marc Kleinknecht nun ein konkretes Modell erarbeiten – orientiert an der Prototypentwicklung von Start-ups. Das Modell soll dem Land Niedersachsen und den kommunalen Schulträgern vorgestellt werden, die die notwendigen Rahmenbedingungen setzen müssen. Deutlich wird allerdings bereits jetzt: Die Motivation der Beteiligten, Lüneburg zu einem Modellstandort für Schulentwicklung zu machen, ist groß.