Zweite Förderphase

Die zweite Förderphase dient dem Vergleich, der Vertiefung und der Systematisierung der gewonnenen Erkenntnisse, sowie ihrer Rückbindung an andere geisteswissenschaftliche Diskussionen. Ziel ist die methodische und begriffliche Erarbeitung der Grundlinien einer technisch informierten Kulturtheorie der Computersimulation (CS). Dazu dienen die Leitbegriffe „Politiken, „Zeitlichkeiten und „Materialitäten. Die Forschung wird an deren Schnittfeldern und Interdependenzen stattfinden und in einer doppelten Wendung eine Kulturtheorie der CS entwickeln, indem sie die Möglichkeitsbedingungen einer solchen zugleich am Gegenstand CS problematisiert. Ziel ist damit eine (für andere Disziplinen herausfordernde) Kulturtheorie der CS und dadurch die nachhaltige Etablierung des Themas in der geisteswissenschaftlichen Forschungslandschaft. Alle Informationen zur zweiten Förderphase können Sie sich zudem bequem als PDF herunterladen.


Weiterführung in der zweiten Förderphase

An die erste Förderphase und ihre fallstudienbasierte, explorative und komparative Analyse der epistemotechnischen Voraussetzungen und Transformationen der Computersimulation in verschiedenen Wissens- und Wissenschaftsfeldern schließt sich in der zweiten Förderphase eine Zuspitzung dessen an, was wir im Erstantrag »Grundorientierung in der Welt« genannt haben. Unser Ziel besteht in der Ausarbeitung einer medientechnisch informierten Kulturtheorie der Computersimulation. Mit diesem Anspruch möchte das MECS die – in der ersten Förderphase noch gesetzte – Beschränkung auf den Simulationsgebrauch verschiedener Wissenschaften erweitern, indem die maßgeblichen Konsequenzen der CS jenseits der durch sie transformierten, wissenschaftlichen Epistemologien in den Blick genommen werden. Damit wird zugleich der Begriff der Medienkulturen konkretisiert, unter dem das MECS firmiert.

Hierzu sollen die bisher gewonnenen Erkenntnisse in Bezug auf eine transformierte Wissenschaftlichkeit der CS aufgenommen und im Hinblick auf die Dynamiken und Konsequenzen von CS für konkrete Wirklichkeitsfelder synthetisiert und erweitert werden. Man könnte von simulationstechnischen »Weisen der Welterzeugung« sprechen, um einen Begriff aufzunehmen, den Nelson Goodman im Anschluß an Ernst Cassirer geprägt hat. Damit konstatieren wir jedoch gerade nicht eine Welt des sogenannten ›Scheins‹, wie es die zeitdiagnostische Literatur (sei es nun in kulturkritischer oder affirmativer Weise) seit Jahrzehnten getan hat. Im Erstantrag unterstellten wir als zentrales Moment wissenschaftlicher CS eine Wendung von ›Repräsentation‹ in Richtung ›Präsentation‹. Doch die aktuell relevantesten Aspekte der CS sind gerade nicht dort zu heben, wo diese primär als nachgeordnete dynamische Modellierungstechniken mit fraglicher Validität begriffen werden, oder wo sich CS als angeblich schleierhafte Stellvertretung über empirische Realitätsbezüge legte. Zu den wesentlichen Beobachtungen der ersten drei Jahre, auf die wir mit den Leitbegriffen der zweiten Förderphase reagieren wollen, gehört, daß Computersimulationen maßgeblich bei der Herausbildung veränderter Zeitsemantiken und sozialer Konstruktionen von Zeit intervenieren, daß sich neue Formen der Kontrolle, des Regierens und des Steuerns auf sie gründen und daß sie zuletzt auch immer tiefer auf das materielle Gefüge der Welt durchgreifen und bereits die philosophische Forderung nach neuen Ontologien provoziert haben.

Eine wesentliche Herausforderung der zweiten Förderphase wird insofern darin bestehen, das Argumentationsmodell kulturpessimistischer »Scheintheorien« zu überwinden, wie sie etwa von Jean Baudrillard im Rahmen seiner Repräsentationskritik aufgestellt wurden, der eine Ununterscheidbarkeit von Simulation und »Wirklichkeit« im Sinne einer melancholischen Kulturkritik beklagt und davon unangetastete Residuen des Realen (Verführung, Magie, Graffiti usw.) aufzuspüren sucht. In Gegensatz dazu legen unsere Forschungsergebnisse nahe, daß eine bloße Repräsentationskritik zu kurz greift. Vielmehr wagen wir nach den ersten drei Jahren des Kollegs die Vermutung, daß man eine Kritik gegenwärtiger CS auf der Ebene des Scheins selbst ansiedeln und eine Kritik der platonisch geprägten Denktradition und ihrer Logik von »Sein und Schein« unternehmen müßte, weil diese angesichts der welterzeugenden Kraft von CS nicht mehr greift. Demnach steht (wie im Erstantrag angedeutet wurde) auch die historische Semantik des Simulationsbegriffs zur Disposition, die – wenn schon nicht verabschiedet – nun diskutiert und von der Epistemotechnik der CS klar unterschieden werden müßte.

Dementsprechend fragen wir im Anschluß an die Anamnesen eines geänderten Wissens, neuer wissenschaftlicher Probleme und eines modifizierten Wissenschaftsverständnisses nun nach den historisch entstandenen und gerade entstehenden Weltverhältnissen der CS. Deren Wirkmächtigkeit als realitätsgebende Verfahren konkretisiert sich – so läßt sich auf Basis der Erkenntnisse der ersten Förderphase feststellen – vor allem in den Schnittflächen und in den Verbindungssträngen von drei elementaren Querschnittsthemen: den Politiken, den Zeitlichkeiten, und den Materialitäten der CS. Diese drei Begriffe sind für sich genommen keinesfalls neu, sie werden jedoch durch CSTechnologien tiefgreifend restrukturiert.


Leitbegriffe

(a) Politiken

(b) Zeitlichkeiten

(c) Materialitäten

Schnittfelder

(a) Politiken | Zeitlichkeiten – Entscheidungen

(b) Materialitäten | Politiken – Faktizitäten

(c) Zeitlichkeiten | Materialitäten – Verfügbarkeiten